140 Jahre Verkehrs- und Verschönerungsverein

Feiern mit Glanz und Gloria

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Ein Riesenbembel zieht durch Langen. Das von Johannes Görg entworfene Gefäß mit 2 500 Litern Fassungsvermögen ist Blickfang des Umzugs zur Ebbelwoifest-Premiere am 21. September 1974.

Langen - Zum 140-jährigen Bestehen hat der Verkehrs- und Verschönerungsverein sich und den Langenern ein literarisches Geburtstagsgeschenk gemacht: Das Buch „Von Bänken, Bäumen und Bembeln – 140 Jahre VVV von 1878 bis 2018“ skizziert die untrennbar mit der Stadthistorie verbundene Vereinsgeschichte von der Gründung bis in die Gegenwart. Von Holger Borchard 

Wir bieten Appetithäppchen aus dem höchst lesenswerten 224-Seiten-Werk im Rahmen einer kleinen Serie. Der heutige Teil widmet sich den VVV-Veranstaltungen und Festen.
Das letzte Wochenende im Juni ist fest im Langener Terminkalender verankert. Es ist Ebbelwoifest! Von Freitag bis Montag gehen die Uhren bei den „Nationalfeiertagen“ anders. Die Altstadt wird zur Kulisse für Rummel mit klassischen Fahrgeschäften, Feuerwerk und allerlei Begleitprogramm und nicht zuletzt für zahlreiche Heckenwirtschaften und Ebbelwoi-Kneipen, die dem Ganzen erst das gesellig-urige Flair geben.

Plakat aus den 1950er-Jahren.

Das Ebbelwoifest ist fraglos das schillerndste Ereignis, das der VVV alljährlich veranstaltet – und selbstredend das anstrengendste für den Helferstab. Sieben weitere Veranstaltungen und Begegnungsfeste kommen im Laufe des Jahres hinzu: der Weihnachtsmarkt (seit 1982), das Silvesterblasen (seit 1993), das Mühltalkonzert (seit 1964 am 1. Mai), das Weinfest (seit 2002), die Party „zwische de Joahrn“ (seit 2007), die Aktion Lebendiger Adventskalender (seit 2010) sowie seit diesem Jahr das Neujahrstreffen am Brezelstein hinter dem Freibad. ferner gibt es die Aktionen „Langen blüht auf“ und „Langen räumt auf“, die zwar nicht dem Feiern dienen, dafür dem Vereinsanliegen eines gepflegten und lebenswerten Langen umso mehr Ehre machen.

So umtriebig und präsent im Veranstaltungskalender, wie der Verein sich in der Gegenwart zeigt, so erstaunlich brach lag diesbezüglich das erste halbe Jahrhundert seines Bestehens. Ob im Saal oder draußen: In den ersten 55 Jahren feiert der VVV keine Feste und richtet exakt null Festzüge aus. Gesellige Veranstaltungen sind weder in den Statuten noch in der Geschäftsordnung vorgesehen noch in irgendeiner Form protokolliert.

Selbst, als man etwas zu feiern hätte – etwa anno 1902 – passiert nix. Der VVV ist 25 Jahre alt und hat soeben die seit Mitte der 1880er Jahre virulente Dauerkrise überstanden. Das neue Vorstandstriumvirat, Bürgermeister Johann Peter Metzger sowie die Oberförster Johannes Hillerich und Ernst Klump, bringt den darniederliegenden Verein wieder in die Gänge. Auf die Idee, das ganze Städtchen das Jubiläum mitfeiern zu lassen, kommt keiner, ergo: nix mit akademischer Feier, Weck, Worscht und Woi oder Tschingderassabumm. Auch der Lokalpresse ist der VVV allenfalls eine Kurznotiz wert.

Plakat aus den 1950er-Jahren.

Gut drei Jahrzehnte später, während der Nazizeit und unter dem Vorsitzenden Alfred Oeder, legt der VVV den Grundstein für die Heimatfeste. Zur ersten von ihm geleiteten Vorstandssitzung am 8. April 1936 lässt Oeder protokollieren: „Alljährlich wird ein Heimatfest [...] abgehalten.“ Bei der Premiere vom 18. bis 20. Juli sind 5 000 Menschen dabei. Das Heimatfest 1937 – verknüpft mit dem Jubiläum „60 Jahre VVV“ und deutlich expandiert – wird bereits zum „Fest der Zehntausend“.
Nach Krieg und Neugründung des VVV Ende 1948 erlebt Langen 1949 zunächst die vom VVV mitgetragene Industrie-, Gewerbe- und Kulturschau „Langen stellt aus“. Das erste „neue“ Heimatfest folgt 1950. Bis 1955 wird es fortan jährlich gefeiert, dann alle zwei Jahre bis 1959. In diesem Jahr setzen die Eskalation von Gewalt und der Rückzug des Vorsitzenden Oeder den Festen ein sang- und klangloses Ende. Das Jubiläumsbuch arbeitet die Hintergründe detailliert und lesenswert auf.

Abermals 15 Jahre später bricht die Ära der Ebbelwoifeste an, nennen wir sie ruhig eine goldene, untrennbar verbunden mit dem Namen seines Erfinders, langjährigen Brunnenwirts und Ex-Redakteurs unserer Zeitung, dem verstorbenen Hans Hoffart.

Der 21. September 1974 ist kein Samstag wie andere für die Langener: Der VVV hat ihn als Starttag des ersten Ebbelwoifests festgelegt. Die Bürger sind gespannt, die Erinnerungen an die früheren Heimatfeste leben – mit vier Böllerschüssen wird das Festereignis akustisch angekündigt. Parallel startet am Bahnhof ein Festzug, an dem 30 Langener Vereine und Gruppen mit ungefähr 2 500 Aktiven teilnehmen. Optischer Blickfang ist der Wagen mit dem riesengroßen Ebbelwoibembel, zweieinhalb Meter hoch, mit 2 500 Litern Fassungsvermögen und sechs Zentner schwer. Entworfen hat diesen Johannes Görg, Langener Künstler und VVV-Vorstandsmitglied; entstanden ist der Bembel auf dem städtischen Bauhof. Drei Tage später schwärmt die Lokalpresse: „Ein Volksfest mit Glanz und Gloria“.

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