Intensive Betreuung notwendig

Erich-Kästner-Schule in Langen: Präsenzunterricht trotz Corona unerlässlich

Die Physiotherapeutin der EKS, Luisa Glöckler, arbeitet mit einem Schüler, während im Unterricht Lesen geübt wird.
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Die Physiotherapeutin der EKS, Luisa Glöckler, arbeitet mit einem Schüler, während im Unterricht Lesen geübt wird.

Bei Manuela Bruch läutet das Telefon. Mitten im Unterricht. „Bei mir ruft keiner an, das ist mein Wecker, der mich daran erinnert, dass die 20 Minuten wieder um sind und wir die Fenster aufmachen müssen“, sagt die Sonderschullehrerin und geht ans Fenster, um frische Luft hineinzulassen.

Langen – Die Corona-Pandemie stellt alle Menschen vor Herausforderungen, die 120 Schüler und 80 Lehrer, Kinderkrankenschwestern, Physiotherapeuten, FSJler, die Integrationshelfer und alle weiteren Mitarbeiter der Erich-Kästner-Schule (EKS) für körperlich und motorische Entwicklung sind aber besonders gefordert.

„Unsere Schüler sind alle körperbehindert und zum Teil von schwersten chronischen Erkrankungen betroffen. Sie sind einem besonders hohen Risiko ausgesetzt, würde sie das Coronavirus treffen“, weiß Schulleiterin Heike Huck. Ihr Kollegium tut alles, damit die Infektionsgefahr kleinstmöglich gehalten und der Schulbetrieb aufrechterhalten wird. Beim Hygienekonzept sei es sehr hilfreich, dass sich das Schulleitungsteam auf das medizinische Fachpersonal der Schule verlassen kann.

Von der Ganztagsschule ist die EKS seit den Herbstferien zu Unterrichtszeiten von 9 bis 13.40 Uhr gewechselt. Natürlich ist die Maskenpflicht gesetzt. Beliebte und wichtige Therapieeinrichtungen wie das schuleigene Therapieschwimmbecken sind geschlossen. Die Tischkicker, das Bällchenbad, die gemeinsame Schul-Weihnachtsfeier, die Talentfördergruppe für die Rollstuhlbasketballer oder der Skikurs – alles passé.

„Andererseits tun wir eben alles, damit wir das schulische Angebot aufrechterhalten können. Wir hatten zu keinem Zeitpunkt komplett geschlossen, auch nicht, als alle anderen Schulen zu Beginn der Pandemie zu waren“, erläutert Huck. Der Schulbesuch ist für die Kinder und Jugendlichen der EKS noch viel wichtiger als bei Kindern in der Regelschule. Das wird bei einem Blick in den Schulalltag sofort ersichtlich. Die große Aula, aus der die meisten Klassenräume zugänglich sind, gleicht vor den Klassenzimmern beinahe einem Fuhrpark. Hier sind Rollstühle, Gehhilfen, Rollatoren und andere Therapiehilfen abgestellt. „Viele dieser medizinischen Hilfen stehen hier an der Schule. Sie werden nur in den Ferien mit nach Hause genommen, weil sie einfach extrem viel Platz kosten und die Kinder sie an den Nachmittagen nicht mehr nutzen“, erläutert Huck.

Noch viel wichtiger als der Rollator als Zusatzhilfsmittel zum Rollstuhl ist die Arbeit der Physiotherapeuten an den Kindern. „Im ersten Shutdown hatten die Praxen alle geschlossen, dabei ist die regelmäßige Behandlung unerlässlich. Wir konnten diese Versorgung bei uns an der Schule sicherstellen“, erklärt die Schulleiterin. Auch jetzt arbeitet Physiotherapeutin Luisa Glöckler auf der Liege mit einem Kind – natürlich unter besonderen Schutzbedingungen und immer mit Maske. „Wir hatten Schüler, die nicht in unserer Notbetreuung waren und deren Gangbild nach den Wochen ganz ohne Therapie deutlich schlechter war“, erinnert sich Huck.

Schulsport-Koordinatorin Gabi Häßler-Stark sorgt für ausreichend Bewegung. Sportunterricht an der frischen Luft ist bei Rollstuhlfahrern um diese Jahreszeit unmöglich – es ist einfach zu kalt, sie können die Körpertemperatur nicht halten. Da kann der Bewegungsraum mit den Rollstuhlschaukeln für Abwechslung sorgen: „Die Kinder können sich hier bewegen oder auch einfach mal ausgestreckt auf den Matten liegen. Denn durch die Kontaktbeschränkungen kommen die Kinder nachmittags nicht mehr raus und sitzen in den Wohnungen.“

Neben dem Unterricht und der Therapie spielt die Betreuung eine wichtige Rolle. Auch Eltern behinderter Kinder sind zum Teil voll berufstätig. „Anders als bei einem gesunden Siebtklässler können sie zu unseren Schülern nicht sagen, ich bin um sieben wieder da, das Essen steht im Kühlschrank. Die Kinder brauchen rund um die Uhr Betreuung“, weiß Huck. Deswegen setze sie alles daran, dass ihre Schule geöffnet bleibt. Es gab Corona-Fälle an der EKS, aber niemand habe sich innerhalb der Schule angesteckt.

„Gut ist, dass wir vom Kultusministerium als Förderschule die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, ob wir ins Wechselmodell gehen oder nicht. Mit maximal acht Kindern in der Klasse wollen wir es auch beim Präsenzunterricht belassen“, so Huck. Es gebe aber auch Kinder, beispielsweise beatmete Schüler, für die das Risiko zu groß sei. Sie werden von den Klassenlehrern online oder übers Telefon betreut. (Von Nicole Jost)

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