Fliegerlegende landete im Guinnessbuch

Langen - Heinz-Dieter Kallbach bei der DFS

Langen Am Ende bleibt ein schaler Geschmack zurück. Dabei hat der Mann eine faszinierende Geschichte zu erzählen. Er hat in 10 000 Metern Höhe über Spanien einen Attentäter überwältigt, im angolanischen Busch mit Rebellen die Ladung gelöscht und eine Iljuschin auf einem nur 900 Meter langen Stoppelfeld gelandet. Skurrile Begebenheiten, packende Handlungen – und doch will keine rechte Begeisterung aufkommen.

Heinz-Dieter Kallbach ist Deutschlands legendärster Flugkapitän, der Held von LTU-Flug 1407, der Tausendsassa von Stölln. Bei der 13. Langener Lesung am Donnerstag in der Akademie der Deutschen Flugsicherung erzählte er gemeinsam mit Autor Günter Heribert Münzberg Episoden aus seiner Biografie „Mayday über Saragossa“.

Sie beginnen mit Kallbachs erstem Flug im Sommer 1958. Der junge Offiziersanwärter der Nationalen Volksarmee (NVA) sitzt mit seinem Ausbilder in einer Antonow An-2, dem größten einmotorigen Doppeldecker der Welt, und bereitet sich auf die Feuertaufe vor. In Gedanken geht er noch einmal alle Abläufe durch, checkt die Instrumente, versucht sich zu konzentrieren. Doch als sie schließlich in der Luft sind, kann er sich an nichts mehr erinnern. „Wir glitten sanft über die Havel und in diesem Moment hatte ich alles vergessen. Ich bewunderte die Landschaft und konnte mich nicht satt sehen“, erzählt Kallbach. Die nächsten Flüge müssen dann aber besser gelaufen sein, denn kurz darauf wird er mit erst 18 Jahren als jüngster Pilot der NVA zugelassen.

Kallbach und Münzberg berichten von Schneestürmen über Warschau, Versorgungsflügen während des Vietnamkriegs und tragischen Unfällen im Tschad. Sie zeichnen das Bild einer Fliegerlegende, die in Afrika im Gefängnis landet und in der Sowjetunion mit Funktionären verhandelt. Sein Leben bietet eigentlich jede Menge schöner Anekdoten und interessanter Geschichten. Kallbach erzählt nicht nur von der Fliegerei, sondern auch von den Menschen, die er trifft, von den Ländern, die er ansteuert – ein Stück Zeitgeschichte aus persönlicher Sicht. Doch die Sprache von Autor Münzberg ist über weite Strecken hölzern, techniklastig und detailverliebt – das macht die Lektüre bald anstrengend. Exakt wie in einer Gebrauchsanleitung beschreibt er die Ausstattung des Cockpits, blutleer wie ein Vernehmungsprotokoll die Begegnungen Kallbachs mit dem ausländischen Bodenpersonal. Die stärksten Momente des Buches sind die, in denen der Pilot persönlich wird. Wenn er erzählt, wie im Frühjahr 2000 auf dem Flug von Teneriffa nach Berlin ein junger Mann in das Cockpit eindringt und das Flugzeug zum Absturz bringen will. Wenn er sich an die wilde Schlägerei, die Würgegriffe und Leberhaken erinnert, an die Drohung des Angreifers: „Ich bringe euch alle um.“ Kallbach kann den Mann schließlich überwältigen und rettet so 143 Passagieren das Leben.

Von seiner spektakulären Landung in Stölln, die Kallbach ins Guinness-Buch der Rekorde brachte, hat er ein Video mitgebracht. 1989 fliegt er den Langstreckenjet IL-62 in das kleine Städtchen im Havelland. Die Maschine ist ein Geschenk der DDR-Linie Interflug an den Ort, in dem Otto Lilienthal bei einem seiner Flugversuche einst tödlich verunglückt war. Die riesige Maschine schwebt langsam dem Acker entgegen, setzt mit dem Hauptfahrwerk auf, die Nase des Flugzeugs steigt noch einmal kurz an, dann senkt sich auch das Bugrad. Als Kallbach die Schubumkehr betätigt, wirbelt brauner Staub auf und die riesige Maschine versinkt in einer dichten Wolke.

Ein Reporter fragt ihn nach der Landung, ob er so etwas schon einmal gemacht habe. Der Pilot antwortet knochentrocken: „Es ist gemeinhin nicht üblich, ein Verkehrsflugzeug auf einem Acker zu landen.“

Mehr Momente wie dieser hätten dem Buch gut getan.

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