Langener Filmemacherin Inga Bremer mit ambitionierter Dokumentation

Aufarbeitung eines Skandals

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Das Filmteam Inga Bremer (Zweite von links), Christina Pitouli (Ton) und Kirstin Schmitt (Kamera) mit Clara Alfonsa Reinoso, die mit 14 schwanger wurde und deren vermeintlich tote Tochter 27 Jahre später wieder auftauchte.

Langen - Es ist einer der größten Skandale in Spanien im 20. Jahrhundert – doch er wird vielfach noch immer totgeschwiegen. Die Langenerin Inga Bremer hat darüber einen Dokumentarfilm gedreht, der in Kürze in die Kinos kommt. Titel: „Francos Erbe – Spaniens geraubte Kinder“. Von Markus Schaible

Wäre der Stoff von einem Romanautor erdacht worden, wäre „unrealistisch“ mit Sicherheit ein Kritikpunkt, den er sich häufiger anhören müsste. Doch der Skandal, den Inga Bremer für Leinwand und Fernsehen aufgearbeitet hat, spielte sich wirklich ab – über Jahrzehnte, von den 1930er bis in die 1990er Jahre hinein, wurden in Spanien Eltern ihre Neugeborenen geraubt und anderen Paaren zur Adoption überlassen. Und, noch unglaublicher: Erst 2011 kam er ans Licht. Damit nicht genug: Die Opfer werden bis heute nicht als solche anerkannt. Und: Viele Spanier wissen gar nicht, dass sie selbst Betroffene sind, weil sie mit gefälschten Papieren als leibliche Kinder ausgegeben wurden.

Es ist also ein brisantes Thema, das sich die 36-jährige Filmemacherin ausgesucht hat. Darauf aufmerksam gemacht wurde sie bereits vor Jahren von ihrer Mutter, der Fotografin Heidi Bremer. Die hatte einen Artikel darüber gelesen, als gerade die ersten Fälle bekannt wurden. „Ich habe dann angefangen zu recherchieren“, erzählt Inga Bremer, „und festgestellt, dass es nicht nur um ein paar Betroffene geht, sondern um 300.000. Da habe ich mir gedacht: Darüber möchte ich gerne einen Film machen.“ Was Bremer herausfand, offenbart eine perfide Praxis, die in Spanien offenbar über Jahrzehnte unentdeckt praktiziert wurde. Überwiegend alleinstehenden Frauen und sehr jungen Eltern wurde vorgegaukelt, ihr Kind sei bei der Geburt oder unmittelbar danach gestorben. Die Babys wurden dann illegal zur Adoption angeboten.

Es begann in der Zeit des Diktators Franco und zog sich bis in die 1990er Jahre weiter. „Die Drahtzieher stammten aus der Oberschicht, waren Intellektuelle, Politiker, kirchliche Amtsträger, Ärzte, Krankenschwestern“, berichtet Bremer. „Abgespielt hat es sich vor allem in kirchlich betriebenen Krankenhäusern.“ Zwischen den ersten Recherchen und dem nun fertigen Film liegen allerdings Jahre. „Ich war damals gerade mit der Filmhochschule fertig“, erzählt Bremer (ihr Abschlussfilm „Perfekte Mädchen“ wurde beim renommierten Sichuan TV Festival in China mit einem Gold Panda Award ausgezeichnet). Und da es speziell für junge Filmemacher schwierig ist, Geld für eine Produktion im Ausland zu erhalten, legte sie das Projekt erst einmal auf Eis.

Stattdessen gründete sie mit drei Gleichgesinnten in Berlin eine eigene Produktionsfirma (Soilfilms), die Werbefilme, Spielfilme (augenblicklich einen in Tunesien) und Dokus (zurzeit über eine kolumbianische Punkrockband) macht. Auch wenn Berlin ihr Hauptwohnsitz ist, ist Bremer häufig zu Gast in der alten Heimat, in der sie an der Dreieichschule Abi machte und vor vier Jahren im Alten Rathaus ihren Mann Janosch heiratete. Oder sie ist „vor Ort“ bei Dreharbeiten. So wie in Spanien. Denn als Inga Bremer von einem Filmpreis des Bayerischen Rundfunks erfuhr, der ausdrücklich für Produktionen im Ausland ausgeschrieben war, kam das beiseitegelegte Thema wieder auf den Tisch. Und tatsächlich gewann sie 2014 den „Treatment Preis“ – der Grundstein für das Projekt war gelegt.

Die erfolgreichsten Kinofilme aller Zeiten

„Nach dreimonatiger Vor-Ort-Recherche war im März 2016 Drehbeginn“, berichtet die 36-Jährige, die nicht nur durch ihre Mutter, sondern auch ihren Vater (der Fotograf und Filmemacher Jürgen Bremer) schon früh mit diesem Medium in Berührung kam. Der Dokumentarfilm porträtiert nun unter anderem eine damals 14-jährige Schwangere, die in den 1980er Jahren allein in der Obhut eines katholischen Zentrums war. Ihr war gesagt worden, das Kind sei tot – bis es Jahre später wieder auftauchte. Eine andere Protagonistin ist eine Frau, die nach dem Tod ihres Adoptivvaters dessen Dokumente sortierte und auf Unterlagen stieß, die die Legalität der Adoption in Frage stellen. Zudem kommt ein Anwalt zu Wort, der sich auf das Themenfeld spezialisiert hat. Denn nach wie vor, berichtet Bremer, werde der Skandal nicht als solcher anerkannt. „Dabei wollen die Betroffenen kein hohes Schmerzensgeld. Sie möchten einfach nur als Opfer anerkannt werden.“

Leicht waren die Dreharbeiten nicht. „Es ist ein Thema, das einen sehr belastet“, berichtet die Filmemacherin, die bei „Francos Erbe“ als Autorin und Regisseurin firmiert. „Man muss mit einer gewissen Distanz rangehen, man kann ja nicht an jedem Drehtag anfangen zu weinen, wenn man diese erschütternden Geschichten hört.“ Andererseits sei Empathie für die Menschen, mit denen man arbeite, unerlässlich. Aber nach diesem Film sei klar: „Als nächstes mache ich was Leichteres.“

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