Frau Kleinschmidt sei Dank

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LKG-Vorsitzender Fred Laloi

Langen ‐ Viele Langener kennen ihn als begnadeten Schauspieler – wenn Fred Laloi mit der LKG-Theatergruppe auf der Bühne steht, bleibt kein Auge trocken. Der 48-Jährige ist Fastnachter aus Leidenschaft, seit gut sieben Jahren lenkt er als Vorsitzender die Geschicke der 1. Langener Karneval Gesellschaft.

Laloi ist in Langen aufgewachsen, verheiratet und hat einen 18-jährigen Sohn. Im Interview mit Redakteur Frank Mahn erzählt der Mann mit dem Schalk im Nacken, wie er zum Narren wurde und was ihn in der fünften Jahreszeit so alles umtreibt. Der Karneval dient zwar dem Frohsinn, aber nach Lachen ist Laloi mit Blick auf die deutsche Regulierungswut nicht immer zumute.

Herr Laloi: Ist Ihnen das Faschingsgen in die Wiege gelegt worden oder wie sind Sie zum Karnevalisten geworden?

Das hat sich mit der Zeit entwickelt. Als Kleinkind war ich sehr schüchtern. Wenn mich Bekannte meiner Eltern auf der Straße angesprochen haben, habe ich mich vor Angst hinter meinen Eltern versteckt oder sogar geweint. Abgesehen davon, dass meine Eltern in ihrer Jugend nicht nur bei der SSG Sport getrieben, sondern auch dort bei Kappenabenden mitgewirkt haben und ich mich als Kind immer gerne verkleidet habe, wurde meine schauspielerische Ader von meiner Grundschullehrerin Frau Kleinschmidt entdeckt. Ich durfte meiner Grundschulklasse immer aus dem Stegreif „Witze vormachen“. Heute würde das heißen: „einen Sketch vorspielen“. Und Jahre später war da noch der Bruder von meinem besten Schulfreund, der damals bei der Lange Latten Garde aktiv war. Er hat uns gefragt, ob wir mal zum Gardestammtisch kommen wollen. Ich ging halt mal hin – so fing mit 17 Jahren alles an.

Die LKG hat früher zu mehreren klassischen Fremdensitzungen eingeladen, seit einigen Jahren gibt es nur noch eine. Ist Fasching aus der Mode gekommen?

Nein, Fasching trifft auch heute noch den Zeitgeist, denn Karneval ist ein bunter Mix aus Brauchtumspflege und Show. Karneval wird in den verschiedenen Regionen unterschiedlich gefeiert, so wie es unterschiedliche Volksfeste gibt. Man muss seine Region eben beobachten. In der heutigen, digitalen, schnelllebigen Zeit haben sich die Menschen und ihr Umfeld verändert. Genauso wie das menschliche Empfinden durch den Einfluss der Medien, die momentane Wirtschaftskrise und die Arbeitslosigkeit. Das sind Dinge, die nicht nur im Karneval eine große Rolle spielen. Ich sehe es als große Herausforderung und Aufgabe, diese Art von Brauchtumspflege in der heutigen Zeit weiter zu bringen und die Menschen einmal von ihren Alltagssorgen abzulenken. Speziell hier in Langen sind in den vergangenen Jahren die Herren- und später die Damensitzung hinzugekommen, die guten Zuspruch haben. Somit haben wir uns bei der Großen Sitzung selbst Konkurrenz gemacht, was nicht schlimm ist, denn wir haben auf unser Pub likum reagiert und an der Anzahl der Abendsitzungen hat sich nichts geändert.

Aber die Zeiten, in denen alle Sitzungen ausverkauft waren, sind doch Geschichte. Heute kann ich in jedem dritten Fernsehprogramm Fasching sehen. Das muss Ihnen doch wehtun.

Richtig, das tut weh. Hier besteht die Gefahr, dass die heimischen Fastnachtsveranstaltungen mit den kommerziellen verglichen werden und das noch vom Sessel aus im Wohnzimmer. Oder glauben Sie, dass ein Fernsehzuschauer kostümiert oder im Smoking vorm Fernseher sitzt? Hier leidet die Arbeit eines jeden Karnevalvereins. Es gehört aber auch zum Leben eines Karnevalisten, mit dem Medium Fernsehen leben und umgehen zu können. Es hat ja auch etwas Positives. Ich glaube, dass jeder Karnevalist sich riesig freut, wenn er die Gelegenheit bekommt, bei einer Fernsehsitzung auftreten zu dürfen.

Immer mehr Vereine klagen darüber, dass ihnen die Mitglieder und die ehrenamtlichen Helfer ausgehen. Wie ist denn die Situation bei der LKG?

Die Mitglieder und ehrenamtlichen Helfer gehen uns nicht direkt aus. Das hängt mit der guten Jugendarbeit in der LKG zusammen. Vor allen Dingen hat die frühere Vorstandsgeneration um Hans Hoffart immer dafür gesorgt, junge Leute frühzeitig in die Vorstandsarbeit und Verantwortung einzubeziehen. Allerdings fehlen uns zusätzliche ehrenamtliche Helfer, denn mit der gleichen Anzahl wie früher ist die immer größer werdende Bürokratie und Verantwortung nur noch sehr schwer in der Freizeit zu bewältigen. Wenn man für die Verwaltung die gleiche Zeit braucht wie fürs Fastnacht feiern, ist das für ehrenamtliche Helfer nicht unbedingt motivierend. Wir sind von der verantwortlichen Helferzahl hart an der Grenze.

Das klingt nach deutschem Verwaltungs- und Bürokratisierungswahnsinn. Nennen Sie uns doch mal ein Beispiel.

Der deutsche Perfektionismus macht auch vor dem Karneval nicht Halt. Es müssen Verträge für Künstler, Hallen, Busunternehmen abgeschlossen werden. Sie brauchen Versicherungen, es sind Bestimmungen nach DIN-Normen z. B. beim Bühnenbau einzuhalten. Wer Jugendarbeit leistet, hat das Jugendschutzgesetz zu beachten, das Finanzamt möchte seine Zahlen usw. Zudem müssen permanent Änderungen beachtet werden. Heute muss der verantwortliche Kassierer eines Vereins höher im Finanzwesen qualifiziert sein als früher. Hier geht es schon lange nicht mehr nur darum, Beiträge zu kassieren und Rechnungen zu buchen. Es ist bedauerlich, dass sich manche Formalitäten auch heute noch nicht per E-Mail erledigen lassen. Es fallen Behördengänge an, die bekanntlich nicht alle abends in der Freizeit getätigt werden können. Nicht jeder ist bereit, dafür Urlaub zu nehmen.

Herr Laloi. Auf was freut sich ein Vollblut-Karnevalist wie Sie am meisten? Und: Fallen Sie am Aschermittwoch in ein Loch?

Auf den Verlauf einer Veranstaltung, auf das Spiel zwischen Publikum und Darsteller. Auf das gegenseitige Geben und Nehmen während der Auftritte. Wenn man sein Publikum begeistert, freut mich das am meisten und das gibt mir auch wieder Kraft für die neue Saison. In ein Loch falle ich nicht. Teilweise laufen die Vorbereitungen der neuen Kampagne schon während der laufenden an. Zudem fangen nicht lang nach Aschermittwoch die Proben unserer Theatergruppe und die Übungsstunden aller anderen Gruppen an.

Klingt, als ob für andere Hobbys keine Zeit bleibt. Was sagt denn die Familie zu Ihrem Engagement?

Wenn man Karneval und ganzjähriges Vereinsleben in freiwilliger und verantwortlicher Position betreibt, bleiben andere Hobbys zwangsläufig auf der Strecke. Dessen muss man sich bewusst sein. Die Vielfalt der Aktivitäten ist so groß, dass man auch kein anderes Hobby vermisst. Genauso ist es sehr wichtig, dass die Familie dahintersteht, denn sonst wird aus Spaß am Hobby ganz schnell Stress. Aktiver Karneval sollte ein Hobby für die ganze Familie sein. Ich hatte das Glück, meine Frau in der LKG kennenzulernen. Aus Kommandeur und Kommandeuse wurde unsere Familie.

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