PROZESS Gefährliche Körperverletzung und antisemitische Beleidigung: 28-Jähriger erhält doch nur Bewährungsstrafe

Um Gefängnis herumgekommen

Langen – Bloß nicht in den Knast: Dieser Wunsch ist für einen 28-jährigen Langener in Erfüllung gegangen. Der Deutsch-Kameruner war am 17. VON SILKE GELHAUSEN

Februar wegen gefährlicher Körperverletzung und antisemitischer Beleidigung vom Amtsgericht Darmstadt zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt worden. Dagegen ging der Mann in Berufung – mit Erfolg: Die achte Strafkammer des Landgerichts verurteilt ihn in zweiter Instanz zu zwei Jahren auf Bewährung – mit hohen Auflagen. Das Urteil ist rechtskräftig.

Der zweieinhalbstündige Prozess beschränkte sich allein auf die Rechtsfolgen – sprich die Höhe der Strafe. Die ihm vorgeworfenen Taten streitet der Angeklagte nicht ab. Allerdings ist ihm der Vorfall „nicht mehr komplett erinnerlich“, wie sein Verteidiger Manfred Döring im Plädoyer formuliert. Denn der einschlägig vorbestrafte Langener hat ein massives Alkoholproblem. Zwei bis drei Liter Starkbier pro Tag, dazu ein paar Jägermeister und ein Joint sollen es laut eigener Angaben gewesen sein.

Fakt ist, dass er am 23. Januar 2019 um 14 Uhr an die 2,8 Promille sowie Spuren von Cannabissubstanzen im Blut hatte – und im alkoholisierten Zustand zu unkontrollierbarem, aggressivem Verhalten neigt. Am Bahnhof Langen trifft der Angeklagte auf einen jüdisch aussehenden Mann und beleidigt ihn als „Scheiß Jude“ und „Hurensohn“. Mehrere Passanten beobachten den Vorfall und schreiten ein. Der Langener lässt vom Mann ab, der sich unerkannt entfernt.

Als einer der Zeugen zum Telefon greift, um die Polizei zu rufen, rastet der 28-Jährige aus: Er malträtiert den Anrufer massiv mit Tritten und Faustschlägen gegen den Kopf, der 50-Jährige erleidet Jochbein-, Kiefer- und Mittelhandbrüche, trägt heute eine Titanplatte. Die zerbrochene Brille verletzt die Hornhaut seiner Augen, weshalb sich seine Sehfähigkeit verschlechtert hat. Der Immobiliengutachter tritt im Prozess als Nebenkläger auf – der 28-Jährige entschuldigt sich bei dem Opfer. Anwalt Jürgen Rath hält die Bewährungsforderung für einen schlechten Witz: „Der Angeklagte hat meinen Mandanten fast totgeschlagen! Ein derart brutales Vorgehen hätte eigentlich eine Anklage wegen versuchtem Totschlag verdient. Er hat ihn in einem Moment der Ablenkung angegriffen und weiter zugetreten, als er schon auf dem Boden lag!“ Es sei nur dem Zufall geschuldet, dass der Langener überlebt hätte. „Der gehört eingesperrt und zwar möglichst lang!“, fordert Rath.

Der Nebenkläger selbst bleibt ruhig, ergreift nach dem Urteil – so etwas passiert nur selten – noch mal das Wort: „Ich hege keine Rachegedanken. Ich kann damit leben. Ich möchte nur nicht, dass der Eindruck entsteht, man könne einfach Mitmenschen misshandeln und käme quasi ungeschoren davon.“ Ihm wurden im Zivilverfahren 8 000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen, die der Angeklagte aus dem Gefängnis heraus, ohne Erwerbsarbeit, wohl nicht zu zahlen imstande wäre.

In die Strafe floss auch ein Urteil aus 2019 des Amtsgerichts Bensheim mit ein. Die gnädig anmutende Bewährungsstrafe koppelt Richter Lothar Happel an die von Staatsanwalt Thomas Betten geforderten hohen Auflagen: insgesamt vierjährige Bewährungszeit, die Fortsetzung und Abschluss der begonnenen Suchttherapie, ein Anti-Aggressionstraining, 150 Stunden gemeinnützige Arbeit und ein Bewährungshelfer. „Die Taten sind Ausdruck einer Alkoholkrankheit, mit oder ohne augenblickliche Blutpromille führt der langjährige Konsum zu Persönlichkeitsveränderungen“, so Happel. Die Bewährung sei allein dem Umstand geschuldet, dass der zweifache Vater nach der U-Haft ernsthaft versuche, ein suchtfreies und legales Leben zu führen.

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