Gesundheit belastet Öko-System

Langen - Medikamente sind ein Segen für die Menschheit. Über mögliche Nebenwirkungen informiert die Packungsbeilage. Von Frank Mahn

Was nicht drin steht, sind Folgen für die Umwelt, denn bis zu 60 Prozent der Wirkstoffe scheidet der Körper wieder aus; sie erreichen über die Kanalisation die Kläranlage. Dort wird der Chemie-Cocktail allerdings nicht komplett herausgefiltert, Teile davon gelangen in den Gewässerkreislauf. Um das auf Dauer zu verhindern, startet der Abwasserverband mit der TU Darmstadt und mit Unterstützung des Landes ein hessenweit einmaliges Forschungsprojekt. Die Reinigungsanlage, die Spurenstoffe aus Arzneimitteln, aber auch aus Haushalts- und Pflegemitteln eliminiert, soll vor Ostern in Betrieb gehen.

Obwohl es sich um klitzekleine Mengen handelt, die bis vor ein paar Jahren noch gar nicht messbar waren und demzufolge auch nicht ausreichend gefiltert werden können, darf das Vorkommen von Spurenstoffen im Wasserkreislauf nach Meinung von Professor Peter Cornel nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Auch geringe Reste könnten erhebliche Auswirkungen auf das Öko-System haben, sagt der wissenschaftliche Leiter des Projekts von der TU Darmstadt. Auch deshalb sollten abgelaufene Arzneien nicht im Klo runtergespült werden.

Hormone Verändern männliche Fische und Frösche

Ein Hauptaugenmerk liegt auf den Hormonen, die beispielsweise durch die Einnahme der Antibabypille in die Gewässer gelangen. Sie stehen im Verdacht, bei männlichen Fischen oder Fröschen Veränderungen hervorzurufen, die zur Bildung weiblicher Geschlechtsorgane führen. Für die Zukunft sehen Wissenschaftler deshalb die Gefahr, dass sich ganze Tierarten nicht mehr vermehren können und vom Aussterben bedroht werden. Zudem schließen sie nicht aus, dass die Spurenstoffe im gereinigten Abwasser ein Risiko für den Menschen darstellen. Cornel beruhigt aber: „Eine akute Schädigung ist nicht zu erwarten.“

Derzeit gibt es in der Abwasserverordnung für diesen speziellen Bereich keine Grenzwerte, nur Empfehlungen. Es dürfte aber nur eine Frage der Zeit bis zu EU-weiten Auflagen sein. Cornel hält es deshalb für ausgesprochen wichtig, exemplarisch an einer Verbandskläranlage, zumal mit einem Krankenhaus und mehreren Altenheimen im Einzugsgebiet, schon jetzt Erfahrungen über Eliminationsverfahren, deren Leistungen, Kosten und Praxistauglichkeit zu sammeln. Der Forscher rechnet damit, dass spätestens in zwei Jahren verwertbare Ergebnisse vorliegen, von denen auch andere Kläranlagenbetreiber profitieren sollen. Deshalb übernimmt das Land auch 50 Prozent der Kosten von 270.000 Euro, den Rest zahlt der Abwasserverband.

Kläranlage vervorragend für das Projekt geeignet

Dessen Kläranlage nahe Schloss Wolfsgarten ist für das Projekt prädestiniert. Mitte der 90er Jahre mit Millionenaufwand modernisiert, stehen nach 15 Jahren Laufzeit weitere Umrüstungen ins Haus. Von Vorteil ist, dass der Verband als einziger in Hessen seit 2005 eine Membranfiltrationsanlage betreibt, die für das Projekt genutzt werden kann. Bisher dient sie ausschließlich der Gewinnung von hygienisch einwandfreiem Brauchwasser, beispielsweise für die Reinigung und Spülung der Becken und die Bewässerung der Grünflächen. Zur Anwendung kommt zudem ein Aktivkohleverfahren. „Wir wollen verschiedene Kombinationsmöglichkeiten der beiden Verfahren untersuchen und die technisch und ökonomisch beste Variante zur Entfernung der Spurenstoffe ermitteln“, sagt Cornel.

Etwa sechs Millionen Kubikmeter Wasser werden jährlich in der Kläranlage gereinigt und dem natürlichen Kreislauf wieder zugeführt. Ein Teil davon fließt in Kürze durch die neue Testanlage und wird von Cornel und seinen Mitarbeitern unters Mikroskop genommen.

Rubriklistenbild: © dpa

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