ABSCHIEDSINTERVIEW Frieder Gebhardt blickt auf zwölf Jahre als Bürgermeister zurück

„Erfolg durch Wachstum“

Die letzten Tage: Nach zwölf Jahren im Amt räumt Bürgermeister Frieder Gebhardt zum Monatsende seinen Schreibtisch im Rathaus. Foto: Strohfeldt
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Die letzten Tage: Nach zwölf Jahren im Amt räumt Bürgermeister Frieder Gebhardt zum Monatsende seinen Schreibtisch im Rathaus. Foto: Strohfeldt

Langen – Vier Arbeitstage noch, dann endet die Amtszeit von Frieder Gebhardt (70) als Langener Bürgermeister. Zwölf Jahre stand der SPD-Politiker an der Spitze der Stadtverwaltung.

Heute Abend wird er in der Stadtverordnetenversammlung bereits offiziell verabschiedet und sein Nachfolger Dr. Jan Werner ins Amt eingeführt. In seinem letzten großen Interview blickt Gebhardt auf seine Zeit als Rathauschef zurück.

Herr Gebhardt, die letzten Wochen Ihrer Zeit als Langener Bürgermeister waren geprägt von der schwersten Krise nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit welchen Gefühlen gehen Sie nun in den Ruhestand?

Natürlich hatte ich mir die letzten Wochen meiner Amtszeit anders vorgestellt. Der geplante Urlaub war schon allein wegen der Reiseeinschränkungen nicht mehr möglich. Ab Mitte März ist ein Außentermin nach dem anderen aus meinem Terminkalender verschwunden und dafür haben uns die Landesverordnungen zur Bewältigung der Corona-Krise zeitweise mehrfach wöchentlich Krisensitzungen beschert. Die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice und die Kommunikation in Telefon- und Videokonferenzen haben uns interessante Erfahrungen für die Zukunft gebracht. Die Sorge um die Gesundheit der Menschen in unserer Stadt, um die wirtschaftliche Situation der vielen sozialen und kulturellen Einrichtungen und der Unternehmen in unserer Stadt hat uns täglich zusammensitzen lassen. Nicht zuletzt auch die Frage, wie lange wir es aushalten, unsere Kinder von Schule und Betreuungseinrichtungen fernzuhalten.

Auch wenn die Infektionsgefahr längst nicht gebannt ist, waren alle, die in unserer Stadt wohnen und wirtschaften, sehr besonnen und diszipliniert. Die Spuren, die diese Krise hinterlässt, gewinnen langsam Konturen und setzen eine Wegmarke in unserer Geschichtsschreibung. Ich bin zuversichtlich, dass wir nach und nach in ruhigere Fahrwasser gelangen, und hoffe sehr, dass dann auch bald ein wirksames Medikament gefunden wird, mit dem das Infektionsgeschehen bewältigt werden kann.

Meine Gefühlswelt habe ich noch nicht so recht im Griff. Einerseits freue ich mich nach immerhin 54 Berufsjahren auf den Ruhestand und auf mehr Zeit mit meiner Familie, andererseits fällt mir der Abschied von meiner Tätigkeit als Bürgermeister und aus der Zusammenarbeit mit vielen lieb gewonnenen Kolleginnen und Kollegen schwer.

Wie hätten Sie sich denn eigentlich Ihre letzten Wochen im Rathaus gewünscht?

Für mich ist ja der Abschied vom Rathaus auch ein Abschied aus dem aktiven Berufsleben. Da nimmt man sich üblicherweise Zeit, um sich im beruflichen Umfeld zu verabschieden. Dazu gehört auch ein Händedruck oder eine freundschaftliche Umarmung. Unter Beachtung der Hygiene- und Abstandsregeln verläuft das nun leider alles sehr nüchtern und sachlich. Die corona-bedingten Einschränkungen haben uns eine Abstinenz zwischenmenschlicher Begegnungen beschert, was ich persönlich sehr bedaure. Nun sind meine Tage im Rathaus gezählt und auch mit einer weiteren Lockerung der Kontaktbeschränkungen ist das nicht mehr wettzumachen.

Blicken wir auf die gesamten zwölf Jahre zurück. Welche Amtszeit empfinden Sie als Ihre bessere? Die ersten oder die letzten sechs Jahre?

Die ersten Jahre im Amt sind für Bürgermeister immer auch Lehrjahre. Nun hatte ich ja den Vorteil, schon seit 1989 Kommunalpolitik in Langen mitgestalten zu dürfen und vor dem Wechsel ins Hauptamt bereits ehrenamtliche Magistratsarbeit kennenzulernen. Und doch musste ich mich mit vielen Verfahrensabläufen, Vorschriften und Regeln vertraut machen. Obwohl ich meine Lehrzeit vor mehr als 50 Jahren bei einer Landesverwaltung absolviert habe, brauchte ich eine Weile, um mich daran zu gewöhnen, dass in einer Verwaltung beispielsweise eine Rechnung ein „zahlungsauslösendes Dokument“ ist. Für die Unterstützung kompetenter und wohlgesonnener Kolleginnen und Kollegen besonders in der ersten Zeit bin ich rückblickend sehr dankbar. In der zweiten Amtszeit war dann vieles schon von der gesammelten Erfahrung und Routine geprägt.

Welche Ihrer Entscheidungen würden Sie als die beste bezeichnen?

Es gab in den vergangenen zwölf Jahren eine Vielzahl guter Entscheidungen, die ich als Bürgermeister zusammen mit der Verwaltungsspitze vorbereitet und – nachdem sie von Magistrat und Stadtverordnetenversammlung positiv beschieden waren – umgesetzt habe. Einige glückliche Personalentscheidungen haben sichergestellt, dass die Stadt Langen über eine hochkompetente Verwaltung verfügt. Die strikte Trennung von Wohnen und Gewerbe östlich und westlich der Bahnlinie hat den Weg frei gemacht für eine Urbanisierung brachliegender Flächen in einem sehr bemerkenswerten Ausmaß. Damit einhergehend haben wir den Wohnungsbau in unserer Stadt in bislang ungeahntem Ausmaß befördert. Der Neubau unseres Betriebshofs der Kommunalen Betriebe und die damit verbundene Erweiterung der Feuerwehr waren ein wichtiger Schritt, damit diese Einrichtungen auch in den nächsten Jahren gute Arbeit leisten können. Mit dem Fachmarktzentrum in der Pittlerstraße, dem neuen Einkaufszentrum in der Liebigstraße und dem Magneten in der Bahnstraße haben wir entscheidende Schritte getan für eine bessere Nahversorgung der Bevölkerung und die Bindung der Kaufkraft in unserer Stadt. Und mit der Ansiedlung von hochkarätigen neuen Unternehmen haben wir eine Vielzahl neuer Arbeitsplätze in unsere Stadt geholt. Die Unterbringung einer Vielzahl von Flüchtlingen – auch das eine wirkliche Herausforderung – ist uns dank der Mithilfe vieler engagierter Menschen nahezu geräuschlos gelungen. Die umgestaltete Mörfelder Landstraße mit zwei Kreisverkehren, an deren Sinnhaftigkeit heute keiner mehr zweifelt, führt über eine neuwertige Bahnüberführung, deren Sanierung mit allen damit verbundenen Problemen vorbildlich abgewickelt wurde. Das sind nur einige Beispiele aus einer langen Liste erfolgreicher Projekte, auf die ich stolz zurückblicke.

Das Fundament für all diese Entwicklungen waren unsere Leitlinien zur Stadtentwicklung, die ich zusammen mit meiner Verwaltungsspitze aufgestellt habe und die Grundlage unseres Verwaltungshandelns waren – ausgerichtet auf Erfolg durch Wachstum.

Und was war rückblickend ein Fehler?

Kritiker sagen, dass wir bei alledem die Folgen des Wachstums außer Acht gelassen hätten mit den heute bekannten Folgen. Dem war aber nicht so, denn die Bedarfsplanung gerade auch für die soziale Infrastruktur war wichtiger Bestandteil bei der Entwicklung unserer neuen Wohngebiete. Da sind dann aber noch viele fremdbestimmte Faktoren hinzugekommen wie Gebührenfreiheit und Betreuungsgarantie bei der Kinderbetreuung einerseits und der Mangel an qualifizierten Fachkräften andererseits. Das Problem fehlender Betreuungsplätze ist längst kein typisch Langener Problem und auch kein hausgemachtes. Es wird aber verstärkt durch die große Nachfrage nach Wohnraum und die besondere Lagegunst unserer Stadt. Zu Beginn meiner Amtszeit war der demographische Wandel eines der Schreckgespenster kommender Jahre und der Zuzug junger Familien mit Kindern geradezu gewünscht. Wenn wir mit Blick auf die lange Warteliste bei der Kinderbetreuung von einem Fehler sprechen, dann ist dieser Fehler im System zu suchen und dort schnellstmöglich zu beheben. Ich kann den Unmut junger Familien verstehen, die sich bei ihrer Lebensplanung auf Garantien verlassen haben, die Bund und Land gegeben haben und für die wir in den Kommunen nun geradestehen müssen. In dieser Frage hinterlasse ich dringenden Handlungsbedarf.

Das Thema Finanzkrise hat Sie eigentlich die ganze Zeit über begleitet. Auch vielen anderen Kommunen steht das Wasser bis zum Hals. Was wäre Ihr Wunsch, wie könnte den Städten und Gemeinden langfristig geholfen werden?

Das ist richtig. 2008 habe ich von meinem Vorgänger eine finanzielle Rücklage übernommen, die mit Einbruch der Finanzkrise 2009 schnell aufgebraucht war. Die Jahre danach waren geprägt von strikten Sparmaßnahmen und einer sehr rigiden Haushaltsführung. Sachverstand und Kompetenz unserer Kämmerei haben uns gepaart mit richtigen Entscheidungen der Stadtverordnetenversammlung durch die Finanzkrise geführt und am Ende immer mit einem zufriedenstellenden Jahresergebnis abschließen lassen. Die Hessenkasse hat uns das Zinsrisiko bei den Liquiditätskrediten genommen, auch wenn wir noch Jahre dafür zurückzahlen müssen. Und am Ende haben auch wir wie viele andere Kommunen uns der Grundsteuer B bedienen müssen, wenn es um den Ausgleich von Haushaltslücken ging. Dieses Thema wird auch die nun beginnende Amtszeit des neuen Bürgermeisters bestimmen, wenn die Auswirkungen der geplanten Grundsteuerreform für unsere Stadt erkennbar werden – von den Auswirkungen der Coronakrise einmal ganz abgesehen.

Da wir uns alle wünschen, dass für einen ausgeglichenen kommunalen Haushalt die Bürger unserer Stadt nicht noch mehr als bisher zur Kasse gebeten werden, will ich einmal mehr an die Forderung der kommunalen Spitzenverbände erinnern, wonach die Landesregierung dafür sorgen muss, dass die Städte und Gemeinden ausreichend mit den Finanzmitteln ausgestattet werden, die sie zur Bewältigung der ihnen übertragenen Aufgaben brauchen. Die Verantwortlichen in Wiesbaden wissen das und sind um mehr Gerechtigkeit beim kommunalen Finanzausgleich bemüht. Durch die corona-bedingten Einbrüche der kommunalen Finanzen werden auch hier die Karten möglicherweise neu gemischt.

Was hat Ihnen in diesem Amt am meisten Spaß gemacht?

In meiner Amtszeit hatte ich viele Gelegenheiten zur Begegnung mit anderen Menschen – in unserer Stadt, im Land und auch in unseren Partnerstädten. Ich durfte dabei viele interessante Persönlichkeiten kennenlernen und habe eine Unmenge bleibender Erinnerungen und wertvoller Erfahrung gesammelt. Diese persönlichen Begegnungen werde ich sehr vermissen.

Es hat mir aber auch – allerdings nicht immer – Spaß gemacht, gemeinsam mit anderen um bestmögliche Lösungen zu ringen. Das gehört eigentlich zum Tagesgeschäft eines Bürgermeisters und zog sich nicht selten bis in die späten Abendstunden hinein. Das Bestreben, es möglichst vielen Menschen recht zu machen, und die nüchterne Erkenntnis, auch für Enttäuschungen Verantwortung zu tragen, sind die Wechselbäder in einem solchen Amt.

Worauf freuen Sie sich nun am meisten?

Auf mehr Zeit mit meiner Frau, unseren Kindern und Enkelkindern. Auf mehr Zeit für meine Hobbys und privaten Interessen. Aber auch darauf, aus der Ruhestandswarte heraus die Fertigstellung begonnener Projekte zu sehen mit der Genugtuung, unsere Stadt zukunftsfähig aufgestellt zu haben.

Wie möchten Sie bei den Bürgern in Erinnerung bleiben?

Das hohe Amt des Bürgermeisters kann schnell auch zu Eitelkeit verleiten. Es gibt die Erfahrung, dass der Ritt auf hohem Ross sehr einsam machen kann. Rückblickend bleibt für mich festzustellen, dass die Bürgerschaft Langens mir persönlich immer respektvoll, nachsichtig und fair begegnet ist, obwohl ich es ja längst nicht jedem recht machen konnte. Offenheit, Zuverlässigkeit und Fairness waren für mich stets die Leitlinien meines Handelns.

Dass sich bei alledem unsere Stadt ein erhebliches Stück weiterentwickelt hat, ist kaum zu übersehen. Wie mein Auftritt und mein Handeln später einmal bewertet werden, bleibt abzuwarten. Für mich war die Arbeit im Dienste unserer Stadt als „Bürgermeister zum Anfassen“ eine sehr gute Zeit.

Zum Schluss: Was geben Sie Ihrem Nachfolger Dr. Jan Werner mit auf den Weg?

Ich hinterlasse meinem Nachfolger in vielen Bereichen ein gut bestelltes Feld. Leider aber auch die Probleme unseres kommunalen Haushalts, die mehr oder weniger fremdbestimmt sind und eigentlich nur durch ausreichende finanzielle Ausstattung seitens des Landes und mit einer glücklich verlaufenden Volkswirtschaft in den Griff zu bekommen sind.

Der neue Bürgermeister ist als Experte für kommunale Finanzen angetreten. Da braucht er keine guten Ratschläge von mir. Ich übergebe ihm eine hochkompetente Verwaltung, die mir gegenüber stets ein hohes Maß an Loyalität hat erkennen lassen. Für den Start in das neue Amt wünsche ich ihm viel Glück und Erfolg, an dem wir ja dann hoffentlich alle teilhaben, die wir in Langen leben.

Das Interview führte Markus Schaible

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