Entführung, Drohung, Gerichtsprozess:

Pferd bezahlt Streit mit dem Leben

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Abgemagert und vernachlässigt: Das ist eines der letzten Bilder von Carrera, der entführte Wallach ist inzwischen gestorben.

Langen/Egelsbach -  Aufgeregte Anwälte, Schreierei im Gerichtssaal und ein totes Pferd – es war ein kurzer Prozess am Langener Amtsgericht, aber er hatte es in sich.

Richterin Kirsten Prass musste über den Verbleib zweier Tiere zwischen zwei Vertragspartnern und Streithähnen verhandeln. Hintergrund des Konflikts ist der Grundstücksverkauf einer Egelsbacher Reitanlage im Mai 2017. Ein Langener Unternehmerpaar hatte das Gelände erworben, wobei der Verkaufspreis bislang noch nicht bezahlt worden sein soll. Der ehemalige Eigentümer lebte – mit vertraglich zugesichertem Wohnrecht – weiter auf der Anlage. Im Laufe der Monate gerieten Käufer und Verkäufer aneinander; letzterer wollte den Verkauf rückgängig machen.

Im Januar 2018 verschwanden dann Esel Axel und Wallach Carrera von dem Hof – das Unternehmerpaar hatte die beiden über 20 Jahre alten Tiere verladen und weggebracht. Der Egelsbacher klagte beim Amtsgericht auf Herausgabe der Tiere; Ende Februar wurde angeordnet, dass die „Tierentführer“ den Aufenthaltsort von Carrera und Axel preis geben müssen. Der Egelsbacher fuhr sofort nach Herchenrode und schaute nach seinen Tieren. Pferd und Esel seien getrennt, der alte Wallach auf einer Winterkoppel und in einem schlechten gesundheitlichen Zustand gewesen. Laut seinem Anwalt sei telefonisch vereinbart worden, die Tiere zurück nach Egelsbach zu bringen – an einen neutralen Ort.

Als der Tierbesitzer wie verabredet am 5. März in Herchenrode ankam, waren Esel und Pferd aber erneut verschwunden. An dieser Stelle setzt nun der aktuelle Gerichtstermin ein. Richterin Prass reagiert mit Unverständnis: „Ich verstehe nicht, warum die Tiere noch nicht wieder zurück in ihrem Zuhause sind. Uns liegen Fotos von dem Pferd in schlechtem Zustand vor – wo sind die Tiere?“, fragt die Richterin den Anwalt und den Ehemann des beklagten Paares (die Ehefrau, die auch Tierzüchterin und Leiterin eines Tierheims ist, erschien nicht zum Prozess). Diese sprechen zunächst über bereits getätigte Investitionen in Egelsbach und drohende wirtschaftliche Verluste – dann erklärt der Anwalt: „Wir geben den Esel heraus, aber es gab ein fürchterliches Ereignis. Das Pferd ist inzwischen verstorben.“ Carrera starb an einem Aortenabriss, was angeblich auch eine Tierärztin bescheinigte.

Tierische Gerichtsprozesse des Jahres 2016

Diese Nachricht lässt die Stimmung im Gerichtssaal kippen. Der Anwalt des Egelsbachers tobt. Auch die Richterin ist überrascht vom plötzlichen Tod des Pferdes: „Ich verstehe wirtschaftliche Zwänge, aber sie können diese doch nicht zu Lasten von unschuldigen Tieren austragen. Was auch immer sie mit dem Herrn haben, da können die Tiere nichts dafür. Das Pferd und den Esel in einer Nacht und Nebelaktion abzuholen, war ein Unding. Jetzt werden Schadensersatzforderungen auf sie zukommen und sie haben sich auch strafrechtlich verhalten – auf jeden Fall ist es aber unsäglich. Sie wollten dem Herrn eins auswischen“, sagt die Richterin.

Den Esel muss das Langener Paar, vor Gericht keine Unbekannten, jetzt herausgeben. Für die Akte gibt es aber noch einen neuen Eintrag: Kurz nach der Gerichtsverhandlung erfolgt ein Polizeieinsatz auf der Reitanlage in Egelsbach. Auf Anfrage bestätigt eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Südosthessen, dass es eine Anzeige und den „Verdacht einer Bedrohung“ durch einen 74-jährigen Mann gibt. Er habe eine „Gefährderansprache“ bekommen.

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