Beamte informieren über Maschen von Dieben und Betrügern

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Bei Reinhard Beinhauer haben Gauner es nicht leicht, wie er der Langener Kommissarin Jana Adam lebhaft versichert. Die Broschüre der Polizei nimmt der Senior trotzdem gerne mit – „die Infoaktion hier auf dem Markt find’ ich klasse“.  

Langen - Betrüger und Diebe sind wenig zimperlich und ungemein kreativ in der Wahl der Mittel und Methoden – ihre Opfer sind fast immer ältere Menschen. Da sich in jüngster Zeit die Zahl der Trickdiebstähle eklatant erhöht hat, geht die Polizeistation Langen in die Offensive. Von Holger Borchard 

Beamte suchen Märkte und belebte Plätze auf, um darüber aufzuklären, wie Kriminelle vorgehen, und die Bürger für effektiven Schutz zu sensibilisieren. Freitagmorgen, die Sonne bestrahlt den Wochenmarkt auf dem Jahn-Platz. Im Gewusel zwischen Schnittblumen, Obst und Gemüse, Käse und Fisch fallen die blau-grauen Uniformen gar nicht groß auf. Erst wenn Jana Adam und Kollegen gezielt Marktbesucher ansprechen, wird jenen klar, dass sie Polizisten gegenüberstehen. Dann ist’s an den Uniformträgern, über Überraschung und Respekt hinweg das Eis zu brechen.

„Entschuldigung, darf ich Sie mal kurz anhalten und Ihnen unsere Sicherheitsbroschüre mitgeben?“ So oder so ähnlich beginnen etliche Gespräche, die Polizeikommissarin Adam & Co. an diesem Vormittag auf dem Markt führen. Neben ihr verteilen die Polizei-Oberkommissare Mario Hehl und Sebastian Girnus, Polizeikommissar-Anwärter Simon Scholz und der „Schutzmann vor Ort“, Bernhard Keller, die Broschüre „Sicher leben – Schutz vor Kriminalität im Alltag“ und suchen das Gespräch mit den Einkäufern. Hauptzielgruppe: ältere Menschen. Aus gutem Grund, wie Polizeisprecherin Andrea Ackermann weiß, die in Zivil die Aktion tatkräftig unterstützt: „Wir haben pro Jahr ungefähr 650 registrierte Fälle im Bereich Trickdiebstahl und fast immer sind die Opfer Senioren.“

Seit Jahresbeginn seien bereits mehr als 100 sogenannte Trickdiebstähle in Stadt und Kreis Offenbach registriert worden. „Auch für Langen hat der Leiter unserer hiesigen Dienststelle, Michael Köllisch, in den ersten Monaten des Jahres eine erhöhte Zahl derartiger Delikte ausgemacht. Das brachte die Kollegen der Dienststelle auf die Idee, von sich aus auf die Bürger zuzugehen und sie auf die Gefahren hinzuweisen, die an der Haustür, am Telefon oder einfach nur unterwegs auf der Straße lauern.“

Getreu dem Motto: „Nur wer Bescheid weiß, kann sich wehren“ mischen die Beamten sich unters Marktpublikum. Skepsis oder gar Ablehnung schlagen ihnen nicht entgegen; auch wenn die eine oder der andere vorbeihastend abwinkt. Selbst jüngere Leute, die Neppern, Schleppern und Bauernfängern tendenziell schwer bis gar nicht auf den Leim gehen dürften, bleiben stehen und kommen mit den Polizisten ins Gespräch.

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„Man wundert sich immer wieder, wie viele Leute auf die blödesten Tricks reinfallen“, stellt eine Einkäuferin fest. Die Dame weiß von einer Bekannten zu berichten, die Opfer eines sogenannten Haustür-Betrugs geworden ist. „Eine junge, sympathische Frau hat bei ihr geklingelt und gefragt, ob sie mal telefonieren dürfe. Während des Telefonats stand meine Bekannte die ganze Zeit neben der Frau, aber sie bemerkte nicht, dass durch die offene Tür noch jemand in die Wohnung gekommen war. Erst viel später hat sie dann entdeckt, dass ihr Portemonnaie mit rund 250 Euro verschwunden war.“

So etwas werde ihm nicht passieren, verspricht Reinhard Beinhauer derweil Kommissarin Adam. „Wir haben uns schon vor Jahren eine Sprechanlage einbauen lassen, damit uns nicht jeder an die Haustür kommt“, berichtet der Langener. Erst vor Kurzem habe ein vermeintlicher Spendensammler das Weite gesucht, als er dessen Ausweis sehen wollte, so Beinhauer. Auch habe er allerhand in sichere Fenster und Türen investiert – „und in viel Licht rund ums Haus“.

So gut gewappnet wie Reinhard Beinhauer ist freilich längst nicht jeder. Umso erfreulicher ist es, zu beobachten, dass viele der Angesprochenen die unverhoffte „Störung“ als durchaus willkommen aufnehmen und sich so mancher Dialog über falsche Handwerker und Leute vom Amt oder sogar falsche Polizisten entspannt. Auch der Enkeltrick – ein Klassiker unter den Betrugsmaschen, bei dem angebliche Verwandte hohe Geldsummen ergaunern – kommt zur Sprache, ebenso sogenannte Schockanrufe – angebliche Unfälle (naher) Verwandter –, leere Gewinnversprechen, vorgetäuschte Notlagen oder Haustürverträge.

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„Ein Anrufer mag noch so vertrauenswürdig, überzeugend oder sogar angsteinflößend wirken: Sobald er Sie unter Druck setzt, beenden Sie das Gespräch und suchen Unterstützung bei einer Person Ihres Vertrauens“, schärft Andrea Ackermann einer Dame mit Rollator ein, die andächtig nickt und die Broschüre in ihrem Wägelchen verstaut. „Und natürlich dürfen und sollen Sie in solchen Fällen jederzeit die Polizei kontaktieren“, ruft Ackermann der Seniorin noch hinterher. Ein Nachsatz, der es in sich hat, wie die Polizeisprecherin weiß: „Leider müssen wir davon ausgehen, dass es eine hohe Dunkelziffer bei den Trickbetrügereien gibt, weil viele Opfer aus Scham keine Anzeige erstatten.“

Rund 150 Broschüren verteilen die Polizisten während ihrer Stippvisite auf dem Markt. Mit der Resonanz sind alle zufrieden – weitere Aktionen dieser Art sollen folgen. „Denkbar sind der Mittwochsmarkt an der Kirche in Oberlinden, aber auch spezielle Besuche der Beamten in Seniorentreffs und Altenclubs“, blickt Andrea Ackermann voraus. Aus Sicht der Polizeiprofis ist Prävention das beste Mittel. „Die Aufklärungsquote ist nämlich sehr gering“, berichtet Kriminaloberkommissarin Maret Hickmann. „Zum einen, weil es oft keine Ermittlungsansätze gibt – gerade Taschendiebstähle werden oft erst später entdeckt. Zum anderen kommen nicht selten Verkleidungen zum Einsatz, was gerade Älteren Beschreibung und Wiedererkennung ungemein erschwert.“

Um sich Zugang zu Wohnungen zu verschaffen, setzten Kriminelle aktuell verstärkt auf die „Mitarbeitermasche“, geben vor, von Energieversorgern oder Hausverwaltungen zu kommen, um Gas, Wasser, Strom etc. zu kontrollieren. „Die Tricks betreffen ausschließlich Ältere“, merkt Hickmann an. „Im Bereich des Taschen-, Jacken- und Zetteltricks werden häufig auch jüngere Leute kalt erwischt.“ Eine letzte Zahl zum Mit-den-Ohren-Schlackern: Den Schätzungen der Polizei-Experten zufolge „verdient“ ein Profi-Taschendieb zwischen 8 000 und 9 000 Euro am Tag.

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