Prozess vor dem Schöffengericht Darmstadt

Nach tödlichem Unfall mit E-Biker: Geldstrafe für Autofahrer

Unfall mit Radfahrer
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Bei dem Unfall, der vor Gericht verhandelt wurde, kam ein Pedelec-Fahrer ums Leben. (Symbolbild)

Er war zur falschen Sekunde am falschen Ort: Das hat am Nachmittag des 4. Juli 2020 einen 83-jährigen Rentner in Langen das Leben gekostet. Der Fall wurde nun vor Gericht verhandelt.

Langen – Er und seine Frau fuhren mit ihren Pedelecs vom Abzweig Darmstädter Straße südlich der Kommunalbetriebe ungesichert über die B3 in Richtung Egelsbacher Straße. Während die Frau gut über die Straße kam, wurde der Senior von einem 6er BMW erfasst. Er starb noch an der Unfallstelle an seinen schweren Kopfverletzungen. Der Fall wurde nun vor dem Schöffengericht Darmstadt verhandelt.

Erschien die Schuldfrage auf den ersten Blick recht einfach, so entpuppte sie sich während der Verhandlung doch als wesentlich vielschichtiger. Nach mehr als vier Stunden dann das überraschend milde Urteil für den 68-jährigen Fahrer aus Langen: 3 600 Euro Geldstrafe und eine zehnmonatige Führerscheinsperre wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Straßenverkehrsgefährdung. Der Mann hatte zur Tatzeit mindestens 1,4 Promille Alkohol im Blut. Staatsanwältin Eda Öztürk-Kayrak hatte 16 Monate Gefängnis zur Bewährung plus 1000 Euro Geldauflage gefordert: „Der Unfall wäre bei sorgfältiger Fahrweise vermeidbar gewesen. Und der Fahrer hätte wissen müssen, das er fahruntauglich war!“

Richter Peter Liesenfeld sieht die Sache differenzierter: „Wir halten eine Freiheitsstrafe aus mehreren Gründen nicht für angemessen. Der Angeklagte ist geständig, hat weder Einträge im Bundeszentral- noch im Fahreignungsregister.“ Er leide selbst sehr darunter, und der Radfahrer trage eine hohe Mitschuld am Unfall. Mit dem Urteil entspricht das Gericht dem Plädoyer der Verteidigung.

Anwohner kann nicht zur Aufklärung des Unfalls beitragen

Alkoholbedingte Reaktionsverzögerung hin oder her, ADAC-Vertragsanwalt Peer Mönch hält ein entscheidendes Detail für strafentschärfend: „Wir wissen nicht, ob mein Mandant den linken Fahrbahnrand mit dem Pedelec-Fahrer überhaupt sehen konnte, oder ob die Sicht durch ein linksabbiegendes Fahrzeug auf der dreispurigen Straße verdeckt war. Wenn letzteres der Fall war, hätte er den Unfall auch nüchtern nicht vermeiden können.“ Gerade auf einer so belebten Straße wie der kerzengeraden B3 könne man sich nicht permanent auf alles konzentrieren, sondern müsse auf das vorgeschriebene Tempo 50 und das korrekte Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer vertrauen können“, so der Rechtsbeistand.

Der einzige Zeuge, ein 33-jähriger Bewohner der Reihenhaussiedlung nördlich der Unglücksstelle, hatte nur ein lang gezogenes Geräusch und den Knall gehört und kann zur Aufklärung nicht viel beitragen. „Seitdem ich da wohne, ist das der dritte oder vierte Unfall. Ich bin sofort hingelaufen, um erste Hilfe zu leisten“, erinnert sich der Unternehmensberater.

Verkehrsgutachter kann Unfall in Langen nicht eindeutig rekonstruieren

Ob der Rentner vor der Straße anhielt und nach dem Verkehr schaute oder einfach seiner Frau hinterherfuhr, konnte im Nachgang nicht nachvollzogen werden. Genauso wie seine Geschwindigkeit, geschätzt zwischen zehn und zwanzig Stundenkilometern. Die des BMWs rekonstruiert Verkehrsgutachter Maximilian Rosenberger zwischen Tempo 35 und 55 zum Zeitpunkt des Aufpralls. Das kann er aufgrund der Unfallparameter errechnen: Der Rentner wurde auf die Motorhaube gehoben, knallte gegen Frontscheibe und A-Säule. Dann flogen Rad und Radler separat voneinander rund 20 Meter weit. Was der Sachverständige allerdings nicht klären konnte, ist, ob der Autofahrer überhaupt eine Bremsung einleitete. Dies ist der hohen Technisierung der modernen Kraftfahrzeuge geschuldet: Durch das Antiblockiersystem fehlen meistens die typischen schwarzen Bremsspuren. Was Rosenberger aber auch errechnete, ist die Vermeidbarkeit des Unfalls. Hier gibt es zwei Möglichkeiten. Die eine ist natürlich, dass der Rentner erst bei freier Straße diese hätte überqueren dürfen oder – was auch nicht ungefährlich ist – auf einer der Nachbarfahrbahnen das Fahrzeug hätte vorbeilassen müssen. Die andere ist, dass bei einer sofort eingeleiteten Bremsung des Langeners der Radfahrer noch vor der Motorhaube „vorbei gehuscht“ wäre. Rosenberger: „Letztendlich war es nicht mehr als eine Sekunde früher oder später, die den Knall vermieden hätte.“

Von Silke Gelhausen

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