„Fakten interessieren nicht“

Aussteiger aus der Neonazi-Szene berichtet bei Vortrag

Langen - „Kapitalismus angreifen“ prangt auf seinem T-Shirt – ein Überbleibsel aus der Zeit, als sich Christian Ernst Weißgerber noch aktiv in der rechten Szene bewegte. Von Sina Gebhardt 

Heute trägt er es als Herausforderung an die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer, als Zeichen dafür, wie schwer vermeintlich Linke und Rechte zu unterscheiden sind. Mit seinem Vortrag „(K)ein Weg zurück“ machte der Aussteiger den Auftakt der politischen Veranstaltungsreihe der Arbeiterwohlfahrt im Jugendzentrum. Es ist ein sehr kleiner Stuhlkreis geworden, vermutlich, weil Weißgerber bereits vergangenes Jahr in der Sterzbachstadt zu Gast gewesen ist. Die rund zehn Interessierten wiegen mit ihrem Wissensdurst aber ein großes Publikum auf: Der heutige Student der Geisteswissenschaften wird mit Fragen überhäuft und „eigentlich sind 90 Minuten zu knapp“, räumt Marco Fatfat von der Awo ein, der die Vortragsreihe im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ organisiert.

Weißgerber hat vor sieben Jahren mit Hilfe der Aussteigerorganisation Exit-Deutschland mit dem Rechtsextremismus gebrochen. Doch bevor er auf die Gründe für den Ausstieg eingeht, berichtet der gebürtige Eisenacher davon, wie er mit 14 Jahren in die Szene hineingeriet, die ihn bis zu seiner Studentenzeit begleitete. Weißgerber kam aus einer zerrütteten Familie, doch obwohl er dieses Klischee erfüllt, warnt er vor voreiligen Schlüssen: „Die Familienverhältnisse oder eine schlechte wirtschaftliche Situation sind nicht zwingend der Auslöser für eine Radikalisierung.“

„Realitätsblase“

Schnell geriet er in eine „Realitätsblase“, stellte die geschichtliche Darstellung des Nationalsozialismus in Frage, entwickelte eigene Theorien und gründete mit 18 Jahren sogar seine eigene Jugendorganisation – allerdings mit Abgrenzung vom historischen Nationalsozialismus. Nun wird deutlich, welch vielfältigen Ausprägungen des Rechtsextremismus es eigentlich gibt. Wer an gängigen Vorurteilen wie „alle Nazis sind dumm“ festhält und glaubt, diese an Springerstiefeln und Glatze zu erkennen, wäre damals auf Weißgerber nicht aufmerksam geworden: Seine Organisation war auf politische Bildung ausgelegt, empfand sich gerade deshalb als „Elite“ und erlaubte Gewalt nur auf Anordnung.

Einen „Aha“-Moment, einen konkret benennbaren Auslöser für sein Umdenken gab es bei Weißgerber nicht. Über Internet-Foren tauschte er sich mit anderen Gruppen aus, ursprünglich die Querfront-Strategie verfolgend, also mit anderen „Ethnien“ zusammenzuarbeiten, um den „gemeinsamen Feind“ anzugreifen. Doch durch die Diskussionen erkannte er die Dissonanzen in seiner Ideologie, sein hermetisches Weltbild wurde brüchig. „Ich habe mich aktiv gegen Strukturen gewendet, die ich selbst mit geschaffen habe“, berichtet er heute gelassen von seinem Ausstieg – und das, obwohl er sogar Morddrohungen erhalten hat. „Aber das darf man nicht so ernst nehmen.“

NSU-Ausschuss: Bilder zum Skandal

Ernst nimmt Weißgerber die aktuellen politischen Entwicklungen, denn egal ob AfD oder Trump: „Es ist eine emotionale Bindung. Die Leute wählen diese Parteien oder Menschen wegen dem, wofür sie stehen. Da ist es egal, wie oft sie sich selbst widersprechen – Fakten interessieren nicht“, weiß der Philosophie-Student. Und gerade das mache das Intervenieren bei Rechtsextremen so schwierig, teils sogar sinnlos. Hochinteressant sind die Einblicke, die Christian Ernst Weißgerber in diese komplexe Szene gibt – mit der ernüchternden Wahrheit, dass es für einen Ausstieg keine Zauberformel gibt: „Das muss aus dem Menschen selbst kommen.“

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion