Interview mit Bäderchef

Corona-Chaos am Waldsee: „Mit Bolzenschneider ins Badevergnügen“

Lange Schlangen und kein Ende: Im August eskalierte die Situation am Waldsee-Eingang.
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Lange Schlangen und kein Ende: Im August eskalierte die Situation am Waldsee-Eingang.

Lange Schlangen und Rücksichtlosigkeit: Das Corona-Chaos am Waldsee was das Gesprächsthema des Sommers. Bäderchef Joachim Kolbe spricht darüber im Interview.

Langen – Ellenlange Schlangen an der Kasse, wenig Rücksicht auf Maskenpflicht oder Mindestabstand, heilloses Verkehrschaos an der B44, etliche Wildparker, mehr als 300 Strafzettel an einem Wochenende und ein Waldbrand – das alles veranlasste die Stadt dazu, das Strandbad im August für zwei Wochen komplett zu schließen.

Auch am Eingang des Freizeit- und Familienbads bildete sich an einigen Tagen eine lange Schlange, bei der sämtliche Abstandsregeln ignoriert wurden. Im Interview zieht Joachim Kolbe, Geschäftsführer der Bäder- und Hallenmanagement (BaHaMa) GmbH, vor dem Saisonende am Sonntag Bilanz.

Nach der vorübergehenden Schließung wurde der Waldsee Ende August wieder geöffnet, als die Sommerferien und die ganz große Hitze vorbei waren. Verlief danach alles reibungslos?

Ja, vor allem jetzt im spätsommerlichen September waren das Freizeit- und Familienbad und das Strandbad sehr gut besucht und viele nutzten die unverhoffte Gelegenheit zu einem entspannten Tag am Strand oder auf der Liegewiese. Wir hatten während der gesamten Freibadsaison keine schweren Badeunfälle, keine Verletzten oder gar Ertrunkenen und verzeichneten auch keine Corona-Infektion, die hier ihren Ausgang genommen hat. Das freut uns sehr.

Und erlauben Sie mir bitte eine Anmerkung: Bäder lassen sich nicht per Videokonferenz und Homeoffice betreiben. Im Gegensatz zu anderen Kommunen wie Dietzenbach, die ihre Bäder geschlossen hielten oder Ausweise kontrollierten und ihre Einwohner in die Nachbarschaft schickten, haben die Stadt Langen und die BaHaMa ihre Bäder für alle geöffnet. Dafür haben meine Kolleginnen und Kollegen, die an der Schwimmbadkasse saßen, die die Toiletten reinigten und die in dieser Situation für Aufsicht und Wasserrettung zur Verfügung standen, Dank und Anerkennung verdient.

Chaos am Langener Waldsee: Online-Tickets haben auch Nachteile

Im Freibad wurde nachträglich ein Online-Ticket-System eingeführt. Hat sich die Lage dadurch entspannt?

Das ist schwer zu beurteilen. Das Ticketsystem funktioniert, organisiert den Besuch und beschleunigt den Einlass an der Kasse. Keine Frage. Die Inhaber von Jahres- und Zehnerkarten kamen übrigens weiterhin ohne Onlinereservierung ins Bad. Einem harten Belastungstest war das Ticketsystem jedenfalls nicht mehr ausgesetzt. Die Entspannung war meines Erachtens also doch vornehmlich dem Wetter und dem Ende der Sommerferien geschuldet.

Eines ist inzwischen jedoch klar geworden: Online-Ticketing, so sehr es zeitweise vom Publikum und den Medien gefordert wurde, hat nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile. Leute kaufen sich Tickets, sind dann aber am Besuch gehindert, weil ihnen was dazwischenkommt oder sich das Wetter verschlechtert, und dann sind sie enttäuscht. Zudem reduzieren sich die spontanen Besuche, zum Beispiel von Kindern und Jugendlichen oder älteren Menschen.

Das Chaos am Waldsee – und teils auch am Freibad – war das Gesprächsthema des Sommers. Würden Sie im Nachhinein etwas anders machen?

Im Freizeit- und Familienbad gab es kein Chaos, der Begriff ist aus meiner Sicht zu dick aufgetragen. Im Bad selbst lief der Betrieb durchweg kontrolliert und die Gäste verhielten sich weitestgehend regelgerecht. Wir hatten an vier, fünf Tagen zu lange Schlangen vor dem Kassenhaus. Das stimmt – und da hätten vielleicht einige Sicherheitskräfte mehr und Online-Tickets geholfen. Im Strandbad drinnen war die Situation ebenfalls in der allermeisten Zeit in Ordnung.

Unsere speziellen Probleme am See waren die illegal abgestellten Autos im Wald und an der Bundesstraße 44, das tolldreiste Befahren von Waldwegen und das völlige Ignorieren von Waldbrand- und Umweltgefahren. Leute, die mit Handtuch, Sonnenbrille und Bolzenschneider ins Badevergnügen starten oder einfach Schranken platt fahren, hatten wir wirklich nicht im Kalkül. Da war die von Bürgermeister Jan Werner in Abstimmung mit BaHaMa, Polizei, Feuerwehr, Hessen-Forst und Ordnungsamt verfügte Schließung des Strandbads ein notwendiges Zeichen.

Online-Reservierungen hätten uns übrigens nichts genutzt. Unzählige Menschen hätten davon nix gewusst oder sich erhofft, auf irgendeine Art und Weise trotzdem an den See zu gelangen. Wir hätten viele Autofahrer ohne Tickets im Stau auf der einzigen Zufahrtsstraße stehen gehabt, hätten an den Schranken separieren und womöglich lange Diskussionen führen müssen. Wir haben 700 Parkplätze und dazu in Corona-Zeiten Strandflächen für bis zu 5 000 Tagesgäste. Die Diskrepanz, also der offenkundige Mangel an Parkplätzen, ist durch ein Reservierungssystem leider nicht aufzulösen.

Warum ist der Waldsee-Bus nicht gefahren?

Das erschien, so die Kommentare in den sozialen Medien, offenbar vielen Menschen im August als die einfachste Lösung. Ob sie das nach den Berichten über die Probleme im Schulbusverkehr immer noch meinen, sei dahingestellt. Aber wir haben uns natürlich aus gutem Grund gegen Busse entschieden, die bei schlechtem Wetter leer durch die Gegend fahren und zum Beispiel bei der Gluthitze an den besagten Wochenenden mit Sicherheit außer Kontrolle geraten wären.

Wer hätte denn bei fast 40 Grad Lufttemperatur im Bus die Sicherheitsabstände und die Maskenpflicht durchsetzen sollen? Zudem erfordert er ja bis Buchschlag die Anreise mit der S-Bahn und hilft uns somit nicht bei denjenigen Besuchern, die mit dem Auto kommen. Es gibt einfach weit und breit keinen hinreichend großen, geeigneten und verfügbaren Parkplatz, den die Busse vom See aus anfahren könnten – nicht in Mörfelden, Zeppelinheim oder in Buchschlag – oder 15 Straßenkilometer weit weg in Langen.

Langener Bäderchef über Waldsee-Situation: „Für uns manchmal zum Verzweifeln“

Welche Lehren ziehen Sie aus alledem für die Saison 2021?

Die zwei heftigen und medial begleiteten Hitzewochenenden haben, neben den praktischen und psychischen Corona-Bedingungen dieses außergewöhnlichen Sommers, die Probleme aufgezeigt, die den Badebetrieb am See seit Jahrzehnten begleiten. Das Strandbad liegt mitten im Wald, ringsherum Bannwald, Landschaftsschutzgebiet und außer dem Bad und den Vereinsanlagen unterliegen das gesamte Areal, die Uferzonen und fast die komplette Wasserfläche noch immer dem Bergrecht. Heißt, da sind Tagebau und Rekultivierung, da hat die Stadt Langen absolut nichts zu melden.

Und wir als Badbetreiber dürfen keinen Verkehr lenken – das macht die Polizei; wir dürfen keine Bußgelder verteilen, das macht das Ordnungsamt und das nur auf Langener Gemarkung. Wir können nicht auf dem Gebiet der Städte Mörfelden-Walldorf, Dreieich, Neu-Isenburg oder Trebur, einer Gemeinde, der ebenfalls Wald an der Einmündung B 44/Sehring-Straße gehört, Knöllchen verteilen und abschleppen lassen.

Zumal ein Einsatz eines Abschleppfahrzeugs auf der Bundesstraße den Verkehr dort komplett zum Erliegen bringen würde. Das soll kein Wehklagen sein, skizziert aber die Wirklichkeit, die gerade in diesem Fall schwierig und komplex ist – und, was ich gerne gestehe, für uns manchmal zum Verzweifeln, weil wir nicht einfach so handeln können, wie sich das Menschen vorstellen und es in bestimmten Situationen erforderlich wäre.

Wollen wir die seit Jahrzehnten, aber eben immer nur an zehn bis 14 Tagen im Hochsommer anstürmenden Badegäste und Autos vernünftig regeln, brauchen wir zusätzliche Parkplätze am See. Ein Parkhaus rechnet sich bei 14 Tagen Hochbetrieb, aber 365 Kalendertagen nicht; außerdem wäre dafür eine Baugenehmigung nötig, die im Wald nicht zu bekommen ist. Kurzfristig brauchen wir also zusätzlich Leitplanken an der B 44 im Waldstück, robustere Schranken und einen koordinierten Einsatz von Polizei, Ordnungsamt, Sicherheitskräften der BaHaMa und des Bäderpersonals – und die Mitwirkung der Grundstückseigentümer und der Nachbarkommunen.

Das würde aber erst mal nur das Falschparken verhindern. Was muss geschehen, um die Situation dauerhaft zu verbessern?

Mittelfristig müssen wir für Strandbad, Vereinsanlagen und Zufahrten einen Bebauungsplan zuwege bringen, der es uns ermöglicht, zum Beispiel endlich neue Sanitärgebäude bauen zu dürfen oder die Straße und Parkplätze umzugestalten. Außerdem müssen wir mit Nachdruck daran arbeiten, das mit den laufenden Verfüllungen des Sees im Süden kein weiterer, frei zugänglicher Badestrand entsteht, der die Probleme womöglich noch verschärfen würde. Die Firma Sehring muss sich hier leider an den Planfeststellungsbeschluss von 1991 halten und ich betone hier ausdrücklich, dass sie die Gesetze und Auflagen exakt erfüllt. Dies bedeutet aber auch, dass der Waldsee in den nächsten Jahren leider planmäßig kleiner wird.

Schließlich: Über digitale Unterstützung werden wir uns Gedanken machen und prüfen, ob das logistisch und wirtschaftlich von Nutzen ist. Wir haben in den vergangenen Wochen unsere Kundschaft näher kennengelernt und wissen nun, dass wir ein sehr internationales Publikum haben, das sich häufig nicht über deutschsprachige Medien informiert. Darauf müssen wir uns unbedingt besser einstellen. Und eines ist auch klar: Der Langener Waldsee ist kein normaler Badesee, der hat seine ganz eigene Geschichte, der erlebte alle Szenen, Trends und Subkulturen seit den 60er-Jahren. Manche Tage am See sind Chaos. Viele Tage sind aber auch locker, frei, ungezwungen und wunderschön. Dieser Mix wird wohl auf kurze Sicht so bleiben. (Von Manuel Schubert)

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