Berufungsprozess um sexuelle Belästigung geht in die Verlängerung

Bloß dumm gelaufen oder dreist gegrabscht?

Langen/Darmstadt – Für unschuldig hält sich ein Tierpfleger, der in seiner Funktion als Ausbilder einer Schulungsteilnehmerin an die Brust gefasst haben soll. Dafür hat ihn das Amtsgericht Langen im Mai 2018 wegen sexueller Belästigung zu einer Geldstrafe von 1 575 Euro verurteilt. Der Beklagte ging in Berufung, seit gestern verhandelt die siebte Kleine Strafkammer des Landgerichts Darmstadt den Fall. Von Silke Gelhausen

November 2017: Am Paul-Ehrlich-Institut (PEI) im Langener Neurott findet ein Geflügelworkshop für angehende Tierpfleger statt. Der 61-jährige Ausbilder unterweist drei weibliche und einen männlichen Teilnehmer. An diesem Tag steht unter anderem die Blutabnahme am lebenden Huhn auf dem Programm. Das sei erfahrungsgemäß nicht einfach, klärt der Ausbilder die Kammer auf, man benötige volle Konzentration und beide Hände für die Aufgabe. „Das Federvieh ist nicht narkotisiert, und es ist meine Pflicht, daneben zu stehen und körperlich einzugreifen, um dem Tier unnötige Stiche zu ersparen.“

Dabei kam es laut Anklageschrift zur Berührung der Brust einer Teilnehmerin – „zufällig und versehentlich und für die Dauer eines Wimpernschlags“, wie der Ausbilder beteuert. Er habe etwas seitlich versetzt hinter der Teilnehmerin gestanden und wollte ihren linken Ellenbogen greifen, um den Arm zu führen. In dem Moment habe sie sich gedreht und er habe statt des Arms den linken Busen berührt. „Ich war selbst erschrocken und hab’ kurz ,Ups!’ gesagt. Sie hat nichts erwidert und wir haben sofort weiter gearbeitet, es gab deswegen keine Unterbrechung.“ Nichts weniger als Freispruch fordert daher Verteidiger Armin Kurth: „Es gibt Widersprüche in der Beweisführung und bei der Aussage der Geschädigten.“

Diese, 19 Jahre alt, hält die Sache für absolut kein Versehen. Sie erstattete 13 Tage nach dem Vorfall Strafanzeige. Vor Richter Dr. Karsten Markert bricht sie mehrmals in Tränen aus. „Mit der einen Hand hat er mir geholfen, das Huhn festzuhalten, mit der anderen meinte er, mal an meine Brust gehen zu müssen“, klagt die junge Frau. „Er hat unter meinem Arm hindurch von unten zugegriffen und kurz festgehalten – das Ganze dauerte ein paar Sekunden.“ Ein Versehen sei das nicht gewesen, ist die 19-Jährige überzeugt. „Die Sache ist immer noch in meinem Kopf, daran hat auch sein Entschuldigungsbrief nichts geändert.“

Wie werde ich Tierpfleger/in?

Eine Auszubildende aus Regensburg, die auf der anderen Tischseite stand, hat dagegen ähnliche Wahrnehmungen wie der Angeklagte: „Er hat ihre Hände geführt und ist dabei für eine Sekunde versehentlich an ihre Brust gekommen“, sagt die Augenzeugin aus. Und weiter: „Nach Workshopende hat mich die betroffene Kollegin gefragt, ob ich meinte, dass das Absicht gewesen sei. Ich habe geantwortet, dass ich das nicht sagen könne.“ Im Moment des Vorfalls habe die Betroffene jedenfalls nicht geschockt gewirkt und ganz normal weiter gemacht.

Die dritte Frau aus Bad Nauheim hat von der Geschichte erst auf dem Heimweg zum Bahnhof gehört. Sie gibt zu Protokoll, die 19-Jährige habe seinerzeit bei ihrer Schilderung Tränen in den Augen gehabt. Keiner der Prozessbeteiligten will angesichts derart gegensätzlicher Angaben auf die Beobachtungen des vierten Teilnehmers verzichten. Doch der ist am Prozesstag erkrankt, folglich wird die Verhandlung in zwei Wochen fortgesetzt. Für diesen Termin hat der Verteidiger zudem einen Beweisantrag angekündigt.

Der angeklagte Tierpfleger hält diese Lehrgänge seit 15 Jahren. „Nie gab es Grund zur Beanstandung“, beteuert er. In Langen saß er zum ersten Mal vor einem Strafgericht.

Rubriklistenbild: © dpa

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