Erholung im einstigen Sperrgebiet

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Große Freiflächen, wo einst Bunker standen: Nichts ist mehr zu sehen von den massiven Stahlbeton-Anlagen, in denen die Amerikaner im Kalten Krieg todbringende Waffen lagerten. Foto: Schaible

Langen/Egelsbach Die Natur arbeitet schnell – und die Spurensuche fällt schwer. Irgendwann stehe ich an einer Wegkreuzung und entdecke einen kleinen Erdwall, ziemlich unbedeutend, aber ich erkenne ihn wieder: Dort war einst das Eingangstor ins Sperrgebiet. Von Markus Schaible

Doch das Tor ist ebenso verschwunden wie der vier Kilometer lange Zaun, der die frühere Bunkeranlage der US-Armee sicherte.

Die Stahlbeton-Anlagen, in denen die Amerikaner im Kalten Krieg todbringende Waffen lagerten. Foto: Strohfeld

Wer gänzlich unbedarft auf den Waldwegen durch das 103 Hektar große Areal zwischen derB 486 und dem Waldsee spaziert oder radelt, wird wahrscheinlich gar nicht bemerken, wo er da ist. Dabei standen dort vor rund eineinviertel Jahren noch 33 riesige Munitionsbunker aus massivstem Stahlbeton (deren Inhalt einst streng geheim und Anlass für viele Spekulationen war) und 100 weitere Gebäude, vom Holzunterstand bis zum Wachhäuschen. Jetzt fallen einzig die großen, im Wald verteilten, grasbewachsenen Freiflächen auf. „Es ist schon erstaunlich, wie schnell die Natur das zurückerobert“, sagt Jürgen Ebert. „Immerhin haben wir die Bunkerflächen nur mit der Resterde zugeschüttet und jetzt sind sie schon total grün.“ Der Biologe in Diensten der Fraport AG ist Projektleiter für die Renaturierung des einstigen Waffendepots, die eine der Ausgleichsmaßnahmen für den Bau der Nordbahn ist.

Neben der Radaranlage hat die Fraport vergangene Woche ein Schild aufgestellt, das die Geschichte des Areals erläutert. Foto: Schaible

Anfang des vergangenen Jahres waren Bauarbeiter mit schwerem Gerät angerückt, um die Hinterlassenschaften des Kalten Krieges ein für alle Mal zu beseitigen (unsere Zeitung berichtete mehrfach). Obwohl die Mauern teilweise aus 40 Zentimeter dickem Stahlbeton bestanden, dauerte es pro Bunker gerade mal einen halben Tag, bis ihn ein Bagger mit einer Art überdimensionaler Kneifzange platt gemacht hatte, erinnert sich Ebert. Allerdings wurde das Abbruchmaterial vor Ort getrennt und abtransportiert, was insgesamt rund fünf Monate in Anspruch nahm. Danach verschwand still und leise der an 1320 Pfosten angebrachte Zaun, der das Areal aus Sicherheitsgründen auch nach Abzug der US-Truppen (als einige Bunker von Pilzzüchtern genutzt wurden) noch umschloss.

Nun kann jedermann dort umherlaufen, teilweise auf gut geteerten Wegen, teils auf „Hubbelpisten“. „Die ganz breiten Hauptwege haben wir von sechs auf 3,50 Meter zurückgebaut, das ist die Standardbreite im Wald“, erklärt Ebert. Ansonsten wurden sie so gelassen, wie sie waren: „Der Belag reicht für den jetzigen Zweck.“ Und der heißt Erholung.

Neben der Radaranlage hat die Fraport vergangene Woche ein Schild aufgestellt, das die Geschichte des Areals erläutert. Foto: Schaible

Allerdings scheint sich dies noch nicht groß herumgesprochen zu haben, denn selbst an einem Samstagsnachmittag ist kaum jemand dort unterwegs. Ein einzelner Radler rollt über einen der gut erhaltenen Wege, dort, wo einst die jüngsten, nie genutzten Bunker standen. Neben ihm im Wald stehen neue Zäune aus Holzlatten. Mehrere große Bereiche sind so abgesperrt, in ihnen ist Holz zu langen Wällen aufgestapelt: Es handelt sich um die Pflanzen, die auf den Bunkern gewachsen waren und die natürlich vor dem Abriss entfernt werden mussten; sie sollen dort verrotten. Umzäunt sind die Bereiche aber aus einem anderen Grund: Für das Auge kaum erkennbar wurden viele junge Bäume gepflanzt, und die sollen fünf Jahre lang vor Wildverbiss geschützt werden. Denn auf 41 Hektar wird der Misch- und Nadelwald unter Verantwortung des Bundesforsts (das Areal gehört weiterhin der Bundesrepublik) in einen standortgerechten Laubwald umgebaut, erläutert Ebert. Eichen, Buchen und einige Edellaubhölzer wurden dort gepflanzt, berichtet der Fraport-Biologe.

Plötzlich tauchen doch noch zwei Bunker auf am Wegesrand: die letzten Zeugen der US-Armee. Sie sind fest verschlossen – ein Schild weist darauf hin, dass sie zu Fledermausunterschlüpfen umgebaut werden sollen (und derzeit komplett leer sind, sich das Aufbrechen also nicht lohnt). „In der Nähe von Dudenhofen steht eine ähnliche Anlage, da hängen wir uns bei der Planung dran“, sagt Ebert. Es muss ja nicht doppelt gearbeitet werden.

Springfrösche, Grünfrösche und Fadenmolche im Luxhohl

Ein paar Meter weiter haben sich dagegen bereits Tiere neu angesiedelt: Im Luxhohl, dem fast verlandeten und vergangenes Jahr wieder ausgebaggerten Teich, wurden Springfrösche, Grünfrösche und Fadenmolche gesichtet, weiß der Biologe zu berichten.

Weiter nach Norden hin stehe ich dann doch noch vor einem Zaun – allerdings gehört der zur Radarstation, die die US-Streitkräfte nach wie vor immer betreiben. Direkt dort weist ein einziges Schild auf die ehemalige Bunkeranlage hin. „Wir haben es gerade vergangene Woche aufgestellt“, erzählt Ebert, „wie an allen Kompensationsflächen für den Flughafenausbau.“ Später sollen noch weitere Infotafeln folgen, da das Areal an die Regionalparkroute angeschlossen wird – die Vergangenheit soll somit zumindest auf Schildern weiterleben. Aber dafür, so Ebert, laufen noch die Planungen.

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