Langener lernen per Videokonferenz, wie europäische Politik gemacht wird

Reichwein-Schüler besuchen EU-Parlament virtuell

Per Videokonferenz erläutert Besuchsreferentin Christine Hick (rechts oben) Schülerinnen und Schülern der Adolf-Reichwein-Schule, wie das EU-Parlament arbeitet. Das Video zeigt Abgeordnete auf dem Weg in den Plenarsaal . Screenshot:Bär
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Per Videokonferenz erläutert Besuchsreferentin Christine Hick (rechts oben) Schülerinnen und Schülern der Adolf-Reichwein-Schule, wie das EU-Parlament arbeitet. Das Video zeigt Abgeordnete auf dem Weg in den Plenarsaal .

Lehrkräfte brauchen Fantasie, wenn sie ihre Schülerinnen und Schüler im Homeschooling begeistern wollen. So wie Martina Schippert-Asli. Um ihren Schützlingen die EU verständlich näherzubringen, organisierte die Lehrerin der Adolf-Reichwein-Schule kurzerhand einen virtuellen Ausflug ins Europäische Parlament.

Langen – Mit einem Lächeln begrüßt Christine Hick die 54 anwesenden Schüler aus zwei Gymnasialklassen der Adolf-Reichwein-Schule. Die 49-Jährige steht allerdings nicht im Klassenzimmer, sie sitzt zu Hause vor ihrem Computer. In einem knapp einstündigen Vortrag bringt die Referentin im Besucherdienst des EU-Parlaments den Jugendlichen aus Langen das Europäische Parlament näher.

Die Idee zu der ungewöhnlichen Unterrichtsstunde kommt Politik-Lehrerin Martina Schippert-Asli, nachdem sie feststellt, „dass es für meinen Schüler zu abstrakt war, die Organe der EU im virtuellen Unterricht zu verstehen.“ Also sucht sie eine Möglichkeit, die Prozesse „anschaulicher und lebendiger zu präsentieren.“ Über das Europe Direct Relais Rhein-Main in Dietzenbach und deren Mitarbeiter Simon Lindörfer, stößt Schippert-Asli schließlich auf den virtuellen Rundgang durch das EU-Parlament und Christine Hick.

Die nimmt die Schüler zu Beginn ihres Vortrag erst einmal mit an ihren Arbeitsplatz in Belgiens Hauptstadt Brüssel. Per Drohnen-Video lernen die Jugendlichen das Parlament von außen kennen. Zunächst geht es an den Glasfassaden der Parlamentsgebäude vorbei, dann folgt ein Flug über gläserne Kuppeln und schließlich landet das Fluggerät vor dem Haupteingang des Parlaments, an dessen rechter Tür die Europaflagge prangt. Während Hick das Video betrachtet, erinnert sie sich an ihren Anfang in Brüssel. „In meinen ersten Wochen habe ich mich oft verlaufen“, berichtet sie mit einem Schmunzeln. 18 Jahre ist das nun her.

Pandemie führt auch im EU-Parlament zu Einschränkungen

Auf den ersten Eindruck folgen harte Fakten: Hick erläutert, dass die Europäische Union aus dem Rat, der Kommission und dem Parlament besteht. Während die Referentin über die Arbeitsweise in den Gremien spricht und erklärt, wie sich diese aufgrund der Pandemie verändert hat – so dürften momentan nicht alle Abgeordneten gleichzeitig in den Plenarsaal – fällt ihr eine Frage ein: „Wie viele Abgeordnete hat das Europäische Parlament eigentlich?“ Die Mikrofone der Schüler bleiben stumm. „Niemand?“, fragt Hick nach. Weiterhin schweigen. „Es sind 705 “, sagt sie. Doch anstatt mit ihrem Vortrag fortzufahren, fordert sie die Schüler auf, zu schätzen wie viele nationale Parteien im EU-Parlament vertreten sind.

Nun sind die Jugendlichen mutiger. Im Sekundentakt erscheinen Antworten im Chat. 50 schreiben manche. Die 15-jährige Shengyoa glaubt, dass es eher zwischen 100 und 200 sind. Und liegt damit dicht dran: 193. Hick erläutert, in wie viele Fraktionen sich diese aufgeteilt haben. Es sind acht: Von ganz links bis ganz rechts sind alle politischen Richtungen im EU-Parlament vertreten, erklärt die Referentin. „Wisst Ihr auch, in welchen Fraktionen die deutschen Parteien beheimatet sind?“, will Hick wissen. Mehrere Schüler kennen die Antwort – die Grünen bei den Grünen, die Linken bei den Linken. „Das ist ja noch einfach“, urteilt Hick. Doch auf die Frage, welcher Fraktion sich die FDP angeschlossen habe, muss sie länger auf die richtige Antwort warten. Dann ruft eine Schülerin „renew europe“ in ihr Mikrofon.

Nicht nur in einer Sprache

Überrascht sind die Jugendlichen vor allem davon, dass im Plenarsaal nicht in einer einzigen Sprache gesprochen wird, sondern alle 24 Amtssprachen der Mitgliedstaaten zu hören sind. Hick erklärt: „Die Abgeordneten können sich in ihrer Muttersprache am besten ausdrücken.“ Daher habe jeder Parlamentarier in seinem Büro und an seinem Platz im Plenarsaal einen Kopfhörer, über den er jede Rede übersetzt bekomme – in Echtzeit. Das leisten Dolmetscher, die simultan übersetzen.

Dann zeigt Hick den Reichwein-Schülern noch ein Video: Die Kamera fängt Abgeordnete ein, die gerade auf dem Weg in eine Plenarsitzung sind. Alle tragen Maske, halten Abstand. Ein Schnitt, die Kamera ist im Plenarsaal, schwenkt auf den Platz des Parlamentspräsidenten David Sassoli, der gerade dabei ist, Platz zu nehmen. Ein nächster Schnitt, diesmal sehen die Schüler Abgeordnete, die sich aufgeregt unterhalten, wie die sich schnell bewegenden Masken erkennen lassen. „Das EU-Parlament tagt einmal im Monat“, erläutert Hick. Zwischen den Sitzungen bereiteten die Mandatsträger in den insgesamt 20 Ausschüssen unter anderem Beschlussvorlagen vor. Zudem verbringe jeder Abgeordnete eine Woche im Monat in seinem Heimatland. „Diese Reisen finden auch während der Pandemie statt“, betont Hick. Zum Abschluss ihres Vortrags zeigt sie den Schülern, wie diese sich an der europäischen Politik beteiligen können. Zum einen bietet Hick mit ihrem Team in Corona-Zeiten Videokonferenzen mit Abgeordneten an. „Diese Möglichkeit haben wir erst in der Pandemie geschaffen“, sagt sie. Außerdem können sich die Schüler auf der Homepage what-europe-does-for-me.eu über die EU-Politik in ihrer Region informieren.

Und wie bewerten die Jugendlichen ihren Ausflug nach Brüssel? „Ich habe einiges Neues gelernt und ich empfinde einen Besuch im Europäischen Parlament als empfehlenswert“, meint die 15-jährige Mirjana. Ihre Klassenkameradin Celina ist nicht ganz zufrieden: „Ich hätte mir aber noch eine Führung durch das Parlament an sich gewünscht.“ Für Paul hat sich der virtuelle Ausflug gelohnt. „Ich kann mir jetzt richtig vorstellen, was europäische Politik überhaupt bedeutet und was man alles verändern kann“, meint er. Und auch Martina Schippert-Asli ist mit dem Tag zufrieden: „Er war eine willkommene Abwechslung im Distanzunterricht, sowohl für die Schüler als auch für uns Lehrkräfte.“

Von Joshua Bär

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