Abwasser-Forschungsprojekt

Bis zur Kläranlage und nicht weiter

+
Thomas Fundneider von der TU Darmstadt erläutert Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid (links) und Staatssekretärin Beatrix Tappeser die Wirkweise eines Tuchfilters, der in der Forschungsanlage Spurenstoffe aus dem Abwasser entfernt.  

Langen - „Unser Trinkwasser ist sauber und das soll auch so bleiben“, sagt Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid. Doch damit es so bleibt, gilt es, mehr noch als heute Spurenstoffe aus den Abwässern herauszufiltern. Von Markus Schaible 

Auf der Langener Kläranlage werden dazu auf einer Versuchsanlage zwei Filtrationstechniken getestet. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend. Ein Druck auf die Spültaste der Toilette und was sich in der Schüssel befindet, verschwindet. Allerdings nicht für immer. Denn (stark vereinfacht dargestellt natürlich): Das Wasser, das heute in den Kanal abfließt, strömt in ein paar Jahren wieder als Trinkwasser aus der Leitung. Und führt unter Umständen Rückstände mit sich, die seinerzeit ins Klo gelangten.

Natürlich wird das Schmutzwasser in Deutschland flächendeckend in Kläranlagen gesäubert. Aber eben nicht zu 100 Prozent. Denn die aktuellen Anlagen können Spurenstoffe, Mikroplastik und antibiotikaresistente Keime nicht herausfiltern. Zu den häufig vorkommenden Spurenstoffen zählen unter anderem Arzneimittelrückstände, Haushalts- und Industriechemikalien, Körperpflegemittel, Waschmittelinhaltsstoffe, Nahrungsmittelzusatzstoffe, Pflanzenbehandlungs- und Schädlingsbekämpfungsmittel sowie deren vielfältige Abbauprodukte.

Für den Abwasserverband Langen/Egelsbach/Erzhausen steht das Thema bereits seit etlichen Jahren auf der Agenda. Zuerst wurde unter Laborbedingungen geforscht, seit gut einem Jahr in einer Versuchsanlage unter Realbedingungen. Das Projekt läuft zwar noch bis Sommer, doch bereits jetzt gibt es „präsentierbare Ergebnisse“ (Verbands-Geschäftsführerin Eva-Maria Frei), über die sich im Rahmen der Zukunftswoche „Ökologie und Ökonomie“ der Hessischen Landesregierung gestern Staatssekretärin Dr. Beatrix Tappeser und Regierungspräsidentin Brigitte Lindscheid (beide Grüne) ins Bild setzen ließen.

Was sich jetzt schon herauskristallisiert: „Es gibt keine Patentlösung“, sagt Thomas Fundneider, Forschungsingenieur der Technischen Universität Darmstadt, die den Abwasserverband bei dem Projekt unterstützt. „Wir wollen viele Probleme auf einmal lösen, das perfekte Verfahren dazu gibt es aber nicht.“ Je nach Art der Spurenstoffe seien beide Filtrationstechniken in der Lage, gute Ergebnisse zu liefern. Letztlich müsse entschieden werden, worauf der Fokus gelegt werde.

Nach der Landtagswahl im Herbst solle es Verhandlungen geben, um Programme aufzulegen, damit eine derartige vierte Reinigungsstufe in Kläranlagen möglichst umfassend eingeführt werde, kündigt Tappeser an. Das allerdings wird nicht ganz billig: Eine Anlage mit Tuchfilter schlage beispielsweise in Langen mit rund fünf, eine mit Membranfilter mit etwa elf Millionen Euro zu Buche, weiß Frei. Dieser Betrag relativiert sich allerdings bereits wieder, wenn man ihn auf die Abwassergebühren umlegt. Sie würden pro Person um etwa zehn bis 15 Euro jährlich steigen – Geld, das unter anderem dazu dient, unser Trinkwasser auch in Zukunft sauber und rein zu halten. Wobei Tappeser Wert auf die Feststellung legt, dass nicht nur die Kläranlagenbetreiber in der Pflicht seien, sondern es ein Bündel an Maßnahmen geben müsse. Dabei denkt sie an Verpflichtungen für die Hersteller etwa von Arzneimitteln, Kosmetika oder Waschmitteln ebenso wie an den Verbraucher, was die (überflüssige) Einnahme und Entsorgung von Medikamenten betrifft.

Moderne Kläranlage in Weiskirchen: Bilder

Vorerst aber wird noch weiter in Langen geforscht. Regierungspräsidentin Lindscheid überbrachte dazu gestern einen Bewilligungsbescheid über weitere 30.000 Euro. Insgesamt belaufen sich die Kosten auf rund 1,2 Millionen Euro, wovon das Land Hessen 78 Prozent trägt.

Der Großteil der Summe, so erklärt Verbandsvorsteher Bürgermeister Frieder Gebhardt, wird für die aufwendigen Analysen fällig. Er hebt zudem hervor, dass auch der Abwasserverband mit 22 Prozent der benötigen Finanzmittel beteiligt ist: „Das müssten wir nicht tun, es zeigt aber, dass wir immer ein bisschen weiter denken als notwendig.“ Und er betont, dass die Pläne hinterher nicht in der Schublade landen werden. „Wir werden daran gehen und eine vierte Reinigungsstufe planen, auch wenn das mit Investitionen verbunden ist.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare