Migrantinnen genießen Zeit außerhalb der eigenen vier Wände

Kreativtreff für Frauen: Deutsch lernen und Spaß haben

Einander viel zu erzählen hatten die Frauen des Kreativtreffs beim multikulturellen Sommerfest im Bora-Haus. Auch die Lage in Afghanistan war Thema.
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Einander viel zu erzählen hatten die Frauen des Kreativtreffs beim multikulturellen Sommerfest im Bora-Haus. Auch die Lage in Afghanistan war Thema.

Eigentlich stehen beim Kreativtreff für Frauen ab 46 eher das gemeinsame Basteln, Kochen, Ausflüge, ein bisschen Sport und Deutsch lernen auf dem Programm. Derzeit besuchen 15 Frauen aus elf verschiedenen Nationen den einjährigen Kurs. Sie haben ganz unterschiedliche Geschichten...

Langen – Der quietschrote Luftballon tanzt zwischen den Frauen umher. Immer wieder wird er angestoßen und der nächsten Mitspielerin in die Arme gestupst. Die Frauen versuchen, jeden Ballon zu erwischen und lachen ausgelassen beim gemeinsamen Spiel. Beim großen multikulturellen Sommerfest des Kreativtreffs für Frauen ab 46 im evangelischen Katharina-von-Bora-Haus in der Westendstraße wird auch mal gespielt und herumgealbert. Der Kreativtreff ist ein Angebot des Zentrums für Weiterbildung in Frankfurt, das bis vor kurzem noch eine Außenstelle in Langen hatte, das Angebot in der Sterzbachstadt aber glücklicherweise erhalten konnte.

Die Kursbesucherinnen werden von der Agentur für Arbeit geschickt. „Es ist eine offizielle Weiterbildungsmaßnahme. Meist für Frauen, die schon sehr lange hier leben und aufgrund ihrer ganz persönlichen Lebensumstände noch nicht ausreichend Deutsch gelernt haben“, erklärt Andrea Petkovic vom Zentrum für Weiterbildung. Bei den wöchentlichen, dreistündigen Treffen steht die Kommunikation im Mittelpunkt. „Wir bieten all das an, was die Frauen eben machen wollen. Manchmal tanzen wir, wir malen, vor Corona war auch das gemeinsame Kochen ein wichtiges Element. Eben all diese Tätigkeiten, mit denen die Frauen ins Gespräch miteinander kommen und ins Gespräch mit uns“, erläutert Ute Grün, eine der beiden Kursleiterinnen.

Es geht auch um die deutsche Kultur, die internationalen Feste und die unterschiedlichen und gemeinsamen Traditionen. Aber eben auch immer wieder um lebenspraktische Dinge, etwa, wie man einen Fahrkartenautomat bedient oder einen Ausweis beantragt. Derzeit besuchen 15 Frauen den einjährigen Kurs, sie kommen aus elf verschiedenen Nationen und sind zwischen 46 und 60 Jahre alt.

Frauen auf unterschiedlichen Sprachleveln „abholen“

Enas Zreig ist die Kollegin von Ute Grün und gebürtige Jordanierin. Sie weiß, was es bedeutet, in einem Land anzukommen und die Sprache nicht zu sprechen. Sie kann sich sehr gut in die Frauen einfühlen, lebt sie doch selbst erst seit zehn Jahren in Deutschland. „Mir ist es wichtig, jede Frau ganz individuell dort abzuholen, wo sie steht. Das ist sehr unterschiedlich. Manche Frauen sind Analphabetinnen, haben nie eine Schule besucht und sich in 20 oder 30 Jahren, die sie in Deutschland leben, eben nur um ihre Kinder gekümmert und haben sonst kaum Kontakte“, weiß die junge Frau. Sehr schnell kommen sie über das gemeinsame Tun ins Gespräch, genießen die Zeit abseits des eigenen Haushalts mit Abstand vom Kochen und Putzen und lernen die Sprache immer besser.

Naagis Qadeli und Najimi Slimin haben ihre Sprachkenntnisse gut trainiert, können sich mit ein bisschen Unterstützung auf Deutsch unterhalten. Beide Frauen stammen aus Afghanistan und leben schon seit fast 30 Jahren in Deutschland. Bei ihnen ist es genau so, wie es Enas Zreig beschrieben hat: Sie haben vier beziehungsweise fünf Kinder, die inzwischen erwachsen sind. „Ich habe tolle Kinder. Meine älteste Tochter war 14, als wir nach Deutschland kamen, sie hat ihren Realschulabschluss gemacht und arbeitet heute als Hörgeräte-Akustikerin. Die jüngste Tochter ist in Deutschland geboren und heute Deutschlehrerin am Dreieichgymnasium“, erzählt Slimin stolz. Sie mag die Stimmung im Kreativtreff: „Es ist völlig egal aus welchem Land wir kommen, die politischen Probleme spielen hier keine Rolle. Wir haben einfach Spaß zusammen.“

Schlimme Nachrichten aus der Heimat für Langener Afghaninnen

Das helfe auch in schweren Zeiten, sagen die beiden Afghaninnen. Die schlimmen Nachrichten aus der Heimat lassen sie nicht kalt. „Ich wollte heute gar nicht kommen. Aber meine Tochter hat den Fernseher ausgeschaltet und mich hergeschickt“, erzählt Slimin. Ihre neue Freundin Naagis Qadeli betont, wie gut es sei, die Familie in dieser Situation in Deutschland zu wissen. Sie wollen die Chance des Kreativtreffs nutzen, um die deutsche Sprache noch besser zu lernen. „Wir haben auch schon viele Freundschaften geschlossen und treffen uns auch außerhalb des Kurses“, sagt Qadeli. Und Ute Grün bekräftigt, dass das auch eines der Ziele des Kurses sei: die Frauen besser miteinander zu vernetzen.

Von Nicole Jost

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