Starkes Stück Geschichte am Gymnasium

Das harte Los der Wolfskinder

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Mit ihrem „Lauschsalon“ lassen Anja Bilabel und die Percussionistin Salome Amend die Geschichte der sogenannten Wolfskinder im Musiksaal des Gymnasiums lebendig werden – ein bedrückendes Geschichtskapitel, präzise und eindringlich vermittelt.

Langen - Heimatlos, ohne Familienangehörige und somit völlig auf sich allein gestellt: Dieses Schicksal ereilte die sogenannten Wolfskinder in Ostpreußen nach dem Zweiten Weltkrieg. Von Vanessa Kokoschka 

Die Fachschaft Geschichte der Dreieichschule veranstaltete zu dieser Thematik im Rahmen ihrer Reihe „Geschichte hautnah“ einen Hörtheaterabend. Der Anfang vom Ende: Die sowjetische Armee kesselt das Gebiet um die ostpreußische Hauptstadt Königsberg komplett ein. Während die Väter entweder im Krieg gefallen oder gefangen genommen worden sind, verschleppt die Rote Armee Frauen und Jugendliche zu Zwangsarbeit in die Sowjetunion. Die verbliebenen, nunmehr elternlosen Kinder müssen sich allein durchschlagen. Sie verselbstständigen sich, „wildern aus“ und kämpfen ums Überleben.

Anja Bilabel berichtet eindringlich und empathisch im Musiksaal der Dreieichschule von diesem Schicksal. Die ausgebildete Schauspielerin gastiert mit ihrem Hörtheater ebendort und lässt kraft präziser Wortwahl Bilder im Kopf entstehen. Sie erzählt von kalten, eisigen Wintern, von anstrengenden Fluchtrouten und von gewaltbereiten Soldaten. Akustisch unterstützt wird sie von der Percussionistin Salome Amend. Die Musikerin untermalt das Hörtheater mit Trommel und Vibrafon. „Gerade das Vibrafon kommt den Geräuschen von Wind und Metall ganz nah“, sagt Bilabel. Mit ihrem „Lauschsalon“ tourt sie mit verschiedenen Hörstücken und Lesungen durch ganz Deutschland. Dabei werde sie oft von Musikern an Violinen, Celli oder Cembalos begleitet.

Für das Thema „Wolfskinder – eine Kindergeneration nach 1945“ hat Bilabel ein Jahr recherchiert. „Ich habe mit Zeitzeugen gesprochen, viele Bücher und Heimatblätter gelesen und bin auch nach Litauen gereist.“ Denn in das Land am Baltikum sind viele Wolfskinder geflüchtet. Bei ihren Erzählungen stützt sich Bilabel auf persönliche Memoiren und Romane über Wolfskinder: „Früher ging man auf den Rummel, heute flieht man vor den Russen“, zitiert Bilabel aus Johanna Elsworths Roman „Das Wiegenlied der Wolfskinder“.

Auch Zeitzeugen sind zur Vorstellung gekommen. Hannelore Neumann ist für das Hörtheater aus der Wetterau angereist. In Königsberg geboren, wurde sie im Alter von fünf Jahren ausgesiedelt und war lange Jahre auf der Suche nach ihrer eigentlichen Identität. „Anja Bilabel erzählt die Geschichte auf ganz hohem Niveau. Zusammen mit der Musik wirkt das alles sehr harmonisch“, so Neumanns Urteil.

Diese Einschätzung spiegelt Anja Bilabels Intention wider: „Ich will die Zuschauer auf meine Reise mitnehmen und eine Stimmung des Mitfühlens und Miterlebens erzeugen.“ Die Geschichten der Wolfskinder seien in der Gesellschaft eher unbekannt und doch aktuell: „Auch heute sind Kinder auf der Flucht.“ Durch die Medien bekomme man jedoch nur die Spitze des Eisbergs mit. „An persönlichen Beispielen wie denen der Wolfskinder erlebt man die Schicksale intensiver“, resümiert Bilabel. Nach dem Vortrag vertiefen Ausführende, Zeitzeugen und Zuhörer das Doku-Feature in Gesprächen.

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