Langener Kino-Geschichte

Lustspiele und die freie Liebe

Das UT in der Rheinstraße Ende der 20er Jahre mit den Betreibern (von links) Jakob und Philipp Daubert I. sowie dem Nachwuchs Richard Daubert, Hans und Friedel Eisenbach.

Langen - Heute um 11. 15 Uhr ist Wiedereröffnung des Lichtburg-Kinos – als letztem Lichtspielhaus in Langen. Kino in Langen besitzt eine über 90-jährige Tradition und wechselvolle Geschichte, weiß der ehemalige Stadtarchivar Herbert Bauch.

Nachdem sein Artikel über die Anfänge 1919/20 vor einigen Wochen auf großes Interesse stieß, gibt es Fortsetzungen. Heute widmet er sich der Zeit von 1921 bis 1933. Nach Schließung des „I. Langener Lichtspieltheaters“ im Frühjahr 1921 wandte sich sein Betreiber, der Wirt des „Lindenfels“, Jakob Meckes, wieder stärker dem Ausschank zu. Die Filmfreunde mussten aber keinen Verzicht üben, hatten sie doch die Möglichkeit, in den „Germania-Lichtspielen“ einen unterhaltsamen Abend zu erleben.

1924, so schätzt man, gingen täglich über zwei Millionen Menschen in Deutschland in die Filmtheater. Der Film war jedoch noch immer nicht in allen Kreisen anerkannt. Vielfach wetterten Bildungsbürger und Politiker gegen das beliebte Medium. So gründete sich im gleichen Jahr in Darmstadt ein gemeinnütziger Verein „Hessisches Wanderkino“ unter dem Vorsitz des späteren hessischen Innenministers Wilhelm Leuschner. Vereinsziel war: „... hervorragende Kulturfilme aus aller Welt auf möglichst billige Art und Weise (…) der Öffentlichkeit vorzuzeigen. So wollen wir praktische Kinoreform betreiben, indem wir den Schundfilm aus innerer Überzeugung ablehnen, uns aber mit dieser theoretischen Ablehnung nicht begnügen, sondern das Schlechte durch das Gute bekämpfen wollen.“ So offerierte der Verein zwei von ihm erworbene Streifen. Einer davon lief im September 1924 im „Germania“: „Nanuk, der Eskimo“, ein „in den Eissteppen aufgenommener Kulturfilm“, „ein Meisterwerk, das jeder Volksgenosse gesehen haben muss“, so die Ankündigung.

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Die Bilder hatten zwar laufen, aber noch nicht sprechen gelernt und so mussten Musiker und Sänger die Filme live begleiten. In den Großstädten waren dies häufig große Orchester, die dem Geschehen auf der Leinwand eine dramatische oder humoristische Note verliehen. In Langen war dies naturgemäß alles eine Nummer kleiner und so machten die Lichtspielbetreiber häufig aus der Not eine Tugend. Für „Alt-Heidelberg“ zum Beispiel, einem „erstklassischen Filmwerk mit Gesang“, verpflichtete man „gute Sänger eines hiesigen Gesangvereins“. Rechtzeitig zu den Weihnachtsfeiertagen 1924 zog wieder ein zweites Kino den Vorhang auf. Die „UT-Lichtspiele Langen“ waren von den Geschwistern Daubert ins Leben gerufen worden und starteten mit einem „historischen Prunkfilm“ – „Die Königin von Saba“. Das Filmtheater lag in der Rheinstraße 32, der Zugang zum Zuschauersaal erfolgte jedoch über das Wiesgässchen. Im Sommer 1928 war das Haus kurzzeitig wegen Renovierungs- und Umbauarbeiten geschlossen.

In den ersten Jahren bot das „UT“ noch ein „gut besetztes Orchester“ auf, um Filme musikalisch zu untermalen. Im Frühjahr 1930 hielt dann der Tonfilm Einzug mit dem Streifen „Ich glaub’ nie mehr an eine Frau“. Der bekannte Opernsänger Richard Tauber ist der Star des Films. In weiteren Rollen sind Paul Hörbiger, Werner Fütterer und Maria Solweg zu sehen. Im März 1928 war Schluss mit dem Vorführbetrieb im Hinterhaus der Darmstädter Straße 19. Die Germania-Betreiber Philipp Ebert und Fritz Kolb – sie hatten die alte Direktion Vogler und Meyer, abgelöst – eröffneten ihre „Neue Lichtbühne“ im Saalbau der Gaststätte „Zum Lämmchen“, das von den Wirtsleuten Theo und Susanne Pausch geführt wurde. Mit dem Streifen „Casanova“ und einem „erstklassischen Künstlerorchester“ feierte man Premiere in der Schafgasse 29.

In den Langener Kinos dominierten die populären Genres: Abenteuer-, Historien- und Kriminalfilme und das Lustspiel in all seinen Varianten. Hinzu kamen aber auch immer wieder sogenannte Sitten- und Aufklärungsfilme. Das Themenspektrum umfasste Prostitution und Mädchenhandel, Alkohol und andere Drogen, Homosexualität, eheliches Miteinander und freie Liebe. Häufig waren auch Streifen zu sehen, die den Abtreibungsparagrafen 218 thematisierten. Der bekannteste von ihnen, „Cyankali“ (als Vorlage diente das gleichnamige Bühnenstück von Friedrich Wolf), lief 1931 in der „Neuen Lichtbühne“ und 1932 im „UT“. Auch versuchten die Kino-Betreiber ganz gezielt, die politische Arbeiterschaft Langens mit ihrer Programmauswahl anzusprechen. Beispiel dafür sind die russischen Revolutionsfilme „10 Tage, die die Welt erschütterten“ oder „Panzerkreuzer Potemkin“ (von Sergej M. Eisenstein), der sozialkritische Film „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ oder der Streifen „Im Westen nichts Neues“, nach einer Buchvorlage von Erich Maria Remarque. Hatten die letztgenannten Filme schon zuvor von der Berliner Zensurbehörde gravierende Schnitte hinnehmen müssen, verschwanden sie nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten endgültig von den Spielplänen.

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Auch den im September 1930 im „UT“ gezeigten Ufa-Tonfilm „Der blaue Engel“ mit Emil Jannings und Marlene Dietrich verboten die Nazis. Viele deutsche Filmschaffende – wie Fritz Lang, Max Ophüls, Peter Lorre, Billy Wilder, Fritz Kortner und Elisabeth Bergner, um nur einige zu nennen – emigrierten in der Folge ins Ausland. Marlene Dietrich kam aus den USA nicht mehr nach Deutschland zurück. Andere wurden verfemt, verfolgt und ermordet wie Kurt Gerron, der im „Blauen Engel“ mitspielte.

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