Entstehung eines Kultfestes

Ebbelwoifest: Am Anfang standen ein paar Irrtümer

+
Nicht alle wurden so nass wie Dieter Roghmans.

Langen - Es wird viel diskutiert an diesem Abend im März des Jahres 1974. Alle geben ihren Senf dazu. Doch es bleibt bei leeren Worten, kaum einer macht konkrete Vorschläge. Von Manuel Schubert

Irgendwann reicht es dem Redakteur der Langener Zeitung, der von der Jahreshauptversammlung des Verkehrs- und Verschönerungsvereins (VVV) berichten soll. Frustriert meldet er sich zu Wort: „Es ist so viel geredet worden, ich weiß gar nicht, was ich schreiben soll“, beklagt er sich. „Wie wäre es einfach mit einem Ebbelwoi-Abend am Vierröhrenbrunnen?“ Er habe kein Rede-Recht und solle leise sein, muss er sich daraufhin anhören. Ein paar Missverständnisse später stimmen die Mitglieder des Vereins plötzlich doch über die Idee des selbstbewussten Journalisten ab. Das Ergebnis ist einstimmig. Und das Ebbelwoifest ist geboren.

Der Mann, dessen spontanem Einfall die Langener ihre Nationalfeiertage verdanken, heißt Hans Hoffart und ist mittlerweile 82 Jahre alt. In grauer Anzughose und Pantoffeln sitzt er an einem gigantischen Tisch aus dunklem Holz, der im Wohnzimmer seines Hauses auf dem Steinberg steht, und erzählt. An den Moment, in dem das Fest der Feste aus der Wiege gehoben wurde, erinnert er sich, als sei es gestern gewesen: „Das Wort Ebbelwoifest habe ich gar nicht in den Mund genommen. Und ich habe auch ganz bestimmt keinen Antrag gestellt“, berichtet er vergnügt. „Trotzdem wurde aus irgendeinem Grund über genau diesen Vorschlag abgestimmt.“

Ebbelwoifest zum 40. Mal

Hoffarts Idee scheint eine gute gewesen zu sein: Kommende Woche geht bereits die 40. Ausgabe des Ebbelwoifests über die Bühne. Von Freitag, 21. Juni, bis Montag, 24. Juni, steht die gesamte Altstadt wieder im Zeichen des goldgelben „Stöffches“, das literweise aus dem Vierröhrenbrunnen strömt. Tausende Besucher aus nah und fern werden gemütlich in den Heckenwirtschaften beisammensitzen, im Bierzelt feiern, Bratwürste, Crêpes und Zuckerwatte vertilgen, alte Freunde treffen, sich an den Fahrgeschäften einen Adrenalin-Kick holen, und, und, und. Das Ebbelwoifest gehört zum Langener Juni wie der Christbaum zu Weihnachten.

Hans Hoffart in seinem Element: Der Mann, der die Kapp des Brunnenwirts (ganz oben) viele Jahre lang trug, hatte bei der Ebbelwoidaaf immer seinen besonderen Spaß.

Und das schon lange. Viel habe sich nämlich im Lauf der Jahre gar nicht verändert, kann Hans Hoffart bestätigen. Er muss es wissen – schließlich war er von Anfang an als Chef-Organisator und Brunnenwirt dabei, bis er seine „Kapp“ 2009 an den Nagel hängte. Kurz nach der richtungsweisenden Jahreshauptversammlung im Jahr 1974 wurde Hoffart gefragt, ob er auch bereit sei, seinen Vorschlag in die Tat umzusetzen. „Das musste ich dann auch, um mein Gesicht zu wahren“, erklärt er augenzwinkernd. Hoffart wurde zweiter Vorsitzender des VVV und zog fortan beim Ebbelwoifest die Fäden.

Gaststätten machen mit

Der Start lief überraschend glatt: Gemeinsam mit zwei weiteren Mitgliedern des Vereins leitete Hoffart innerhalb weniger Monate alles in die Wege. „Draußen auf der Terrasse haben wir uns getroffen“ – Hoffart deutet mit dem Finger nach rechts – „und zu dritt das Ding auf die Beine gestellt.“ Von Beginn an beteiligten sich zahlreiche Gaststätten und stellten ihre Höfe zur Verfügung. Somit konnte Langen noch im selben Jahr die erste Ausgabe seines Ebbelwoifests feiern. „Das war damals schon ziemlich groß“, freut sich der Erfinder. Bereits bei der Premiere gehörten der Frühschoppen und das Chorkonzert im Kirchhof zum Programm. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Im zweiten Jahr kamen zwei Veranstaltungen hinzu, die heute immer noch untrennbar mit dem Ebbelwoifest verbunden sind: die Staffel und die Taufe. Die zweite der beiden Traditionen übernahm das Planungsteam vom Langener Heimatfest, das in den Jahrzehnten vor Beginn des Ebbelwoifests sporadisch stattgefunden hatte. Als Brunnenwirt übernahm Hans Hoffart die „Daaf“ natürlich höchstpersönlich. Durch den Ebbelwoi aus seinem Bembel wurden im Lauf der Jahre rund 150 Zugezogene zu „echten“ Langenern.

Ebenfalls 1975 ging die Musikschau im Festzelt an den Start, die allerdings nicht bis in die Gegenwart überlebt hat. Mitte der 80er Jahre wurde sie durch das freitagabendliche Feuerwerk ersetzt. Vier bis fünf Ensembles traten früher Jahr für Jahr auf, darunter sogar viele Gäste aus dem Ausland. Vor allem rund um Langens britische Partnerstadt Long Eaton habe sich herumgesprochen, so Hoffart, wie viel Spaß es mache, in der Sterzbachstadt aufzutreten. So reiste etwa ein 40-köpfiges Orchester aus Schottland auf eigene Kosten an. Auch das hessische Polizeiorchester trat auf. Das absolute Highlight in 39 Jahren sei laut Hoffart jedoch das Konzert einer Musikschule aus Honolulu gewesen, die bei ihrer Welt-Tournee spontan einen Zwischenstopp in Langen einlegte. „Das waren zwei Stunden Nonstop-Programm vom Allerfeinsten“, schwärmt Hoffart. „Das Zelt war im Nu rammelvoll.“

Ebbelwoifest 2012: Bilder

Ebbelwoifest

2009 setzte der Ur-Langener nach 36 Jahren einen Schlussstrich unter seine Ebbelwoifest-Aktivitäten. „Jemand Jüngeres musste ran“, erklärt Hoffart, „man kann so etwas nicht machen, bis man tot umfällt.“ Sein Nachfolger als Brunnenwirt ist Friedhofchef Heinz-Georg Sehring. Ihm wollte Hoffart während der ersten Jahre noch mit Rat und Tat zur Seite stehen können. Auch deshalb habe er sein Amt niedergelegt. Vor allem habe er Sehring jedoch ans Herz gelegt: „Versuche nicht, mich zu kopieren, sondern sei derjenige, der du bist.“

Außer einigen Ratschlägen muss Hoffart heute keine Arbeit mehr übernehmen, wenn das Ebbelwoifest ansteht. Das einzige Amt, das er noch bekleidet, ist das des Ehrenvorsitzenden. Zu eben jenem ernannten ihn jedoch gleich drei Vereine: der VVV, die Langener Karneval Gesellschaft und der Gesangverein Frohsinn. Die Stadt machte ihn außerdem zum Ehrenbürger. „Vor lauter Ehre“ – Hoffart beugt sich nach vorne und flüstert grinsend – „merkt man, dass man alt ist.“ Ob er es schade finde, nun nicht mehr direkt involviert zu sein? „Nein, nein“, winkt er ab. „Ich hab’s ja so gewollt.“

Und auch wenn er sich nun zurücklehnen kann: Beim Ebbelwoifest 2013 wird Hoffart sich nichts entgehen lassen. „Ich bin überall dabei“, verspricht er. Danach werde er noch etwas „wohlmeinende Kritik“ abgeben. „Schließlich war ich auch mein ganzes Leben dankbar dafür.“

Ebbelwoifest 2011: Bilder

Viel Apfelwein beim Ebbelwoifest

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare