Gerhard Cantzler ausgezeichnet

Dankbare Schüler sind sein Lohn

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Gelebte Toleranz und Mitmenschlichkeit – das verkörpert Gerhard Cantzler, der jungen Migranten bei ihrem Schulabschluss und Berufseinstieg hilft. Für sein jahrelanges Engagement wurde er von Bürgermeister Frieder Gebhardt ausgezeichnet.

Langen – Ihnen gebührt Respekt: Menschen, die sich ehrenamtlich für andere einsetzen. Zu ihnen gehört Gerhard Cantzler aus Langen, der junge Migranten beim Berufseinstieg unterstützt. Die Stadt ehrte ihn bereits für sein Engagement, das wir an dieser Stelle gesondert vorstellen.

Als Gerhard Cantzler vor 16 Jahren in den Ruhestand geht, entscheidet er sich bewusst für das Ehrenamt. Vierzig Prozent seiner Freizeit will er fortan ins Alltagsgeschäft und den Haushalt investieren, sechzig Prozent in ehrenamtliche Arbeit – so beschließt es der ehemalige Banker damals. Sein Ehrenamt beginnt er bei dem Projekt „Nateschda“ der Caritas. Der weibliche russische Vorname bedeutet wörtlich übersetzt „Hoffnung“. „Kein Wort könnte die freiwillige Tätigkeit von Gerhard Cantzler besser beschreiben“, lobte Bürgermeister Frieder Gebhardt bei der öffentlichen Anerkennung des ehrenamtlichen Engagements.

Als Cantzler seine ehrenamtliche Arbeit aufnimmt, leben zwar noch nicht so viele Flüchtlinge in Langen wie dieser Tage, Migration ist aber ein Thema in der Sterzbachstadt – nicht zuletzt wegen des ehemaligen hessischen Übergangswohnheims an der Straße der Deutschen Einheit. Viele Neuankömmlinge haben Schwierigkeiten, in der neuen Gesellschaft Fuß zu fassen. Cantzler hilft ihnen beim Ankommen, gibt jungen Migranten Nachhilfe und unterstützt sie beim Berufseinstieg. „Von Anfang an war das Ehrenamt für mich eine bereichernde Erfahrung“, erinnert sich der 75-Jährige. Im Vordergrund steht die Unterstützung der Schüler, „denn gerade hier konnte ich viel bewegen“. Das Schönste an seiner Arbeit war für Cantzler, dass sie frei und selbstbestimmt war. Die Dankbarkeit, die er in den Augen seiner Schüler sah, war sein größter Lohn, sagt der Langener.

Während seiner langen ehrenamtlichen Tätigkeit bleiben die Menschen und ihre Probleme, um die sich Cantzler kümmert, dieselben – nur die Träger wechseln. Ab 2003 arbeitet Cantzler unter dem Dach des Internationalen Bunds (IB) weiter – ein Glücksfall für beide Seiten. Als 2009 die Finanzierung seiner Projekte durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge endet, kommt es zu einer Kooperation mit der Seniorenhilfe. Der enge Kontakt zum IB und dem hier ansässigen Jugendmigrationsdienst bleibt aber bestehen. Als stetige Wegbegleiterinnen stehen ihm dort Hanneliese Einloft-Achenbach und Maria Almenroth zur Seite. „Ohne die beiden hätte ich längst nicht so viel geschafft“, sagt Cantzler. Er wird beim IB für sein Verantwortungsbewusstsein und seine Verbindlichkeit geschätzt, die auch seine Schützlinge beeindruckt.

„Gerhard Cantzler wirkt stets durch seine Taten und ist ein Vorbild. Er fordert nur ein, was er selbst vorlebt. Er ist in höchstem Maße engagiert und offen“, lobt Gebhardt den Geehrten. Übrigens ist der Senior auch in Sachen Technik fit: mittlerweile kommuniziert er mit seinen Schülern sogar online. Acht Menschen im Alter zwischen 15 und 22 Jahren hat er intensiv begleitet – von der Nachhilfe bis weit über den Schulabschluss hinaus. Eine junge afghanische Frau erreichte durch ihn den Hauptschulabschluss, dann die Mittlere Reife, absolvierte eine Lehre zur Sozialassistentin und schaffte am Ende die Ausbildung zur Erzieherin. Zwei russlanddeutsche Brüder, die Cantzler bis zum Abi begleitete, schließen demnächst ihr Lehramtsstudium ab. Und das sind nur einige Beispiele.

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„Oft ist es mit ein paar Nachhilfestunden noch lange nicht getan“, sagt der Geehrte. Cantzler schreckt nicht davor zurück, jungen Menschen in zahlreichen Lebenssituationen unter die Arme zu greifen. Er klärt auch Konflikte, spricht mit Eltern, besucht Familien, geht in Schulen, führt Förderplangespräche und wirbt für Verständnis. Bei all seinem Engagement bleiben Cantzlers eigene Interessen die Jahre über nicht auf der Strecke: Er sang in einem Gospelchor und studierte an der „Universität des dritten Lebensalters“ der Goethe-Uni in Frankfurt Klimatologie und Religionswissenschaften.

Vor allem aber bekommt Cantzler von den jungen Migranten viel zurück. Er freut sich riesig mit, wenn sie ihre Ziele erreichen. Aber auch er selbst wird gefordert und lernt Neues: Musste er früher in der Schule „Nathan der Weise“ von Lessing nur rezitieren, so verstand er in der Interpretation mit seinen Schülern erst die Tiefe des Stücks und dass es dabei letztlich um Toleranz geht, erzählt er. Toleranz steht für den Langener auch immer im Vordergrund. Für ihn ist klar: Im Umgang miteinander sollten Hautfarbe, Bildungsstand oder Herkunftsland keine Rolle spielen. „Seinen“ Jugendlichen gibt Cantzler das Gefühl wertvoll und einmalig zu sein. Und mit dieser gelebten Toleranz und Menschlichkeit sorgt er dafür, dass Integration tatsächlich gelingt. (jrd)

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