Mädchen für Kraftsport begeistern

Langener Gewichtheberin: „Heute fragen mich Männer um Rat“

Die Gewichtheberin Nicole Börsch vom KSV Langen wurde schon mehrfach Europameisterin in ihrer Disziplin Kraftdreikampf.
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Die Gewichtheberin Nicole Börsch vom KSV Langen wurde schon mehrfach Europameisterin in ihrer Disziplin Kraftdreikampf.

Schon als Jugendliche hat sie sich mit Jungs im Bankdrücken gemessen – und bestimmt hat Nicole Börsch dabei auch die ein oder andere Illusion zerstört. Sie zeigt, dass Kraftsport nicht nur für Männer ist.

Langen – Mit 14 Jahren stemmte sie bereits 100 Kilogramm beim Bankdrücken, war also nur fünf Kilo vom damaligen Weltrekord für Jugendliche entfernt. Heute startet sie sehr erfolgreich mit ihrer Trainerin Anita Thimm für den KSV Langen im Kraftdreikampf bei internationalen Wettkämpfen. In den 80er Jahren sah die Welt noch etwas anders aus. Es war nicht so leicht, Beruf und Sport unter ein Dach zu bringen. Nicole Börsch, Jahrgang 76, erinnert sich zurück: „Meine Eltern hatten kein Auto, um mich durch die Gegend zu fahren. Ich musste Prioritäten setzen, habe aber nie ganz mit dem Sport aufgehört.“ Kraftdreikampf, das erfordert ein hohes Maß an Kraft, Konzentration und Präzision in den Disziplinen Hantel-Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben. Erst 2015 hat sie wieder ein passendes Studio für ihren Sport gefunden, ist dann zum AC Siegen gewechselt, hat ihre heutige Trainerin kennengelernt und an internationalen Wettkämpfen teilgenommen.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: 2018 wurde sie dreifache Europameisterin, 2019 Zweite bei den Weltmeisterschaften und erneut Europameisterin. 2020 sollte der in Südafrika nur knapp verpasste Weltmeistertitel folgen, doch dann kam die Pandemie und stoppte alle Wettkämpfe und damit auch erst mal die Titelhoffnungen von Nicole Börsch.

Auch im Lockdown tauschen sich die Sportlerinnen des KSV Langen aus

Aber mit dem Sport aufzuhören kommt für sie nicht infrage: „Ich habe immer Sport gemacht und brauche das Training zum Abschalten.“ Börsch, die als Physiotherapeutin arbeitet, hat sich deshalb ihr eigenes kleines Fitnessstudio zu Hause eingerichtet. Deshalb kann sie trotz des Lockdowns ihren Trainingsrhythmus beibehalten. Allerdings derzeit nur allein oder mit ihrer Lebensgefährtin, die in derselben Gewichtsklasse wie sie antritt. Mit ihrer Trainingsgruppe beim KSV bleibt sie trotzdem in Kontakt: „Wir schicken uns über WhatsApp Videos zu und gucken über die Technik der anderen. Dabei dürfen mich die anderen auch gerne kritisieren. Wir lernen voneinander und technisch kann man sich immer verbessern.“ Auch ein Profil bei Instagram hat sie seit Kurzem, um Frauen zu motivieren, auch im Lockdown Sport zu treiben – jede nach ihrem eigenen Maß.

Nicole Börsch in Wettkampfpose.

Beim KSV gibt es eine sehr gemischte Trainingsgruppe, die sich gegenseitig unterstützt, aber auch fordert. „Die Frauen sind überwiegend zwischen 20 und 40 Jahre alt und es sind viel mehr im Verein als früher. Kraftsport für Frauen ist viel populärer als noch in den 80ern“, freut sich Börsch. Denn Sport im Allgemeinen und somit auch Kraftsport stärke das Selbstbewusstsein, sei gut für den Körper und die Psyche und fördere die Gemeinschaft. „Außerdem bekommen Frauen Anerkennung in der Männerwelt, wenn sie Kraftdreikampf machen. Für Bauch-Beine-Po werden sie eher belächelt.“ Heute kämen auch Jungs zu ihr, um sich Tipps abzuholen. „Das war früher für mich undenkbar, dass Jungs oder Männer zu mir kommen und um Ratschläge bitten.“ Ihre Erfolge kann eben auch die Männerwelt nicht übersehen.

Bis zur nächsten Möglichkeit, einen Titel zu gewinnen, wird es noch dauern. Börsch sagt: „Faire Wettkämpfe kann es eigentlich erst wieder in einem Jahr geben. Denn nicht alle Athletinnen können zu Hause so trainieren wie ich. Die Trainingspausen durch Schließungen der Vereine und Fitnessstudios müssen erst wieder aufgeholt werden. Ich möchte fair gewinnen.“ Aber gewinnen möchte sie unbedingt noch einmal – bei einer Weltmeisterschaft. Bis es so weit ist, arbeitet sie an ihren Schwachpunkten. Um ihr großes Ziel, Weltmeisterin zu werden, zu erreichen. (Von Theresa Ricke)

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