Ministeriumsauflagen

Lehrer aus Langen kritisieren: Corona-Unterrichtsvorgaben sind „praxisfern“

An der Dreieichschule lief aus Sicht einiger Lehrer vor den Ferien vieles nicht, wie es sollte. Digitaler Unterricht konnte nicht wie geplant umgesetzt werden. archiv
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An der Dreieichschule lief aus Sicht einiger Lehrer vor den Ferien vieles nicht, wie es sollte. Digitaler Unterricht konnte nicht wie geplant umgesetzt werden. (Archivfoto)

Die Corona-Auflagen Hessens stellen die Schulen vor neue Herausforderungen. Lehrer kritisieren die Maßnahmen.

Langen – Bis zum 11. Januar haben Lehrer und Schüler eine dringend benötigte Verschnaufpause vom Schulalltag. Obwohl von Alltag kaum die Rede sein kann, denn die Zeit vor den Weihnachtsferien war eine Belastungsprobe. Die neuen Corona-Regeln führten zu neuerlichen Anweisungen durch das Kultusministerium für den Schulbetrieb. Einige Lehrer der Langener Dreieichschule (DSL) kritisieren die Vorgaben als teilweise absurd und praxisfern – und haben konkrete Wünsche für 2021.

Schichtbetrieb zwingt Lehrkräfte in Langen zum „Spagat“

Die Vorgaben des Ministeriums sahen vor, dass Schüler so weit wie möglich von zu Hause aus unterrichtet werden. Aber: Ist das nicht möglich oder von den Eltern gewünscht, müssen die Lehrer für diese Kinder und Jugendlichen Präsenzunterricht anbieten. „Die Situation ist insofern anders als vor den Sommerferien, als wir eine Notbetreuung für Kinder von Eltern mit systemrelevanten Berufen hatten“, sagt Lehrerin Katrin Aurich. Neben den Kindern in der Schule mussten auch diejenigen zu Hause adäquat beschult werden – ein Spagat für die Lehrkräfte am Langener Gymnasium.

Am vorletzten Schultag vor den Ferien saßen so etwa drei Mathelehrer in drei verschiedenen Räumen der DSL mit je einem Sechstklässler zusammen, berichtet Aurich – während die anderen 81 Schüler zu Hause einen Arbeitsauftrag alleine bearbeiteten, anstatt – wie geplant – digital unterrichtet zu werden. „Da werden unüberlegt Ressourcen verschwendet“, meint die Pädagogin und kritisiert: „Was da vom Kultusministerium vorgeschlagen wird, ist fernab der Realität.“

Kreis Offenbach: Sonderbehandlung für wenige Schüler vor Ort

Das führe nicht nur zu einer „Sonderbehandlung“ der wenigen Schüler im Präsenzunterricht, sondern zu praktischen Problemen: „Während zwei Lehrer im Auto auf dem Weg zur Schule sind, um je einen Schüler für zwei Schulstunden zu betreuen, können in dieser Zeit knapp 55 andere nicht digital unterrichtet werden“, nennt Aurich ein weiteres Beispiel vom selben Schultag. Der weit größere Teil der Kinder – daheim vorm Rechner – hat also mitunter das Nachsehen, während die wenigen vor Ort eine 1:1-Betreuung erhalten.

„Eltern, die ihre Kinder alleine zu Hause gelassen haben, in der Annahme, dass der Unterricht in digitaler Form und in einer direkten Betreuung durch die Lehrkraft stattfindet, werden bedauern, dass sie nicht auch ihr Kind in die Schule geschickt haben, um diesen privilegierten Einzelunterricht zu erhalten“, sagt Aurich. Sie habe vorab einer Mutter mehrfach versichert, dass sie den Stundenplan digital erfüllen werde und diese ihren Nachwuchs daheim lassen könne. Doch die Lehrerin fühlt sich, als würden ihr vom Ministerium Steine in den Weg gelegt.

Ihr Lösungsvorschlag wäre, die wenigen Kinder in der Schule von den ohnehin eingesetzten Kräften betreuen zu lassen, während sie sich mit dem Schul-Laptop zum Digitalunterricht zuschalten. In Eigenregie haben Lehrer schon versucht, beides unter einen Hut bringen. Aurich hat einen Videoanruf mit dem Handy gestartet, um beide Gruppen synchron unterrichten zu können. Doch da streikt teilweise die Technik. „Das Internet in der Schule ist oft abgebrochen.“ Realität war daher eher, in Nachbarräumen zwischen Präsenz- und Digitalunterricht stetig hin und her zu wechseln.

Offener Brief an den Kultusminister: „Völlig falsches Bild der Realität“

Die Vorgaben und die mangelnde technische Ausstattung kritisieren drei weitere Mitglieder des DSL-Kollegiums in einem offenen Brief an Kultusminister Alexander Lorz. Dass dieser den verordneten und „bis zur letzten Sekunde durchgeführten“ Präsenzunterricht nun als großen Erfolg bezeichne, mache sie fassungslos, betonen Martin Storck, Andreas Habermann und Sebastian Obländer. „Fassungslos, weil sie ein völlig falsches Bild der Realität vermitteln“. Es mute zynisch an, dass die vom Minister beglückwünschten Schulen selbst als betroffene Institution in ihrer Eigeninitiative, was die Unterrichtsform angeht, so stark reglementiert wurden.

„Wir als Lehrer und unsere Schulgremien können sehr gut beurteilen, in welcher Situation, Form und Intensität Distanzunterricht situativ möglich, nötig und pädagogisch sinnvoll ist“, schreibt das Trio. Zusammen mit engagierten Kollegen, Schülern und Eltern habe man bereits erfolgreich online unterrichtet. „Unserer Erfahrung nach bietet gut vorbereiteter Distanzunterricht mehr als eine bloße Ergänzung des traditionellen Präsenzunterrichtes“, so die Pädagogen. Das sei eine „äußerst wertvolle Weiterentwicklung hin zu einer zeitgemäßen Kommunikations- und Unterrichtsform, wie sie längst hätte etabliert werden sollen“. „Ein sinnvoll gestalteter Wechsel der Unterrichtsformen bietet enorme Chancen und zeigt den Weg in die Zukunft“ , meinen die Lehrer, die sich durch ihre Schüler bestätigt sehen.

Lehrer aus Langen: Schulen technisch nicht genug vorbereitet

Auch sie bringen die schlechte technische Ausstattung der Schule zur Sprache. „Solange weiter nicht die notwendigen technischen Voraussetzungen bereitgestellt werden, erscheint es nachvollziehbar, Präsenzunterricht als absolute Priorität auszurufen.“ Dann falle auch nicht auf, was alles nicht funktioniere. Schließlich haben die Langener Lehrer fürs neue Jahr konkrete Forderungen an den Kultusminister: „Wir wünschen uns den Abbau von Bürokratie, mehr Vertrauen in die Eigeninitiative von Schulleitungen und Lehrern, zielgerichtete Bearbeitung der technischen Unzulänglichkeiten und letztendlich Vertrauen in unsere pädagogische Entscheidungskompetenz hinsichtlich der Unterrichtsgestaltung.“ (Julia Radgen)

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