Die Hausapotheke im Smartphone

Jungunternehmer will mit App Patienten helfen

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Langen - Mehr Service für Patienten und gleichzeitig das deutsche Gesundheitssystem um hohe Summen entlasten – das hat sich Simon Pfannemüller zum Ziel gesetzt. Der junge Langener geht jetzt mit der App „Digitale Hausapotheke“ an den Start. Von Tobias Alarcon

Auf der Suche nach Kopfschmerztabletten, Erkältungsbalsam oder Hustensaft den heimischen Medizinschrank durchwühlen und wieder ist das, was man gerade braucht, nicht da. Leere Verpackungen oder seit drei Monaten abgelaufene Medikamente fallen einem in die Hände. Geht das nicht anders? Dieser Frage hat sich Simon Pfannemüller angenommen – und eine Lösung gefunden: eine digitale Hausapotheke, synchron mit allen Smartphones und Tablets im eigenen Haushalt, die Übersicht in den Medizinschrank und so auch Struktur in die eigene Einnahme bringt. Der Langener, 20 Jahre jung und Student der Wirtschaftsinformatik an der Technischen Universität Darmstadt, will die Organisation von Therapien durch Medikamente revolutionieren.

„Die Idee ist einfach: Was ich kaufe, was ich zuhause liegen habe und was ich letztendlich einnehme, soll in der App übersichtlich einzusehen sein.“ Programmiert haben die App Simon Pfannemüller und ein Kommilitone aus seinem Studiengang. „Vor der Entwicklung der App war ich nicht wirklich fit im Programmieren, das kam alles währenddessen – Learning by doing“, so der junge Unternehmer. Die Idee kam vor rund zwei Jahren – das eigens dafür vor etwa einem Jahr von Pfannemüller und seinem Vater gegründete Unternehmen Ligari machte die Umsetzung möglich. Dass sein Vater Thomas aus der Pharmaindustrie kommt, sei ein wichtiger Faktor gewesen, so Pfannemüller. Denn Apps mit Einnahme-Erinnerung, Verwaltungsmöglichkeiten und Hinweisen gibt es wie Sand am Meer.

Doch die Digitale Hausapotheke unterscheidet sich in nicht unwesentlichen Punkten von der Konkurrenz. So geht das Programm von Ligari auf eine das Gesundheitssystem und die Pharmaindustrie belastende Problematik ein. Non-Compliance – die fehlerhafte Einnahme oder das Nichteinhalten von Einnahmehinweisen – nennt sich das Problem, das durch mangelnde Zeit oder Stress auf Seite der Patienten oder fehlerhafte Beratung durch Apotheker und Ärzte Einnahmefehler von Medikamenten verursacht. Die Folge: Medikamente, die bei richtiger Einnahme Wirkung zeigen würden, werden als unwirksam deklariert, der Patient geht erneut zum Arzt, ein anderes Medikament wird verschrieben.

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Dieses komplexe und schwer zu durchdringende Problembündel lässt jährlich Kosten im hohen zweistelligen Milliardenbereich für das Gesundheitssystem entstehen und darüber hinaus Umsatzeinbußen für Unternehmen, deren Medikamente wegen der vermeintlichen Unwirksamkeit nicht mehr gekauft werden. „Wir setzten uns mit verschiedenen Medikamentenherstellern zusammen, um dieses Problem gezielt anzugehen“, so Pfannemüller. „Für jene Hersteller, mit denen wir zusammenarbeiten, gibt es daher sogenannte erweiterte Anwendungshinweise in der App zu finden, die über die Hinweise im Beipackzettel hinausgehen. Diese können ausführlichere Beschreibung in Form von Text, Bildern oder Videos sein, die dem Verbraucher die Anwendung erleichtern und eine erfolgreiche Therapie unterstützen.“ Über dieses Modell finanziert sich die App, denn der Download ist kostenlos.

Werbung wird nicht geschaltet und die anonyme Nutzung ohne Anmeldung und die Verschlüsselung sämtlicher Daten auf dem Endgerät verhindern bewusst eine Nutzung der Daten für den Verkauf an Unternehmen und sichern die Nutzer zudem gegenüber dem Zugriff Dritter ab. Das ist dem jungen Unternehmen wichtig, denn für Patienten ist der Umgang mit ihren Krankheiten oftmals ein intimes Thema. „Außerdem sind wir völlig herstellerunabhängig. Jedes Pharmaunternehmen hat eigene Apps, mit Übersicht über die hauseigenen Medikamente – wir bieten eine Übersicht über den gesamten Markt, völlig neutral“, betont Pfannemüller. Eine weitere Besonderheit ist die Integrierung des Medikationsplanes, der seit Oktober 2016 eine bundeseinheitliche Maßnahme zur Verbesserung der Therapiesicherheit darstellt.

In diesem werden Wirkstoffe und Konsum für Patienten individuell und detailliert festgehalten. In der Digitalen Hausapotheke ist dieser einsehbar und zusätzlich können außerplanmäßig eingenommene Medikamente hinzugefügt werden – ein Alleinstellungsmerkmal des Produktes. Der behandelnde Arzt kann das Datenblatt dann über einen Code in der App auslesen und auf sein System übertragen. Die Funktionen unterstützen besonders die Behandlung multimorbider Patienten – also Patienten, die gleichzeitig an mehreren Krankheiten leiden und daher verschiedenste Medikamente einnehmen müssen. Dass dieses Krankheitsbild eher bei älteren Menschen auftritt und dies womöglich im Widerspruch zur smarten Nutzung über Handy und Tablet steht, sei kein Problem, erklärt Pfannemüller.

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„Man sollte die Verbreitung von Smartphones und Tablets unter Senioren nicht unterschätzen“, sagt er. „Zudem altern auch die heute 40- oder 50-Jährigen“, erklärt er mit Blick auf die Zukunft. Zukunftsorientiert ist der gesamte Plan des Unternehmens. „Wir sind dabei, weitere Partnerschaften mit Krankenkassen, Krankenverbänden und Unternehmen zu schließen, um die App weiter zu verbreiten“, verrät der Jungunternehmer. Auch die App an sich soll sich weiterentwickeln. Möglichkeiten zum Feedback, direkt von Nutzern, gibt es über die App schon. „Das Feedback von Patienten, aber auch von Ärzten und Apothekern ist durchweg positiv“, sagt Pfannemüller. In Zukunft sollen weitere Funktionen kommen, so unter anderem eine Möglichkeit, Wechselwirkungen zwischen Medikamenten auszuschließen.

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