Scott Nelson: Kaffee- statt Aktienhandel

Ex-Banker aus Langen entdeckt die Bohne

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Geniale Landschaft, geniales Produkt: Ob an der Seite eines einheimischen Bauern oder seines „Kaffee-Buddies“ Shaun in der Bar in Cartagena, in der alles begann: Der ehemalige Langener Scott Nelson hat den Kaffeehandel für sich entdeckt – mit dem Anspruch, den fairen Handel noch fairer zu machen, um letztlich beste Qualität in den Händen zu halten.

Langen - Er ist in Langen aufgewachsen, studierte in den USA und handelte anschließend an der New Yorker Wall Street Aktien. Den „Traumjob“ hat Scott Nelson im Frühjahr 2016 geschmissen – inzwischen baut er seine eigene Firma auf, die kolumbianischen Kaffee exportiert. Von Holger Borchard 

Dies mit dem Anspruch, noch ein Stück fairer zu sein als der faire Handel – und mit gerade mal 26 Jahren. Das Aha-Erlebnis liegt erst wenige Monate zurück. Scott Nelson sitzt im kolumbianischen Cartagena in einer Bar am Strand, liest Zeitung, trinkt leckeren Kaffee – und registriert, dass etliche Leute, gerade auch Touristen, „einfach mal so“ reinschauen, weil der Laden offensichtlich etwas Besonderes ist. „Also bin ich an den Tresen gegangen, habe den Betreiber angesprochen – und 20 Minuten später hatte ich meine Geschäftsidee im Kopf.“ So schnell kann’s gehen, sofern einer weiß, was er will und kann. Der 26-Jährige ist Netzwerker, er versteht es, Leute zusammenzubringen. Jetzt macht er sein eigenes Ding. Von der fixen Idee zum Start-up hat’s gerade mal sechs Monate gedauert. „Ich möchte hochqualitativen Kaffee anbieten und die lokalen Bauern stärker am Erlös beteiligen – und das wird funktionieren“, sagt er selbstbewusst. Inzwischen hat Nelson alles so weit eingefädelt, dass die Gründung konkret werden kann. Dazu setzt er auf eine Crowdfunding-Kampagne.

Hoppla, der nächste Weltverbesserer, der das Fairtrade-Rad neu erfinden will? Mitnichten. Als ehemaliger Knallhart-Banker mit Büro am Times Square, 90-Stunden-Woche sowie Druck und Stress als ständigen Wegbegleitern bringt Nelson so viel Realitäts- und Geschäftssinn mit, dass er als „Gutmensch“ ein glatte Fehlbesetzung ist. „Ich will nicht Wohltäter einer festen Region sein“, gibt er freimütig zu. „Ich suche Qualität und Bauern, die mir die liefern. Im Gegenzug biete ich ihnen bessere Preise und Prämien, die sie und ihre Familien finanziell so weit absichern, dass Sorgfalt das A und O der Produktionskette sein kann.“ Daran nämlich kranke das System nach wie vor, meint Nelson. „Rhetorische Frage: Wenn ein Kaffebauer Gefahr läuft, weite Teile seiner Ernte zu verlieren ohne abgesichert zu sein, wird er dann Pestizide einsetzen oder nicht?“ Ein Problem, bei dessen Lösung sich Non-Profit-Organisationen nach wie vor schwer tun, wie Nelson in Südamerika gesehen hat. „Die Strukturen zu verbessern, die Bauern als schwächste Glieder der Kette besser zu schützen, das funktioniert nur über Kapital. Aber du musst eben die Fäden in der Hand halten, um sicherzustellen, dass das Kapital die richtigen Rädchen antreibt.“ Das schließe auch Bildung und Naturschutz ein.

Von Langen über die USA nach Lateinamerika: Einst war die Rechte Wiese sein Revier. Der junge Scott spielt Fußball und Tennis bei der SSG. Als Sohn einer Deutschen und eines US-Amerikaners ist er freilich mit einem Talent für Basketball gesegnet, das ihn zum Turnverein bringt. Als Perspektivspieler im Basketball-Teilzeitinternat gefördert, wirft er sich mit bekannten Weggefährten seines Jahrgangs wie Niklas Butz oder Kai und Nico Barth die Bälle zu und gelangt über diese Schiene im Sommer 2006 an eine US-Highschool in North Carolina. Nelson bleibt danach beim Vater und studiert ab 2008 an der Indiana University Bloomington – eine der Top-Business-Adressen der USA – Finanz- und Rechnungswesen. Nach Deutschland kehrt er in dieser Zeit nur für ein Praktikum in Frankfurt zurück. Das freilich führt ihn zu einer der ersten Adressen der internationalen Bankenwelt: Goldman Sachs. „Die Kontakte, die ich in Frankfurt und später in den USA während eines weiteren Praktikums bei einem Hedgefonds der Großbank Morgan Stanley geknüpft habe, waren Türöffner für einen lukrativen Job im Aktienhandel an der Wall Street.“

Kaffee und Tee in einem: Der spritzige Koffein-Kick Cascara

Nach zweieinhalb Jahren wechselt der Jungbanker von New York nach San Francisco – wo er endgültig realisiert, dass er nicht wie viele Kollegen „in der Spur gefangen“ sein will. „Mein Leben war asymmetrisch zu dem meiner Freunde, ich hatte andere und längere Arbeitszeiten und wenig Spaß. Da ist gutes Geld dann irgendwann auch nicht mehr alles.“ Im April 2016 wirft er tatsächlich die Brocken hin und kauft ein One-Way-Flugticket nach Kolumbien. „Ich fragte mich: Was hast du noch nicht gemacht? Und weil ich schon immer Spanisch lernen und die Kultur Lateinamerikas kennenlernen wollte, habe ich mich in den Flieger gesetzt. Ich hatte vor, die Länder Südamerikas von Norden nach Süden zu bereisen.“

Weit kommt Nelson nicht. Er bleibt in Kolumbien hängen, lernt zwischen Cartagena, Bogota und Medellin – einst gefährlichste Stadt der Welt – das Einmaleins von Kaffeeanbau und -vermarktung. „Der Witz ist, dass du selbst das gar nicht perfekt beherrschen musst, sofern du die richtigen Experten findest und zusammenbringst. Und nichts anderes habe ich in Perfektion gelernt“, sagt Nelson. „Dass im Kaffee-Kosmos viel Potenzial steckt, legte allein schon das Nein auf eine meiner allerersten Fragen nahe. Ich wollte wissen, ob die inländisch ordentlich positionierten Kaffeevermarkter denn auch nach Nordamerika exportieren.“ Eben da setzt Nelson nun mit seinem Start-up an – zunächst mit Fokus auf den USA. „Ich nutze die vorhandenen Strukturen und Expertisen sowohl in Kolumbien als auch in den USA, indem ich einen Weg aufzeige, auf dem alle Seiten verdienen können“, erläutert er das Prinzip. „Ich vermeide Kosten und Risiken, weil ich vorhandene Infrastruktur nutze, während meine Partner ihre Kapazitäten optimieren.“

Auf eine Tasse Tee - Trends bei Tassen und Kannen

Zuletzt hat dieser Ansatz eine Rösterei in Chicago überzeugt, die Nelsons US-Partner bei der Veredelung des kolumbianischen Rohprodukts sein wird. In Kolumbien baut der Ex-Langener derweil nicht zuletzt auf Wissen und Kontakte eines ebenfalls „Eingeplackten“: Shaun, ein gebürtiger Neuseeländer, der eine Kolumbianerin geheiratet hat, ist der Mann hinterm Tresen in der Cafébar am Strand von Cartagena. „Shaun ist mein ,Kaffee-Buddie’ und mir binnen kurzer Zeit wertvoller Ratgeber und guter Freund geworden“, erzählt Nelson. „Er hat mir unschätzbare Hilfe beim Anschub meiner Kaffeemarke geleistet, die Empatia Coffee heißen wird.“ Das spanische „empatia“ bedeute „Mitgefühl“ – „also das, was bei meinem Kaffeeprojekt nicht zu kurz kommen soll“, unterstreicht Nelson. Von Cartagena nach Chicago – ein weiterer Kreis in Nelsons Vita schließt sich: Der ehemalige Börsenhändler ist als Rohstoffhändler Nachbar der größten Rohstoffbörse der Welt – und seines in Chicago lebenden Vaters.

Das Produkt Kaffee wiederum passe wie die Faust aufs Auge zu ihm selbst, sinniert Scott Nelson: „Kaffee ist Rohstoff, globales Produkt – und der wohl beste Vernetzer weltweit. Wenn ich überlege, was ich schon alles über einer Tasse Kaffee eingefädelt und besiegelt habe, da kommt ganz schön was zusammen.“

Auf Kaffee-Trip mit der „Crowd“

„Empatia Coffee“ heißt die Firma, mit der Scott Nelson in den kommenden zwölf Monaten durchstarten will. Dabei baut er auf finanziellen Anschub der Menge (crowd). Die immer populärere werdende „Schwarmfinanzierung“, bei der jeder Interessierte mit einem Obolus nach eigenem Gusto mitmachen kann, will Nelson schon bald starten. „Als Gegenwert liefere ich Erlebnisse – je nach Einlage von Kaffeepaketen bis hin zum komplett organisierten Kolumbien-Aufenthalt mit Besuch der Kaffeeplantagen“, verspricht er. Alles Weitere erfahren Interessierte auf der Website, auf der man auch die eigene E-Mail-Adresse für Newsletter hinterlassen kann („Sign up“), sowie via Facebook und Instagram (facebook.com/empatia.coffee; instagram.com/empatia.coffee). www.empatiacoffee.com

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