Zerstörung durch Sturm

Ausnahmezustand in Egelsbach und Langen: Unwetter wütete hier am stärksten

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Land unter: An einigen Stellen in Langen wie hier am Rathaus bildeten sich kleine Seen auf der Straße.

Es waren nur wenige, aber extrem heftige Minuten, doch die Beseitigung der Schäden wird noch lange dauern: Egelsbach und Langen gehören zu den Kommunen, in denen das Unwetter am Sonntag am stärksten gewütet hat.

Langen/Egelsbach – Ausnahmezustand: Zuerst fällt der Strom aus, quasi als Vorbote, dann peitschen Windböen prasselnden Regen und Hagelkörner fast waagerecht durch die Luft. Es dauert nur wenige Minuten – doch als die Menschen kurz nach 18 Uhr wieder aus den Häusern können, hat sich das Bild im Freien schlagartig geändert: Überall liegen entwurzelte oder zersplitterte Bäume, herabgefallene Äste und Ziegel, Zäune sind umgestürzt, Autos unter Holz begraben, Straßen überschwemmt, Keller und Tiefgaragen vollgelaufen. Die Feuerwehr Langen muss knapp 70 Menschen aus Fahrzeugen befreien, die Asklepios Klinik, selbst von Sturmschäden betroffen, zählt in der Notaufnahme etwa 60 Patienten mit Verletzungen, die durch das Unwetter verletzt wurden.

Die Schäden durch die sogenannte Supergewitterzelle mit Fallböen („Downburst“) sind verheerend – sie bescheren den Freiwilligen Feuerwehren in Langen und Egelsbach mehrere hundert Einsätze, die nach Priorität abgearbeitet werden und gestern bei Redaktionsschluss noch nicht beendet sind. Und zu allem Überfluss werden die Helfer am Hochhaus Dieburger Straße 1 von Schaulustigen und Anwohnern massiv behindert und sogar bedroht.

Mittelpunkt der Aufräumarbeiten: Verkehrswege

Im Mittelpunkt der Aufräumarbeiten stehen die Verkehrswege. Dutzende Straßen und Zufahrten sind blockiert, die Ortsausfahrten teilweise unbefahrbar. „Die B 486 zwischen Langen und Dreieich-Offenthal sowie zwischen Langen und Mörfelden bleibt vorerst komplett gesperrt“, berichtet Langens Stadtbrandinspektor Frank Stöcker gestern Mittag. Auch auf der K 168 zwischen Langen und Egelsbach geht zu diesem Zeitpunkt nichts. Wann genau welche Strecke wieder eröffnet werden kann, steht noch nicht fest.

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Unterstützt werden die Feuerwehren auch von Mitarbeitern von Hessen Forst: „Wir helfen mit, die öffentlichen Straßen freizuräumen“, berichtet Dieter Hanke vom Forstamt Langen. Die Waldwege folgen erst später, deshalb lassen sich auch noch keine Aussagen über den Zustand in den Wäldern rund um Langen und Egelsbach treffen. Feuerwehr und Polizei verschaffen sich auch mittels Drohnen- und Hubschrauberflügen Luftbilder, um das gesamte Ausmaß einzuschätzen.

Zahlreiche Verletzungen durch Unwetter

„Wir hatten nach dem Unwetter bis etwa Mitternacht 20 Patienten über den Rettungsdienst und etwa 40, die sich selbst in die Zentrale Notaufnahme eingewiesen haben“, berichtet Jan Voigt, Geschäftsführer der Asklepios Klinik. Die meisten Verletzungen sind Gesichts- und Kopfverletzungen, Knochenbrüche und eine stumpfe Brustverletzung. Dabei ist das Krankenhaus selbst von Schäden betroffen: „Wir hatten Wasserschäden, einen Stromausfall, Systemausfälle, keinen Kontakt zur Leitstelle, große Schäden auf dem Außengelände und trotzdem hat unsere Klinik gestern die medizinische Versorgung des Landkreises aufrechterhalten“, sagt Voigt und lobt das gesamte Team: Kollegen aus anderen Stationen helfen in der Notaufnahme mit, Mitarbeiter, die in Langen wohnen, kommen zu Fuß in die Klinik, um anzupacken.

Nichts geht mehr: Wann die B 486 Richtung Autobahn 5 wieder befahrbar ist, steht noch nicht fest.

Der Stromausfall, der auch die Klinik trifft, legt von 17.55 bis 17.57 Uhr das gesamte Versorgungsgebiet der Stadtwerke Langen lahm. Grund ist ein Schaden an einer Freileitung im vorgelagerten Netz. Als Folge davon kommt es in Langen zu Kurzschlüssen in den Trafostationen Birkenwäldchen und Uhlandstraße. In diesem Bereich sind die Haushalte für etwa zwei Stunden ohne Strom. Aus Egelsbach ist lediglich ein circa fünfminütiger Stromausfall zu Beginn des Unwetters überliefert.

Freizeit- und Familienbad an der Langener Teichstraße stark beschädigt

Schlimm erwischt es das Freizeit- und Familienbad an der Langener Teichstraße. Bis voraussichtlich Freitag ist das Gelände geschlossen, weil Bäume umgestürzt, Zäune beschädigt und Becken stark verunreinigt sind. Auch das Strandbad Langener Waldsee bleibt aus Sicherheitsgründen zu. Die Egelsbacher Bilanz ist glimpflicher: Das Freibad öffnet bereits am Montagnachmittag wieder, zunächst mit der Einschränkung, dass die Liegewiese abgesperrt bleibt.

Einfach umgeweht: An der Weiherwiese zwischen Langener Altstadt und Freibad fielen mehrere mächtige Bäume um.

Auf dem Langener Friedhof steht der Betrieb erst mal still, damit das Gelände abgesichert werden kann. Ab heute dürfen Besucher das Areal wieder betreten.

Schulen, Kitas und andere öffentliche Gebäude in Langen und Egelsbach sind mit dem Schrecken davongekommen. Bis auf kleinere Wassereinbrüche und Schäden können alle Einrichtungen normal öffnen. Die städtischen Spielplätze sind aber in Mitleidenschaft gezogen. Eltern und Kinder sollten auf die Warnschilder und Absperrungen vor Ort achten.

„So krass hab ich das noch nicht erlebt“

„So krass hab ich das noch nicht erlebt“, kommentiert Christian Klöppel die Einsatzstunden seit Sonntagabend – in erster Linie spielt Egelsbachs Gemeindebrandinspektor damit auf das Ausmaß der Schäden an. Für die Gemeinde zieht Klöppel eine vorläufige Bilanz nach dem Motto „Glück im Unglück“. Im Prinzip habe der „Downburst“ die Gemeinde gestreift – die Spur der Verwüstung zieht sich von Wolfsgarten über die Mahr-Siedlung, einige Firmengelände im Bereich Kammereck und Teile des „Vogelviertels“, wo die Dächer mehrerer Häuser zum Teil erheblich beschädigt worden sind. 

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Die Mahr-Siedlung im Westen hat es definitiv am heftigsten erwischt. „Wir haben am Sonntagabend dort angefangen, uns den Weg mit der Motorsäge zu bahnen“, berichtet Klöppel und ergänzt: „In dieser Vehemenz entwurzelte Bäume habe ich auch noch nicht gesehen. Im Prinzip war die Straße überhaupt nicht mehr zu sehen.“ Montagfrüh gegen 4.30 Uhr sei die Siedlung schließlich wieder zu Fuß erreichbar gewesen. „Bewohner sind zum Glück nicht verletzt worden.“

Zersplittertes Holz, wohin man auch blickt: Wie hier an der Stadtkirche liegen überall in Langen Äste und Bäume auf dem Boden.

Ortskern weitestgehend verschont

Den Ortskern habe es im Prinzip verschont, auch Wassereinbrüche, wie andernorts, seien in Egelsbach diesmal kein Thema gewesen, resümiert der Gemeindebrandinspektor am Montagabend. Zu diesem Zeitpunkt hat er längst nur noch einen Wunsch, mit dem er den vielen unermüdlichen und überwiegend ehrenamtlichen Einsatzkräften aus der Seele sprechen dürfte: „Eine Mütze voll Schlaf.“

Auch wenn das gesamte Ausmaß erst in ein paar Tagen feststehen wird, klar ist jetzt bereits: Die Schäden sowohl in Langen als auch in Egelsbach gehen in die Millionen.

von Markus Schaible und Holger Borchard

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