„Konstellationen“: Quantenphysik auf der Stadthallenbühne

Intensive Beziehungskiste mit grandiosen Darstellern

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Grandioses Duo in einer intensiven „Beziehungskiste“: Suzanne von Borsody und Guntbert Warns.

Langen - Quantenphysik auf der Theaterbühne: Geht man davon aus, dass jede Entscheidung, die wir treffen, einen anderen Ausgang herbeizuführen vermag, verlassen wir das gedankliche Konzept unseres Universums und finden uns in der Theorie der Multiversen wieder.

Der Dramatiker Nick Payne hat diese Viele-Welten-Interpretation herangezogen und mit „Konstellationen“ ein beeindruckendes Kammerspiel geschaffen, das unser Verständnis vom Hier und Jetzt aus der Bahn wirft. Man kann eine Stecknadel fallen hören, so still ist es in der Stadthalle, während mit Suzanne von Borsody und Guntbert Warns zwei herausragende Schauspielpersönlichkeiten den Stoff einer Liebesgeschichte entfalten, wieder zusammenlegen und in neuen Variationen wieder und wieder entfalten. „Was wäre, wenn…“ ist die treibende Kraft hinter den szenischen Auszügen aus dem Leben zweier Menschen: Marianne und Roland begegnen sich bei einem Barbecue und gehen – je nach Konstellation – eine Beziehung miteinander ein. Der Zuschauer ist Zaungast bei den einschneidenden Momenten dieser Partnerschaft vom ersten Date über Trennung und Wiedersehen bis zu einem Ende, das trotz unerschöpflicher Möglichkeiten unausweichlich scheint.

„Stell dir vor, du würfelst 6 000 mal“, versucht sie, die Wissenschaftlerin, ihm zu erklären. Dass die Protagonistin Quantenphysikerin ist, ist ein durchdachter Schachzug des Autors. Denn so wird dem Publikum, das sich nach den ersten Szenen durchaus irritiert zeigen könnte, nahe gebracht, was sich vor seinen Augen abspielt: Die Darsteller kehren nach einer Szene an deren Anfang zurück und nahezu Wort für Wort wird das gleiche Szenario erneut vorgespielt. Bloß eine veränderte Reaktion führt zu einem anderen Verlauf des Gesprächs und damit zum Paralleluniversum mit anderer Zukunft.

Blanke Glühbirnen hängen von der Decke herab, nur eine Handvoll schmuckloser weißer Stühle als Requisiten könnten den Blick von den Darstellern lenken. Jene müssen gerade ob des repetitiven Erzählens zu Höchstform auflaufen, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu halten. Bei von Borsody und Warns besteht jedoch kein Grund zur Sorge, dass es gebetsmühlenartig werden könnte. Beiden gelingt es, über die gesamte Länge des Stücks die Konzentration aufrecht zu halten und bei jeder Wiederholung eine ganz neue, mitunter minimal nuancierte Atmosphäre zu schaffen.

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Nicht alle, aber viele Wege führen Marianne und Roland zu dem Ende, in dem sie ein Paar sind, als sie die Diagnose Hirntumor erhält. Erst zum Schluss versteht man die ganze Tragweite der letzten Szene, die schon zuvor mehrfach im Stück eingespielt wurde, immer leicht verändert, um wichtige Informationen erweitert und in unterschiedlichen emotionalen Konstellationen. Was bleibt: Der Entschluss, sich an eine Sterbeklinik zu wenden.

„Ich finde den Gedanken tröstlich, dass in einem anderen Universum ein anderes Du und ein anderes Ich sein können, die jetzt einfach in den Ferien sind“, sagt Marianne kurz vor dem Ende. Payne gewährt dem Zuschauer allerdings keinen Blick mehr in eine solch erlösende Konstellation. Umso intensiver hallt das unter die Haut gehende Stück nach, das ohne Zweifel von zwei grandiosen Darstellern getragen wurde. (zsi)

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