Integration löst Terrorproblem nicht

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Interkulturelles Miteinander in Zeiten des Verdachts – wie kann das gehen? Vertreter von Kirche, Stadt, Politik, Moscheeverein und Presse hatten dazu jede Menge zu sagen. Die rund 60 Zuhörer im Saal der Petrusgemeinde, etliche von ihnen mit Migrationshintergrund, steuerten viele Anregungen und kritische Anmerkungen zur angeregten Diskussion bei.

Langen ‐ Wenn Angst vor Terror ein Klima des Misstrauens erzeugt, herrscht Gesprächs- und Handlungsbedarf – nicht nur im durch die Sauerland-Gruppe bundesweit gebrandmarkten Langen. Von Holger Borchard

Einerseits dürfen wir nicht zulassen, dass pauschale Kriminalisierung und Verallgemeinerung über Jahre gelebtes „echtes“ Miteinander der Kulturen kaputt machen. Andererseits muss es möglich sein, öffentlich den Finger in allzu gerne tabuisierte „Wunden“ zu legen, ohne gleich als Rechtspopulist abgestempelt zu werden … Die Pole eines Spannungsfelds, das sich am Dienstag in einer Diskussionsrunde in der Petrusgemeinde vor rund 60 Zuhörern mehr als einmal emotional entlud. Ungeachtet dessen lieferte der Abend bemerkenswerte Denkanstöße.

Interkulturelles Miteinander in Zeiten des Verdachts – zwischen Terrorangst und Integrationswillen: „Wir haben selten vorab so viele Rückmeldungen zu einem Thema bekommen“, leitete Pfarrer Steffen Held, den von ihm und Angela Ruland (Erwachsenenbildung) moderierten Abend ein. Auf dem Podium: Ilona Klemens, Pfarrerin für interreligiösen Dialog im Dekanat Frankfurt, Dietmar Burkhardt, Pfarrer und Journalist, Bernhard Weinmann, Integrationsbeauftragter der Stadt, Hüseyin Özcan (Moscheeverein), Selcuk Dogruer (Landessprecher Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, DITIB), Aleksandar Dumanovic (FDP Langen) sowie Holger Borchard, Redakteur unserer Zeitung.

„Wer viel voneinander weiß, hat weniger Angst"

Von den Anschlägen des 11. September 2001 über die Sauerland-Gruppe und deren Verbindungen nach Langen bis hin zur Rede von Alek sandar Dumanovic, der beim Langener FDP-Dreikönigstreffen den radikalen Islamismus angeprangert hatte („Wir dürfen nicht naiv sein“, LZ 8. Januar), spannte zunächst Angela Ruland den Bogen. Ihr Fazit: „Miteinander der Kulturen und Muslime unter Generalverdacht – das geht nicht.“

Den Ball spielte Ilona Klemens weiter. „Ich erlebe es oft, dass Menschen pauschal erklären: ,Ich habe Angst vor dem Islam‘ und dabei nicht trennen zwischen islamistischem Terror und der Religion an sich, vor der man keine Angst haben muss.“ Mangelndes Wissen übereinander ist für Dietmar Burkhardt eines der größten Probleme. „Wer viel voneinander weiß, hat weniger Angst – Bildung ist ganz wichtig“, betonte der Pfarrer, der deutsche und türkische Journalisten an einem Tisch zusammen bringt.

Hüseyin Özcan stellte zunächst die Integrations-Aktivitäten des Moscheevereins vor, die von Sprachkursen und Beratung aller Art über Jugendarbeit und Kooperationen mit Vereinen und Verbänden bis hin zur Premiere des Fußballspiels „Imame vs. Pfarrer“ in vergangenen Jahr reichen. Daneben konzentrierte sich der Sprecher des Moscheevereins wie das Gros der Zuhörer auf Aleksandar Dumanovic. Die harschen und null Interpretationsspielraum lassenden Aussagen des FDP-Mannes („Langen gilt neben Ulm und Neu-Ulm, wo die Sauerlandgruppe entstand, als eines der wichtigsten Zentren gewaltbereiter Islamisten“) ließen denn auch die Wogen hochschlagen: „Sie waren nie bei uns“, rief Özcan dem Liberalen zu – „Sie waren nicht bei meiner Rede dabei“, konterte jener.

Integration kann nicht einseitig erfolgen

Abgesehen von derartigen emotionalen Ausreißern blieb die Diskussion freilich sachlich, was auch Dumanovic Gelegenheit gab, sich klar zu positionieren. Seit 2007 tauche Langen immer wieder im Zusammenhang mit Terror auf – ein Thema, das junge Leute beschäftige, denn die Terroristen seien junge Leute. „Aber jeder, der kritisch hinterfragt, was in Moscheen passiert, der es wagt, das Wort Parallelgesellschaft auszusprechen oder darauf verweist, dass Deutsch lernen ein Muss ist und dass die so vehement geforderte Religionsfreiheit sich auch mit anderen Grundrechten vereinbaren lassen muss, bekommt sofort eins mit der Keule des Rechtspopulismus übergebraten“, betonte Dumanovic. „Das ist garantiert nicht das, was die meisten hier im Saal hören wollen. Aber so denkt die große Mehrheit, die gar nicht erst kommt.“

Für Ilona Klemens war hier der Punkt erreicht, ein Kernproblem zu skizzieren. „Die Differenzierung kommt zu kurz. Weder die, die pauschal negativ draufhauen, noch die, die Integration zu beschönigend darstellen, tun sich und der öffentlichen Diskussion einen Gefallen.“

Konsens herrschte darüber, „dass Integration etwas anderes ist, als zu unterscheiden zwischen die und wir“ und dass Integration nicht einseitig erfolgen kann. Einig waren sich Podiumsgäste und Publikum auch darin, dass Integration nicht das Problem Terrorismus löst. Das belege nicht zuletzt die Tatsache, dass ein Mitglied der Sauerlandgruppe ein deutscher Konvertit gewesen sei.

Die Reaktionen und Anregungen des Publikums waren vielfältig: Islam-Unterricht an deutschen Schulen; Deutsche, die Islamwissenschaft studieren, aber auch Bürger und Politiker, die sich stärker einbringen, sind gefragt. Der Moscheeverein bekam zu hören: „Sie müssen sich viel deutlicher vom Terrorismus distanzieren und gegen Vorwürfe zur Wehr setzen.“

Einblick in die Gefühlswelt von Deutschen mit ausländischen Wurzeln gab ein türkisch-stämmiger Deutscher, der vor fast 30 Jahren als Neunjähriger nach Langen kam und sich mit den Worten „Ich bin ein Langener Bub“ vorstellte. „Ich habe in beiden Langener Fußballvereinen gekickt, habe mein Abi am Dreieich-Gymnasium gemacht. Ich bin es leid, permanent unter Generalverdacht zu stehen, mich permanent von Terrorismus-Vorwürfen distanzieren zu müssen. Ich bin Teil dieser Gesellschaft und das sollte diese Gesellschaft endlich erkennen.“

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