Jutta Fleck: „Die Freiheit schätzen“

„Frau vom Checkpoint Charlie“ berichtet an Dreieichschule

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Gruppenbild nach einer spannenden und lebensnahen „Geschichtsstunde“: Beate Gallus, Sven Gärtner, Jutta Fleck, Jakob Graf, Tim Leuschner sowie die Lehrer Carolin Heß (Fachschaft Geschichte) und Holger Windmöller (Fachbereichsleiter).

Langen - „Wir bitten Sie mitzukommen zur Klärung eines Sachverhalts“, diesen Satz hörte Jutta Fleck (damals hieß sie noch Gallus) – wie schon viele vor ihr und noch viele nach ihr. Es war 1982, ihr Fluchtversuch aus der DDR war verraten worden. Am Mittwoch war Fleck, bekannt als „Frau vom Checkpoint Charlie“, zusammen mit ihrer Tochter Beate Gallus in der Dreieichschule zu Gast, um nicht nur den Schülern als Zeitzeugin die Schrecken der DDR-Diktatur näher zu bringen.  Von Sina Gebhardt 

Der Musiksaal ist voll: Gymnasiasten, Lehrer, Eltern – viele sind gekommen, um ihre Geschichte zu hören. „Ich hätte niemals gedacht, dass wir so etwas in unserer Zeit noch erleben müssen“, waren damals die Gedanken der gebürtigen Dresdnerin, die 22 Monate Haft im Frauengefängnis Hoheneck absitzen musste. Auch für die Schüler heute ist es schwer zu begreifen, wie die Menschen ihrer Freiheit beraubt wurden. „Es ist erschreckend, dass das eigentlich noch so nah ist“, finden Sven Gärtner und Jakob Graf, beide aus dem Geschichtsleistungskurs. „Und dass es so kurz nach dem NS-Regime wieder passieren konnte.“

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Was geschehen ist, kann Fleck heute ruhig, aber emotional wiedergeben: Unter dem Deckmantel eines Familienurlaubs in Rumänien wollte die zweifache Mutter in die Bundesrepublik fliehen, doch der Versuch scheiterte, sie wurde festgenommen, in die DDR überstellt und von ihren Kindern getrennt. Fleck kam erst in die Untersuchungshaftanstalt Bautzner Straße in Dresden und anschließend nach Hoheneck, als sie wegen „schweren Falles von Republikflucht“ zu drei Jahren Haft verurteilt worden war. „Menschenverachtende Prozeduren“ musste sie über sich ergehen lassen, bekam zu spüren, dass sie nichts mehr wert sei. Ständige Überwachung gehörte zum Alltag und galt auch für den Briefkontakt, den sie zu ihren Töchtern hielt. Als sie von der Bundesregierung freigekauft wurde, siedelte sie in die BRD über – aber ihre Kinder musste sie zurücklassen. Damit begann ihr Protest am Checkpoint Charlie, mit dem sie vier lange Jahre um Claudia und Beate kämpfte.

Neun Jahre alt war Beate Gallus damals, als sie von der Mutter getrennt wurde und mit ihrer Schwester in ein Heim für schwer erziehbare Kinder kam. Sie schildert nun die andere Seite: was in den Töchtern vorgegangen ist, die Angst, nicht zu wissen, wohin man gebracht wird, die vergeblichen Fluchtversuche aus dem Heim. Die Mädchen erlebten das Pendant zur Erwachsenenhaft, bekamen eine Identifikations-Nummer, wurden kaum mehr mit ihren Namen angesprochen und bespitzelt – von den anderen Kindern, die dazu angehalten wurden. Auch ihnen wurde das Gefühl gegeben: „Du bist nichts wert.“ Beate Gallus musste lernen, mit Ausgrenzung umzugehen, denn in der DDR war sie die, deren Mutter ein „Staatsfeind“ war. Und später in der BRD „die aus dem Osten“.

Für die Jugendlichen der Dreieichschule sind die Schilderungen der Zeitzeugen freilich interessanter, als die Geschehnisse in einem Buch nachzulesen: „Es ist etwas anderes, es von jemandem vermittelt zu bekommen, der direkt betroffen ist. Es bringt einen persönlichen Bezug und eine emotionale Ebene, die kein Schulbuch uns so nahe bringen könnte“, urteilt Oberstufenschüler Tim Leuschner.

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Auch für Jutta Fleck ist es immer wieder ein schönes Erlebnis, zu sehen, wie positiv sie aufgenommen wird. Die heute 70-jährige „Frau vom Checkpoint Charlie“ sieht es als ihre Lebensaufgabe, gerade der jungen Generation den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie zu verdeutlichen: „Sie sollen achtsam und aufmerksam mit der Demokratie umgehen und schätzen, dass sie in Freiheit aufwachsen.“

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