Basketball an der Erich-Kästner-Schule

Den Rollstuhl als Chance begreifen

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Mit speziellen Rollstühlen gehen die Erich-Kästner-Schüler beim Basketball auf Punktejagd – beim Try-Out vor den Augen der Trainerin des hessischen Jugendlandeskaders.  

Langen - Dass es Menschen, die an den Rollstuhl gebunden sind, nicht einfach haben, ist hinlänglich bekannt. Barrierefreies Bauen ist schließlich auch im reichen Deutschland noch nicht überall Standard. Den Rollstuhl als Möglichkeit statt nur als Hindernis zu begreifen und über ihn in Aktion zu treten – das ist ein großes Anliegen von Rollstuhlbasketball. Von Timo Kurth 

„In unserem Sportunterricht ist der Rollstuhl ein Sportgerät wie jedes andere“, sagt Gabi Heßler-Stark, Schulsportkoordinatorin der Langener Erich-Kästner-Schule für Kinder mit motorischen Behinderungen. Als Werbung bekamen Schüler nun die Möglichkeit, im Rahmen eines sogenannten Try-Out diesen Sport unter Anleitung echter Profis näher kennenzulernen. Der Begriff Try-Out ist dabei denkbar tiefstapelnd gewählt. Denn: „Rollstuhlbasketball ist seit Jahren ein fester Bestandteil unseres Lehrplans. Es gibt eine Schulmannschaft – die meisten unserer Schüler haben also schon reichlich Erfahrung“, so Heßler-Stark. Die Kästner-Schule war bereits mehrfach Hessensieger und in den Jahren 2011 und 2012 sogar Bundessieger im Wettbewerb der Schulen „Jugend trainiert für Paralympics“. Deshalb ist auch ein Gedanke hinter der Werbeaktion, Talente für die Hessenauswahl zu finden.

„Wie dribbelt man am besten?“, fragt Anna-Maria Müller in der Sporthalle der Erich-Kästner-Schule in die Runde aus einem Dutzend 13- bis 17-jähriger Schüler, bis sie es schließlich selber demonstriert. Als Trainerin des hessischen Jugendlandeskaders kennt sie den Rollstuhlsport wie kaum eine Zweite. Erst im vergangenen Juni gewann die 28-Jährige mit ihrer Auswahl den Junioren-Länderpokal in Bonn und wurde zudem vom Deutschen Rollstuhl-Sportverband (DRS) zur Trainerin des Jahres 2016 ausgezeichnet. Eine Behinderung hat sie nicht. „Darum geht es ja auch. Behinderte und Nichtbehinderte können diesen Sport gleichberechtigt absolvieren. So werden Brücken gebaut“, sagt sie, während sie dabei zuschaut, wie die Schüler eifrig Körbe werfen.

Unterstützung beim Workshop erhält sie von einem weiteren Hochkaräter: Christopher Huber ist Nationalspieler, er war mit dem deutschen Team im vergangenen Jahr bei den Paralympics in Rio de Janeiro. Der Jugendweltmeister von 2013 mit Querschnittslähmung gibt sein Wissen und seine Erfahrungen gerne an junge Menschen weiter. „Immerhin habe ich den Sport selber durch solche Workshops kennengelernt“, erinnert er sich. Bereits seit Längerem veranstaltet er deshalb Try-Outs mit Müller. Gemeinsam mit den Jugendlichen jagt er in der Kästner-Schule über das Spielfeld.

Die Rollstühle sind dabei keinesfalls übliche Modelle. „Sportrollstühle sind handlicher, praktischer und vor allem sicherer“, so Huber. Verletzungen sind trotzdem nicht ausgeschlossen. „Ich selbst habe mir bereits die Nase gebrochen, als ich aus dem Stuhl gerutscht bin.“

„Rollstuhlbasketball funktioniert nach den gleichen Regeln wie klassischer Basketball“, erklärt Anna-Maria Müller. Fünf gegen fünf, vier mal zehn Minuten und zwei Körbe. Ganz einfach, könnte man also meinen. Das Regelwerk nimmt allerdings auch Rücksicht auf die Schwere der Behinderung der Sportler. „Die Klassifizierung der Spieler schafft einen Ausgleich zwischen den unterschiedlich starken Behinderungen“, so die Fachfrau. „Jeder Spieler bekommt aufgrund seiner Beeinträchtigung Punkte zugewiesen. Ich, ohne Behinderung, bin eine 4,5. Ein Team darf nur antreten, wenn es die 14,5-Punkte-Marke nicht übersteigt.“ Die Klassifizierung gilt in der kommenden Saison erstmals auch für Schulteams, was die Vertreter der Erich-Kästner-Schule freut. „Ich habe schon erlebt, dass Schulteams auf dem Feld haushoch gewinnen, dann plötzlich alle aus dem Rollstuhl steigen und in die Cafeteria gehen“, sagt Lehrerin Heßler-Stark. „Unsere Schüler haben ja meistens nicht nur eine motorische Schwäche, sondern damit einhergehend auch eine mangelnde Reaktionsfähigkeit oder Lernbeeinträchtigung.“ Aus Gründen der Fairness sei es deshalb richtig, die Klassifizierungen vorzunehmen.

Sportfest für Schüler mit Behinderungen: Bilder

Die Erfolge des Basketballprogramms sind aber nicht nur in Titeln zu messen. „Bilal, einer unserer Schüler, hat früher kaum mit uns gesprochen, er war sehr zurückgezogen. Über den Sport kam er aus sich heraus und ist heute ein anderer Mensch“, berichtet die Pädagogin.

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