Lebensräume-Tagesstätte

Seit 25 Jahren behutsam zurück ins Leben

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Im Gemeinschaftsraum kommen Ressortleiterin Martina Feldmann (links) und Ergotherapeutin Katinka Peiz (Mitte) mit den Besuchern ins Gespräch.

Langen - Menschen mit psychischer Erkrankung und seelischer Behinderung unterstützen und fördern – dieses Ziel verfolgt die Stiftung Lebensräume Offenbach mit ihrer Tagesstätte im Wiesgässchen 29 in Langen. Die Einrichtung ist ausgelegt auf bis zu 40 Personen, die keiner Arbeit oder anderer Beschäftigung mehr nachgehen können. Von Manuel Schubert

Behutsam führt Anne H. die beiden Enden der schwarzen Gummischnur zusammen. Langsam fahren ihre Finger über die Oberfläche, mit kritischem Blick überprüft sie ihre eigene Arbeit. Alles gerade? Alles gerade. Aus einer gelben Flasche tröpfelt sie Flüssigkleber auf beide Enden, die sie daraufhin fest zusammenpresst. So wird aus einer labbrigen Schnur ein stabiler Dichtungsring. „Manchmal, wenn man nicht aufpasst, klebt man den Finger mit dran“, sagt H. und muss laut lachen. Dass die 61-Jährige bei der Arbeit so etwas wie Freude empfinden kann, ist alles andere als selbstverständlich. Anne H. hatte schon viele Jobs. Bei einer Bank war sie tätig, danach fuhr sie einen Schulbus, später arbeitete sie im Pflegeheim. Irgendwann war sie psychisch komplett ausgelaugt, auch der Körper spielte nicht mehr mit, ein neues Kniegelenk musste her. „Da bin ich in eine tiefe Depression gefallen“, erzählt sie. Die Langenerin pendelte antriebslos zwischen Zuhause und Klinik – bis sie 2015 auf die Lebensräume-Tagesstätte stieß. „Jetzt“, sagt H., „habe ich wieder Freude am Leben.“

Um sie herum sind noch zwei Dutzend weitere Erwachsene zu Gange. Manche falten vorgestanzte Pappkartons zusammen, andere packen Pakete für einen Onlineshop, der Modellflugzeug-Zubehör verkauft. Der große Arbeitsbereich im Erdgeschoss ist das Herzstück der Tagesstätte im Wiesgässchen 29, die zur Stiftung Lebensräume Offenbach gehört und seit einem Vierteljahrhundert psychisch kranken Menschen, die keinen geregelten Alltag haben, Struktur und Halt gibt. „Für viele ist das hier ein Familien-Ersatz“, sagt Ressortleiterin Martina Feldmann.

In der Küche sorgen Mitarbeiter Michael Bender (Mitte) und zwei Besucher derweil für das Essen.

Rund 40 Besucher kommen regelmäßig in die Einrichtung, die montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr geöffnet hat. Die meisten wohnen in Langen, Egelsbach, Dreieich oder Neu-Isenburg, manche sind gerade erst volljährig geworden, andere über 70. Manche sind einsam und scheu, andere nicht in der Lage, selbstständig einen strukturierten Alltag zu führen. Depression, Schizophrenie, Borderline- oder Angststörung heißen die Krankheitsbilder. Nicht alle kommen, um zu arbeiten. „Manche müssen lernen, eine Tagesstruktur in ihr Leben zu bekommen, andere, wie man Kontakte knüpft oder einen Haushalt führt“, erklärt Ergotherapeutin Katinka Peiz. Einige Besucher schauen einfach vorbei, um Zeitung zu lesen oder bei einem Kaffee mit anderen zu plaudern.

Früher stand im Wiesgässchen 29 eine Lederfabrik. Vor 25 Jahren zog die Tagesstätte dort ein, erst auf einer Etage, seit der umfassenden Renovierung 2010 auf zwei. Auch im ersten Stock sind die Besucher schon fleißig. Jeden Tag kümmern sich zwei Klienten unter Anleitung eines Mitarbeiters um das Mittagessen, heute steht sizilianische Bolognese auf dem Speiseplan. Rindfleisch und Tomatensoße schmoren bereits auf dem Herd, jetzt ist der Salat dran. Thilo D. steht am Spülbecken und wäscht die grünen Blätter, Sabrina W. sitzt an einem kleinen Tisch und schnippelt, was das Zeug hält. Die 38-jährige W. wird regelmäßig von epileptischen Anfällen heimgesucht. „Draußen habe ich allein keine Chance“, sagt die Egelsbacherin mit leiser Stimme. „Aber hier nehmen die Leute Rücksicht.“ Deswegen kommt sie fünf Mal pro Woche in die Tagesstätte.

Neben simplen bis komplexen Aufgaben in Küche und Arbeitsraum bieten die sechs Mitarbeiter den Besuchern noch viele weitere Wege zur Tagesgestaltung an. Mal wird gemeinsam gemalt, gestrickt oder getrommelt, mal geht es in den Langener Kletterwald oder nach Darmstadt zum Bowlingspielen, mal nach Frankfurt ins Caricatura-Museum oder in den Palmengarten. Alle zwei Jahre bricht die Gruppe zu einer fünftägigen Freizeit auf, nach Alsfeld, Mosbach oder Ostfriesland. Dazu gibt es am östlichen Stadtrand einen Waldgarten, in dem sich die Besucher ertüchtigen können. Und an manchen Tagen, da wird die Tagesstätte sogar zur Disco.

Eins ist Feldmann, die schon seit 24 Jahren dabei ist, wichtig zu betonen: „Wir sind kein Kindergarten für Erwachsene.“ Wann und wie oft welcher Klient vorbeikommt, wird mit Blick auf die individuellen Bedürfnisse festgelegt. Genauso wie sehr persönliche Ziele, etwa: Struktur in den Tag bekommen, psychisch stabiler werden, in Kontakt mit Menschen kommen. Deswegen kann auch nicht einfach jeder vorbeikommen, der will. Zwei Bedingungen gibt es: Die Klienten müssen chronisch psychisch krank und arbeitsunfähig sein.

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Manche Besucher machen große Fortschritte, ziehen irgendwann in eigene Wohnungen oder fangen eine Ausbildung an, bei anderen gilt es schon als Erfolg, wenn sie es schaffen, ihr Zuhause zu verlassen und in die Tagesstätte zu kommen. Ab und an erleben die Mitarbeiter auch traurige Fälle. „Suizide passieren zum Glück selten“, berichtet Peiz, „aber es kommt natürlich vor.“ Im ersten Stock der Tagesstätte gibt es einen großen Gemeinschaftsraum mit Tischkicker, Dartscheibe und Aquarium. Auf einer kleinen Kommode stehen Kerzen, daneben das Bild eines Mannes, vielleicht Anfang 50. Er ist vor Kurzem gestorben. Wie genau, das spricht niemand aus.

Doch es gibt auch echte Erfolgsgeschichten. Katharina K. ist 52 Jahre alt, bei ihr wurde eine Schizophrenie diagnostiziert. Jahrzehntelang kämpfte sie damit, ein geregeltes Leben zu führen. In die Tagesstätte kam sie höchstens einmal die Woche, immer wiederkehrende, monatelange Klinikaufenthalte waren die Regel. Doch das ist längst Vergangenheit. Seit zwölf Jahren gehört K. nun schon zu den regelmäßigen Besuchern. „Hier trifft man immer nette Leute“, sagt sie. Wenn mittwochs und donnerstags die Gesellschaftsspiele auf den Tisch kommen, ist sie regelmäßig dabei. Sonntagnachmittags verabredet sie sich mit anderen Besuchern auf Kaffee und Kuchen beim Bäcker, ganz ohne Betreuer. Und für die Zukunft hat sie sich vorgenommen, eine Stunde pro Tag in der Tagesstätte zu arbeiten. Fürs erste hat sie sich beim Kochen und Wäschewaschen eingetragen. „Ich möchte das schaffen“, sagt Katharina K. – und klingt dabei, als würde sie es auch.

Wer glaubt, dass ihm das Angebot der Tagesstätte Langen helfen könnte, oder jemanden kennt, auf den das zutrifft, der kann sich unter Tel.: 06103/374010 melden.

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