Sie helfen Mitmenschen und werden dafür beschimpft:

Freiwillige Feuerwehr beklagt mangelnden Respekt

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Langen - Sie kommen, wenn andere in Not sind: Langens freiwillige Feuerwehrleute stehen rund um die Uhr bereit, um anderen zu helfen. Doch dafür gibt es nicht nur Lob – im Gegenteil. Immer öfter werden die Retter nicht nur kritisiert, sondern beschimpft. Von Markus Schaible 

Und mancher Zeitgenosse gefährdet durch sein Handeln gar Gesundheit und Leben der Einsatzkräfte. Lebensgefährliche Situation: Beim Brand eines Hauses in der Mierendorffstraße Mitte Januar werden Löschtrupps von den Flammen eingeschlossen, finden aber zum Glück einen Weg hinaus. „Dramatisch“ war das, blickt Stadtbrandinspektor Frank Stöcker zurück. Was ihm aber ebenfalls noch deutlich in Erinnerung ist, sind unschöne Begebenheiten am Rande des Einsatzes: Ein Schaulustiger fragt, ob die Feuerwehr beabsichtige, das Haus niederbrennen zu lassen, eine Nachbarin fordert vehement, in dem brennenden Gebäude sollten gefälligst die Fenster geschlossen werden, da der Rauch zu ihr ins Treppenhaus ziehe. Und schließlich müssen noch zwei Schaulustige vom Rettungsdienst begutachtet werden, weil sie zu dicht an den Ort des Geschehens vordrangen und Qualm einatmeten.

Ein paar Wochen vorher, beim Brand eines Wohnhauses an der Ecke Garten-/Marienstraße mit einem lebensgefährlich Verletzten, müssen sich die Einsatzkräfte ebenfalls einiges anhören. Vorwurf: Die Wehr sei viel zu spät eingetroffen und habe zu langsam mit den Löscharbeiten begonnen. Bei einem Kellerbrand in der Friedrichstraße kürzlich versucht ein Autofahrer, sich zwischen Drehleiter und parkenden Pkw durchzuquetschen. Weil er keinen Umweg in Kauf nehmen will, bringt er Rettungskräfte in Gefahr. Aber auch bei anderen, „alltäglicheren“ Einsätzen werden die Helfer übelst beschimpft oder gefährdet.

„Das Verhalten gegenüber den ehrenamtlichen Kräften ist teilweise ziemlich heftig“, sagt Stöcker. Einerseits nehme bei etlichen Menschen offenbar der Respekt ab, andererseits werde das Anspruchsdenken immer größer. Dabei würden viele vergessen, dass in Langen eine Freiwillige Feuerwehr am Werk sei. Heißt: Die Einsatzkräfte opfern einen riesigen Teil ihrer Freizeit zugunsten ihrer Mitmenschen, ohne dafür Geld zu bekommen.

Zudem hat dies Auswirkungen auf die Zeitspanne bis zum Eintreffen am Unglücksort: Anders als bei einer Berufsfeuerwehr sitzen die Einsatzkräfte nicht auf der Feuerwache und können sofort ins Auto springen, wenn der Alarm eingeht. Sie sind vielmehr daheim, bei der Arbeit oder nachts schlafend im Bett. Das heißt: Sie müssen erst einmal zur Feuerwache kommen – „und zwar nach den Regeln der Straßenverkehrsordnung, ohne Sonderrechte“, betont Stöcker. Diese Sonderrechte gelten nur für die Feuerwehrfahrzeuge und laut Gesetz auch nur, wenn Blaulicht und Martinshorn gemeinsam eingeschaltet sind, merkt der Stadtbrandinspektor an. Denn immer wieder gebe es Kritik, dass die Wehr nachts bei leeren Straßen mit „Tatütata“ die Bevölkerung störe.

Bilder: Brand in Langen

Aber zurück zum Ablauf des Ausrückens von der Wache: Sind die Helfer dort eingetroffen, müssen sie ihre Schutzkleidung anziehen, erst dann können sie losfahren. Und dann gilt es noch, den (in Langen maximal fünf Minuten dauernden) Anfahrtsweg zurückzulegen. „Es dauert in der Regel vier bis fünf Minuten, bis das erste Fahrzeug ausrückt“, sagt Stöcker. Dennoch war die Wehr vergangenes Jahr in gut 97 Prozent aller Fälle innerhalb der gesetzlich vorgegebenen Hilfsfrist von zehn Minuten vor Ort. Die wenigen Überschreitungen sind beispielsweise auf Glatteis oder Paralleleinsätze zurückzuführen. Aber auch, wenn der Einsatzort außerhalb Langens liegt oder auf den Hubschrauber gewartet werden muss (Transportdienst für den Notarzt), schlägt sich das auf die Statistik nieder. Bei Bränden und Unfällen aber liegt die Wehr so gut wie immer in der vorgeschriebenen Frist.

Aber Stöcker weiß natürlich auch: „Sieben oder acht Minuten, wenn es brennt und vielleicht noch einer um Hilfe schreit, das erscheint den Menschen sehr lang.“ Allerdings sei es kontraproduktiv, dann erst einmal die eintreffenden Feuerwehrleute anzuschreien. Die werden im Übrigen auch nicht im Moment ihres Eintreffens am Brandort sofort mit dem Löschen beginnen können. Schließlich müssen sie sich erst einmal einen Überblick verschaffen und Vorbereitungen treffen. Zudem gilt es, die eigene Sicherheit im Blick zu haben: „Wir setzen unser Leben und unsere Gesundheit aufs Spiel“, verdeutlicht Stöcker: „Es ist ein Hobby, das auch gefährlich ist.“

Bilder: Tag der offenen Tür bei der Feuerwehr

Problem seien oft auch Schaulustige, die die Arbeit der Helfer behindern. Entsprechende Absperrungen stießen aber auch auf Kritik, wenn die Passanten dann nicht mehr so gut sehen. „Und dass man an jeder Einsatzstelle damit rechnen muss, dass man gefilmt wird und das sogleich im Internet landet, macht es nicht leichter“, sagt Stöcker.

Aber auch bei kleineren Einsätzen wie etwa der Beseitigung von Ölspuren werde die Wehr beschimpft. „Die Leute denken: ,Ich fahr da immer um diese Zeit durch, was müsst ihr jetzt die Straße sperren?‘ Aber wir machen das ja nicht zum Spaß. Eine Ölspur ist eine Gefahrenlage“, so der Feuerwehrchef. Sein Appell: „Die Leute sollten sich einfach mal klar machen, dass nicht wir es sind, die eine Situation oder einen bestimmten Zustand zu verantworten haben. Wir sind die, die kommen, wenn es zu spät ist, wenn etwas passiert ist. Und wir versuchen, es einigermaßen geradezubiegen und zu retten, was zu retten ist.“

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