Vortragsreihe der Volkshochschule im Alten Rathaus

Flucht und Vertreibung gestern und heute

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Einen Bestseller über Flucht und Vertreibung hat der Historiker Dr. Andres Kossert verfasst. Er eröffnet die Langener Vortragsreihe am 21. Oktober.

Langen - Nein, dieses Programm der Volkshochschule ist gewiss nicht vom Himmel gefallen – es hat einen höchst realen Hintergrund, der vor unserem Alltag nicht Halt macht: Millionen Menschen sind gegenwärtig auf der Flucht. Von Holger Borchard 

Aber Flucht und Vertreibung gab es zu allen Zeiten – und immer gab es Orte und Menschen, die Flüchtlingen eine neue Heimat boten. Als Langener kann man das historisch direkt vor der Haustür aufarbeiten .
Ganz in diesem Sinne hat die Volkshochschule Kooperationspartner ins Boot geholt und mit diesen eine kleine Vortragsreihe zum Thema auf die Beine gestellt. An drei Nachmittagen im Oktober und November wird es im Alten Rathaus am Wilhelm-Leuschner-Platz um „Flucht und Vertreibung gestern und heute“ gehen.

Hoppla, Altes Rathaus? Richtig gelesen. Hintergrund ist die vor Kurzem erst besiegelte Kooperation zwischen der Stadt und dem Verkehrs- und Verschönerungsverein (VVV), die das Stadtmuseum Altes Rathaus wieder mit Leben erfüllen soll.

  • Zum Auftakt der Vortragsreihe erwarten die Organisatoren am Samstag, 21. Oktober, Dr. Andreas Kossert. Der Historiker wird im Vortrag „Herzlich willkommen? Vertriebene und Flüchtlinge in Deutschland nach 1945“ seine Forschungen erläutern, die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs beginnen. Kossert hat sie in seinem Bestseller „Kalte Heimat“ veröffentlicht.

Die Integration von Millionen Männern, Frauen und Kindern aus dem Osten in die deutsche Nachkriegsgesellschaft wird als Erfolg und als Beispiel für Solidarität angesehen. Auf die schwierige Ankunftshistorie mit Ablehnung und Anfeindungen gehen Kosserts Untersuchungen ebenso ein, wie auf die „mentalen Spuren“, die Erfahrungen von Krieg, Flucht und Heimatverlust in der deutschen Gesellschaft hinterlassen haben.

  • Fluchtbiografien stehen im Mittelpunkt der zweiten Veranstaltung am Samstag, 4. November. Dann werden Flüchtlinge erzählen, warum sie ihre Heimat verlassen haben, auf welchen Wegen sie nach Deutschland kamen und was sie an Ängsten, Hoffnungen und Enttäuschungen erlebt haben. Sie erzählen von ihrem verlorenen Zuhause, ihrer Entwurzelung und wie sie in ihrem neuen Leben ankommen wollen. Durch die Veranstaltung führen wird der Leiter des städtischen Begegnungszentrums Haltestelle, Martin Salomon. Seine Gäste werden unter anderem die Deutsch-Afghanin Arian Anwari aus Egelsbach und der Langener Tzehaie Semere sein, der in den 1980er Jahren aus Eritrea floh.
  • Mit der Frage, wie Ausländerfeindlichkeit entsteht und warum Flüchtlinge diskriminiert werden, beschäftigt sich am Samstag, 18. November, der Sozialpsychologe Professor Dr. Ulrich Wagner. Zudem will er aufzeigen, was die Gesellschaft präventiv dazu beitragen kann, dass Integration gelingt.

„Vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse und Debatten um die Unterbringung und Integration von Flüchtlingen gewinnt der Blick auf deutsche Historie besondere Bedeutung“, kommentiert Vhs-Leiter Uwe Sandvoß. Das sieht Bürgermeister Frieder Gehardt nicht anders und gerade auch aus lokaler Perspektive: „Das Thema war und ist in unserer Stadt besonders spannend – ich behaupte mal, dass viel von Langens Größe und Reichtum auf Basis der Folgen von Flucht und Vertreibung zustande gekommen ist.“ In diesem Kontext und mit Blick auf die jüngere Stadtgeschichte nicht zu vergessen sei das Hessische Übergangswohnheim.

Der Rückblick auf die Nachkriegsgeschichte des von Vertriebenen und Flüchtlingen stark geprägt Langen ist vielsagend: Nach der Befreiung durch die US-Truppen im März 1945 kamen – neben zahlreichen Flüchtlingen und Evakuierten aus zerbombten Großstädten – auch Transporte von heimatlosen Deutschen aus dem Osten an. 1959 wurde das hessische Übergangsheim für Aus- und Übersiedler eröffnet, das zeitweise bis zu 1 100 Menschen beherbergte. Viele von ihnen blieben in der Stadt und fanden hier eine neue Heimat. Seit der großen Flüchtlingswelle 2015 hat Langen circa 800 Flüchtlinge aufgenommen.

Rohingya-Krise verschärft sich weiter

Die Volkshochschule und ihre Kooperationspartner möchten mit der Vortragsreihe möglichst viele Seiten beleuchten und möglichst viele Antworten geben, wie Sandvoß unterstreicht: Waren Flüchtling stets willkommen? Wie haben die 14 Millionen Flüchtlinge die deutsche Nachkriegs-Gesellschaft verändert? Was bewegt Menschen heute zur Flucht? Was bedeutet der Verlust von Heimat für sie? Woher kommt die latente Angst vor dem Fremden und der Veränderung? Was sind die Ursachen von Ausgrenzung und wie kann eine Integration von Flüchtlingen gelingen?

Mitveranstalter der Reihe sind das Diakonische Werk Offenbach-Dreieich-Rodgau, das städtische Begegnungszentrum Haltestelle, der städtische Fachdienst Migration, Jugend, Spielplätze, die Koordinationsstelle Miteinander und die Buchhandlung litera. Beginn ist immer um 16 Uhr, der Eintritt ist frei.

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