Gegen das Vergessen

Lehrerin Meta Schloß
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Lehrerin Meta Schloß (links), 1904 geboren, überlebte den Naziterror ebenso wenig wie ihre Mutter Frieda.

Langen - Sie waren Nachbarn, Freunde und Arbeitskollegen – Langener Bürger wie Julius Strauß, Jonas Schloß und Ilse Sichel. Nach der Machtergreifung 1933 erklärten die Nationalsozialisten sie zu Feinden des deutschen Volkes. Von Denis Düttmann

Zunächst wurden ihre Geschäfte boykottiert und ihr Vermögen eingezogen, wer nicht rechtzeitig fliehen konnte, den deportierte die SS in Konzentrationslager, wo sie ermordet wurden.  Bei der fünften Verlegeaktion erhalten nun 17 weitere Langener Juden einen Stolperstein. Die mit einer beschrifteten Messingplatte versehenen Steine werden vor ihren ehemaligen Wohnhäusern in den Bürgersteig eingelassen und sollen an das Schicksal der Opfer des nationalsozialistischen Terrors erinnern. Die Idee dazu stammt von dem Kölner Künstler Gunter Demnig, der mit der Aktion ein Stück Geschichte in das alltägliche Leben zurück- und die Opfer des Nazi-Regimes aus der Anonymität herausholen möchte.

So wird vor der Bahnstraße 11 künftig ein Stolperstein an den Holzhändler Julius Roßmann und seine Frau Thekla erinnern, die 1941 ins Ghetto Lodz deportiert und dort wahrscheinlich ermordet wurden. Vor der Lerchgasse 8 soll Mina Strauß gedacht werden, die nach der Pogromnacht zunächst nach Frankfurt zog und dort – wohl um der drohenden Deportation zu entgehen – ihrem Leben selbst ein Ende setzte.

„Wir wissen mehr als am Anfang“

Nach Abschluss der fünften Verlegeaktion haben alle Langener Juden, die den Großteil der Nazi-Opfer ausmachen, einen Stolperstein erhalten – Zeit, eine vorläufige Bilanz zu ziehen. „Bei Beginn der Aktion vor dreieinhalb Jahren haben wir nicht daran geglaubt, dass wir es schaffen, für jedes Opfer einen Stein zu verlegen“, sagt Herbert Walter von der Initiative Stolpersteine für Langen. „Aber es ist uns gelungen, für alle 85 Steine Paten zu finden, die die Verlegung mit 95 Euro finanzieren.“ Die umfangreichen Recherchen der Initiative über die Familiengeschichte der Opfer, die Umstände ihrer Deportation oder Flucht haben zudem viel Licht ins Dunkel gebracht. „Wir wissen heute erheblich mehr als am Anfang, dennoch konnten nicht alle Fragen abschließend geklärt werden“, so Walter. Die Initiative will die bisherigen Ergebnisse nun veröffentlichen. Derzeit verhandelt sie mit den Verantwortlichen im Rathaus, ob das Buch in der Reihe zum 125. Stadtjubiläum erscheinen kann.

Mutter Frieda überlebte den Naziterror auch nicht.

Für Walter und seine Mitstreiter ist das Kapitel jedoch noch nicht abgeschlossen. Es gibt wohl noch etwa zehn Euthanasie-Opfer und zwei politische Opfer, die bislang keinen Stolperstein erhalten haben. „Gerade über die Euthanasie-Opfer wissen wir einfach zu wenig. Meistens ist nur der Name bekannt, denn die Akten über sie wurden vernichtet und die Todesdaten systematisch gefälscht“, erklärt Walter. Ein weiterer Schwerpunkt im kommenden Jahr wird die Forschung über Zwangssterilisierungen sein: In Langen waren wahrscheinlich über 80 Menschen davon betroffen.

Am Freitag, 16, Oktober, werden die 17 Steine dann an sechs Orten verlegt. Treffpunkt ist um 9 Uhr an der Stadtkirche.

Die Initiative Stolpersteine für Langen lädt für Freitag, 9. Oktober, um 20 Uhr zu einer Informations- und Gedenkveranstaltung in den Saal der Johannesgemeinde, Carl-Ulrich-Straße 4, ein. Dabei werden alle Personen, für die Steine verlegt werden sollen, vorgestellt. Außerdem berichtet die Zeitzeugin Edith Erbrich von ihrer Kindheit, der Deportation und ihrer Befreiung aus dem KZ Theresienstadt.

Eine Ausstellung mit den Familienporträts aller jüdischen Familien aus Langen wird im November und Dezember im Kulturhaus Altes Amtsgericht, Darmstädter Straße 27, zu sehen sein.

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