In Zinnoberrot ist „der Alte“ ein richtiger Schatz

+
Viermal unterzeichnete Bundespräsident Theodor Heuss nach seiner Wiederwahl 1954 die Marken seines eigenen Konterfeis. Das Exponat gehört zu Reiner Wyszomirskis Favoriten.

Langen - „Eine einzelne Briefmarke hat für mich nur marginale Bedeutung. “ Dieser Satz von Reiner Wyszomirski mag erstaunen – auf den ersten Blick. Denn der Vorsitzende des Langener Briefmarkensammlervereins trägt eben nicht bloß Marken zusammen. Von Cora Werwitzke

Er ist der Zeitgeschichte hinter den Briefmarken auf der Spur. Ein Stempel, ein durchgestrichenes Wort, ein Vermerk machen seine Sammelobjekte zu äußerst raren Zeugnissen längst vergangener Machtkämpfe.

„Sehen Sie, dieser Brief ist 1954 nur mit Glück von Westberlin aus in Dresden angekommen.“ Reiner Wyszomirski zeigt auf einen Umschlag. Eine der drei Briefmarken ist bis zur Unkenntlichkeit geschwärzt. „Die Marke hat der Post in Ostberlin gar nicht gefallen. Sie erinnerte an den zehn Jahre zurückliegenden Aufstand gegen Hitler.“ Die Auflehnung gegenüber einem Führer wollte die Sowjetunion damals nicht gewürdigt wissen.

Immer wieder reiste Reiner Wyszomirski als junger Mann ins Berlin der Nachkriegszeit. „Es faszinierte mich, dort zu sein“, sagt der heute 78-jährige Langener. Besatzung, Zoneneinteilung und Währungsreform prägten die Stadt – und ihre Post. Wo er konnte, erwarb der junge Briefmarkensammler die auf Umschlägen und Marken festgehaltenen Momentaufnahmen einer politisch beispiellosen Situation.

Rund 72 Jahre Sammelleidenschaft

Im Laufe der Jahrzehnte erweiterte der Philatelist seine Sammlung um seltene Schätze. Etwa eine zinnoberrote Briefmarke mit dem Konterfei von Konrad Adenauer. „Sie sollte 1968 zu seinem ersten Todestag erscheinen“, erzählt Reiner Wyszomirski. „300 Stück wurden vorab an Journalisten verteilt. Dann protestierte Adenauers Familie gegen die Briefmarke.“ Schließlich kam sie mit Verzögerung auf den Markt, allerdings in Orange. „Diese kleine Farbvariation macht das zinnoberrote Konterfei so wertvoll“, erklärt Wyszomirski, dessen Sammlung zu ihrer besten Zeit einen sechsstelligen Betrag wert war.

Die Farbvariation macht den Unterschied: Die zinnoberrote Marke mit Konrad Adenauers Gesichtszügen hat nicht nur ideellen Wert.

„Jetzt gehe ich auf die 80 zu, da wird es Zeit, dass man das Zeug wieder los wird“, meint der Oberlindener schmunzelnd. 72 Jahre Sammelleidenschaft gilt es zu verwalten. Denn im zarten Alter von sechs Jahren kam Reiner Wyszomirski im ostpreußischen Königsberg an seine ersten Briefmarken. Nach Krieg und Flucht erkannte er in Frankfurt als junger Bursche, wie lukrativ es war, Briefmarken zu handeln. „Fast wäre ich vom Gymnasium geflogen, weil ich eigene Preislisten erstellte“, erinnert sich der Langener lächelnd. „So etwas war Minderjährigen damals untersagt.“

1974 den Langener Briefmarkensammlerverein gegründet

1962 zog Reiner Wyszomirski nach Oberlinden. In der Zwischenzeit hatte er geheiratet, eine Familie gegründet und arbeitete als Prokurist der Nassauischen Heimstätte. Ab den 70er Jahren baute er sich eine zweite Karriere rund um seine Leidenschaft für Post- und Zeitgeschichte auf. Wyszomirski engagierte sich unter anderem im Bundesvorstand der Deutschen Philatelisten und im Kunstbeirat der Deutschen Bundespost. 1974 hob er mit 25 weiteren Sammlern den Langener Briefmarkensammlerverein aus der Taufe. Den Posten des Vorsitzenden hat Reiner Wyszomirski seit der Vereinsgründung inne.

Früh übt sich: Das Foto zeigt Reiner Wyszomirski (10) mit einer Lupe über dem Briefmarkenalbum seines Vaters.

Bis heute kommt der Langener viel herum. Ausstellungen im Ausland, darunter in den USA, Finnland und Zypern, brachten ihm Ehrenurkunden und Medaillen ein. 1998 gestaltete er eine Vitrine im Kanzleramt, das unter Helmut Kohl noch in Bonn war. Einem besonderen Ereignis wohnte Wyszomirski ein Jahr zuvor bei. „Ich fuhr auf eine Versteigerung nach Zürich, dort wurden sieben der sehr seltenen Mauritius-Marken von 1847 versteigert.“ Für zwei Millionen Schweizer Franken sicherten sich zwei Männer des Inselstaates Mauritius jeweils eine ungestempelte Rote und Blaue Mauritius. „2006 reiste ich dann auf die Insel und sah die beiden Marken in einem kleinen Heimatmuseum“, erzählt Wyszomirski. „Sie waren dort die Attraktion.“

Für eine Attraktion sorgte der Langener selbst, als er von der Züricher Auktion kam. „Ich kehrte mit einer Blauen Mauritius zurück, die ich zehn Jahre behielt – allerdings keine mit der seltenen ‘Post Office’-Aufschrift“, erzählt Wyszomirski – und ergänzt schmunzelnd: „Letzteres habe ich allerdings nur im Kleingedruckten erwähnt.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare