Immer noch besser als gar kein Dach über dem Kopf

Langen - Wer in der Obdachlosenunterkunft der Stadt lebt, hat gerade mal acht Quadratmeter für sich selbst

(ble) Früher durften sie nicht raus, die Insassen des roten Sandsteingebäudes in der Sehretstraße. Damals, als das Haus mit den hohen, dicken Mauern noch ein Jugendknast war. Wer heute im Alten Gefängnis lebt, darf zwar raus. So wie Kurt. Aber oft genug gibt es Tage, da will er gar nicht raus. Und ob Kurt dem Haus jemals Lebwohl sagen wird, steht auch in den Sternen.

Natürlich heißt Kurt in Wirklichkeit nicht Kurt. Aber wer wie er in der städtischen Obdachlosenunterkunft wohnt, will ungern mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen.

13 Jahre sind es mittlerweile, die er in der Notunterkunft lebt, blickt Kurt zurück. Er sitzt auf dem Bett mit dem dunklen Holzrahmen und raucht eine selbst gedrehte Zigarette. Im Hintergrund läuft Musik von Led Zeppelin. 45 war er damals, hatte Job, Wohnung, soziale Kontakte.

„Gearbeitet hab’ ich bei einer Spedition an der Pittlerstraße“, erzählt der freundliche Mann mit den schulterlangen, grauen Haaren. „Irgendwann ist die Firma aus Langen weggezogen und ich verlor meinen Job. Mitgehen konnte ich nicht, ich hatte ja kein Auto.“

Ein wenig naiv sei er damals schon gewesen, fügt er nachdenklich hinzu: „Ich hab’ mich nicht arbeitslos gemeldet, wollte erstmal zwei, drei Monate abwarten.“ Dann ging alles ganz schnell: Kurt konnte die 1000 Mark Miete für seine Wohnung nicht mehr zahlen, der Vermieter ließ zwangsräumen.

„Tja, dann bin ich eben hier gelandet“, sagt er, lächelt traurig und zieht sich die rote Baseballkappe tiefer ins Gesicht. Natürlich kann er sich Besseres vorstellen. Wobei: „So schlecht ist es nicht.“ Auch wenn das Zimmer in dem 1889 eingeweihten Gebäude mit zwei mal vier Metern nicht eben groß ist, es ist seines. An der Wand ist Platz für die Wimpel der Eintracht, daneben hängt ein Poster mit dem Gesicht einer hübschen Frau. Auf einer alten Kommode sind Modell-Autos aufgereiht, daneben stehen die zahlreichen Bücher des Stephen-King-Fans.

Pro Stockwerk gibt es ein Badezimmer und eine Küche, die sich die Bewohner teilen müssen. Das funktioniere wie in anderen Wohngemeinschaften auch, sagt der 58-Jährige: „Natürlich ärgert man sich, wenn einer seinen Putzdienst nicht ableistet oder die Herdplatten dreckig zurücklässt. Aber irgendwie rauft man sich zusammen.“

Dennoch: Früher sei manches besser gewesen, sagt Kurt, und meint damit nicht nur die Zeit, als er noch nicht in der Sehretstraße lebte. „Es gab mehr Gemeinschaft im Haus“, sagt er. Habe einer Probleme gehabt, sei er von den anderen ein wenig gestützt worden. „Und wir haben mehr miteinander unternommen, zusammen Weihnachten gefeiert oder draußen auf der Wiese darüber geredet, wie man hier wieder rauskommt.“ Heute kennt Kurt nicht mal mehr die Namen der Bewohner des oberen Stockwerks – und das, wo derzeit nur zwölf Männer in der auf maximal 25 Personen ausgelegten Unterkunft leben. „Einige von früher haben wieder eine Wohnung und einen Job. Andere sind schon lange tot, liegen auf dem Friedhof.“

Unerfreulich sei es auch, wenn ab und zu Bewohner von der Polizei „nach Hause“ gebracht würden oder der Rettungswagen zu oft vor dem normalerweise stets geschlossenen Metalltor stehe. „Was sollen denn die Leute da denken?“, fragt Kurt und dreht sich noch eine Zigarette. „Wenn einer hier Mist baut, fällt das immer gleich auf alle zurück.“ Das sind dann die Tage, in denen er gar nicht nach draußen will. Dann kann ihn keiner sehen.

Probleme mit den Nachbarn gebe es eigentlich keine. „Einmal hat sogar einer Reste von seiner Grillfeier rübergebracht“, erinnert sich der gebürtige Langener. „Das war klasse. Wir haben alles im Haus aufgeteilt.“

Lob hat er auch für den städtischen Sozialarbeiter Thilo Dechert-Vack übrig, der zweimal pro Woche zu den Bewohnern kommt: „Ein prima Kerl, auch wenn wir uns die ersten Wochen ein paar Mal gestritten haben. Aber das war bisher mit jedem Sozialarbeiter so“, sagt Kurt und lacht. Dechert-Vack hilft den Männern bei Behördengängen und vermittelt Kontakte zu Schuldnerberatern oder zur Agentur für Arbeit. Auch Kurt hat schon oft probiert, einen Job zu bekommen. „Aber mal ehrlich: Ich bin 58. Wer nimmt mich denn jetzt noch? Ich bin doch nicht mehr auf dem neuesten Stand.“

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