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Auf der Langener Kläranlage wurde seit 2017 wegweisend geforscht

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Von: Julia Radgen

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Letzte Überbleibsel der großen Versuchsanlage: In den Röhren, aus denen Praktikantin Emily Cowan eine Flüssigkeitsprobe entnimmt, lagert Aktivkohle. Sie saugt Schadstoffe auf. Aktuell wird untersucht, wie lange sie noch ihren Dienst tut.
Letzte Überbleibsel der großen Versuchsanlage: In den Röhren, aus denen Praktikantin Emily Cowan eine Flüssigkeitsprobe entnimmt, lagert Aktivkohle. Sie saugt Schadstoffe auf. Aktuell wird untersucht, wie lange sie noch ihren Dienst tut. © Fotos. strohfeldt

In einem Pilotprojekt untersuchten Wissenschaftler, wie man Mikroschadstoffe effektiv aus dem Abwasser filtern kann.

Langen - Die Ergebnisse sind für auch den hiesigen Abwasserverband interessant, der eine vierte Reinigungsstufe plant.

Langen – Deutschlandweit einmalig war das Forschungsprojekt, das im Januar 2017 an der Langener Kläranlage an den Start ging: 18 Monate lang wurde unter Beteiligung der TU Darmstadt erforscht, wie winzig kleine Rückstände von Kosmetik-, Reinigungs- und Arzneimitteln aus dem Abwasser gefiltert werden. Über die Toilette und den Abfluss gelangen immer noch zahlreiche Stoffe ins Abwasser, die dort nicht hingehören: Zum Beispiel Mikroplastik, winzig kleine Kunststoffteile, die die Kosmetikindustrie in hohem Maße einsetzt. „Das größte Problem sind aber Rückstände von Medikamenten und antibiotikaresistente Keime“, sagt Eva-Maria Frei, Geschäftsführerin des Abwasserverbands Langen-Egelsbach-Erzhausen. Mit den aktuellen Filtermethoden können diese noch nicht entfernt werden.

Seit 2011 wird an der Langener Kläranlage bereits erforscht, wie man diese Spurenstoffe entfernen kann. Eine wissenschaftliche Untersuchung im größeren Rahmen bot das vom Land geförderte Pilotprojekt, in dem feinere Filtermethoden verglichen wurden. Denn der Chemie-Cocktail aus winzig kleinen Teilen steht in dem Verdacht, bei Fischen und Fröschen biologische Veränderungen hervorzurufen. Auch für den Menschen sind Risiken daher nicht ausgeschlossen, wenn die Stoffe in die Gewässer gelangen oder ins Grundwasser sickern, aus dem letztlich wieder Trinkwasser gewonnen wird.

Doch das klinge dramatischer, als es sei, kann Frei beruhigen. Durch die Bodenfilterung habe das Trinkwasser nach wie vor eine ausgezeichnete Qualität. Aber es gelte schon auf die Zukunft zu blicken. Die Langener Kläranlage ist an das Hessische Ried, das wichtigste Trinkwasserreservoir der Region, angeschlossen. „Wir müssen die Qualität der Trinkwassergewinnung erhalten – und dafür in den nächsten fünf Jahren etwas tun“, sagt Frei. Denn das Grundwasser brauche 20 bis 30 Jahre, um sich zu regenerieren. „Was wir heute machen, ist für die nächste Generation“, sagt die 35-jährige Geschäftsführerin.

Spaghettiähnlich sieht der Membranfilter aus, den Geschäftsführerin Eva-Maria Frei zeigt. Rechts: Aktivkohle.
Spaghettiähnlich sieht der Membranfilter aus, den Geschäftsführerin Eva-Maria Frei zeigt. Rechts: Aktivkohle.

Dazu sollte das Pilotprojekt seinen Teil beitragen. Das Ziel war ein Reinigungsgrad des Abwassers, der der Trinkwasserqualität gleich kommt. „Mit den Methoden konnten wir über 80 Prozent der Spurenstoffe aus dem aktuell gereinigten Abwasser eliminieren“, sagt Frei. Das sei eine deutliche Verbesserung.

Seit dem Ende des Forschungsprojekts ist nun über ein halbes Jahr vergangen. In der eigens gebauten Forschungsanlage stehen nur noch die Reste des Versuchsaufbaus. In schmalen, hohen Säulen lagert die Aktivkohle. Sie saugt Spurenstoffe wie ein Schwamm auf und entfernt sie so aus dem Wasser. Schon winzige Mengen des dunklen Granulats bringen Höchstleistungen in Sachen Schadstoffaufnahme. „Ein Gramm Aktivkohle kann eine Fläche von zehn Fußballfeldern versorgen“, verdeutlicht Frei. Aktuell untersucht noch ein Doktorand, wie lange sie aufnahmefähig bleibt. „Bisher hält sie noch gut durch“, sagt Frei lächelnd.

Doch die eigentliche Arbeit in der Halle ist getan. Dafür kombinierten die Wissenschaftler die aufnahmefähige Kohle mit einem Tuch- oder Membranfilter. Den Tuchfilter müsse man sich wie ein riesiges Mikrofasertuch in einer Autowaschanlage vorstellen, erklärt Frei. Der Membranfilter besteht aus vielen kleinen spaghettiähnlichen Stäbchen. „Dieses Verfahren ist aber wesentlich aufwendiger und auch teurer“, sagt die Geschäftsführerin. Man setze daher auf die Kombination Tuchfilter und Aktivkohle. Die Ergebnisse lobte die Aufsichtsbehörde, das Regierungspräsidium Darmstadt, als interessant. Sie sollten in die weitere Betrachtung für eine sogenannte vierte Reinigungsstufe einfließen.

Denn bislang verfügt auch die Langener Anlage noch über die herkömmlichen Filterstufen (siehe Kasten). Doch der Abwasserverband will das ändern. „Wir sind gerade dabei, einen Förderantrag für den Bau der vierten Reinigungsstufe zu stellen“, sagt Frei. Der Verband hofft dabei auf Mittel des Landes und dem Topf, der sich aus der Abwasserabgabe speist. Bis zu 60 Prozent der Kosten könnten so abgedeckt werden. „Dann kommen noch etwa drei Millionen Euro als Investition auf uns zu. Das ist aber eine Summe, die wir jährlich für den Erhalt der Anlage ausgeben“, sagt Frei. Wenn das Land bis zum Herbst sein Okay gebe, könnte in zwei Jahren gebaut werden. „Dann wäre eine Inbetriebnahme 2023 möglich“, sagt Frei.

In den Klärbecken wird das Abwasser derzeit in den drei Standardstufen gereinigt. Eine vierte soll nun folgen.
In den Klärbecken wird das Abwasser derzeit in den drei Standardstufen gereinigt. Eine vierte soll nun folgen.

Auf den Geldbeutel der Verbraucher müsse sich das nicht auswirken. „Die vierte Reinigungsstufe allein wird wohl nicht zu einer Erhöhung der Abwassergebühren führen, aber wenn noch mehr dazu kommt, könnten sie steigen“, sagt die Verbandschefin. Denn nicht nur das RP schraubt die Anforderungen stetig herauf – auch andere Gesetze und EU-Richtlinien. Ein großes Thema sei Phosphor, sagt Frei. „Es begünstigt das Wachstum von schädlichen Algen, ist aber zugleich ein Spurenelement, ohne das kein menschliches Leben möglich wäre“, verdeutlicht sie. Momentan ginge viel Phosphor durch das Verbrennen von Klärschlamm verloren. „Das Ziel ist es, das wieder dem Kreislauf zuzuführen.“

Idyllisch umgeben von Wald: Die Kläranlage in der Prinzessin-Margaret-Allee reinigt das Abwasser von etwa 55 000 Einwohnern aus Langen, Egelsbach und Erzhausen. Foto: häsler
Idyllisch umgeben von Wald: Die Kläranlage in der Prinzessin-Margaret-Allee reinigt das Abwasser von etwa 55 000 Einwohnern aus Langen, Egelsbach und Erzhausen. Foto: häsler

Was die Versorgung angeht, müssten sich die Langener noch keine Sorgen machen. Die aktuellen Neubaugebiete bringen die Kläranlage noch nicht an die Kapazitätsgrenze, versichert Frei. „Wir haben eine Vorschau bis 2030 erstellen lassen, das ist alles mit einberechnet.“ Derzeit werden in Langen die Abwässer von rund 55 000 Einwohnern gereinigt. Wenn die drei Verbandsgemeinden in Zukunft allerdings erheblich weiterwachsen, könnte die Anlage an ihre Grenzen stoßen.

Führungen

Der Abwasserverband bietet wieder kostenlose Führungen auf der Kläranlage an: an den Samstagen, 17. August, 9 Uhr, und 5. Oktober, 11.30 Uhr. Anmeldungen sind unter www.abwasserlee.de möglich.

VON JULIA RADGEN

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