Erster Schritt zum Wirtschaftszentrum

Vor 50 Jahren wurde mit dem Bau einer Halle der Grundstein fürs Neurott gelegt

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Aufgehübscht: Die mehrere Male umgebaute „Pittlerhalle“ wurde fast genau 40 Jahre von der DFS als Logistik- und Instandhaltungszentrum genutzt.

Etwas versteckt am Waldrand hinter dem Paul-Ehrlich-Institut und unbemerkt von der Öffentlichkeit verschwindet im Gewerbegebiet Neurott derzeit eines der letzten Relikte der Wirtschaftswunder-Zeiten aus dem Langener Stadtgebiet. 

Langen – Viele der älteren Langener werden sich noch gut an den Anblick der „Pittlerhalle“ erinnern. Große Namen und große Planungen rankten sich anfangs um die 1969 errichtete Produktions- und Lagerhalle, die als erstes Gebäude den Grundstein für ein neues, riesiges Gewerbegebiet im Nordwesten von Langen legen sollte.

Doch nicht perfekt: Was unsere Zeitung einst groß ankündigte, zerschlug sich Jahre später wieder.

Gebaut hat das Gebäude die mit dem damaligen AEG-Konzern verbundene Firma Continental Elektroindustrie AG (Conti) für die bereits in Langen ansässige Conti-Werksgruppe Voigt & Haeffner in „moderner Fertigbauweise“. Dort sollten in großem Stil Gießharztransformatoren für die Energieversorgung von Fernmeldeanlagen produziert werden. Zudem wollte Conti ihre bestehenden Produktionsstätten von der Hanauer Landstraße aus Frankfurt am Main ebenfalls ins Langener Neurott verlagern. Auf dem neu entstehenden Conti-Fabrikareal sollten nach den Planungen dann mehr als 2 500 Arbeitsplätze entstehen.

Das Vorhaben löste im Langener Rathaus und in der Kommunalpolitik förmlich Begeisterungsstürme aus. Schnell war ein Vertrag ausgehandelt und eine städtische Fläche von 145 000 Quadratmetern wurde an Conti veräußert. Die Continental Elektroindustrie AG zählte zu dem Zeitpunkt zu den großen und namhaften Unternehmen der deutschen Elektrobranche. Die Stadtväter rund um den damaligen Bürgermeister Hans Kreiling sahen gar eine neue Ära in der Entwicklung Langens eingeläutet. Nicht nur die Steuereinnahmen im Langener Stadtsäckel sollten dadurch fortan sprudeln, sondern das Unternehmen versprach, in großem Stil auch Werkswohnungen in der Stadt zu errichten.

Doch just als die mit Waschbeton-Fassadenteilen verkleidete Halle im Jahre 1971 fertiggestellt war, kam es zu schwerwiegenden Umbrüchen in der bundesdeutschen Elektroindustrie. Der Conti-Konzern wurde teilweise zerschlagen und umstrukturiert; einige Sparten mit der Firma Voigt & Haeffner wurden von der Siemens AG übernommen. Die Siemens-Manager hatten jedoch ganz andere strategische Ziele und die in Langen geplante Elektroanlagenfertigung wurde aus produktions- und betriebstechnischen Gründen nicht weiter verfolgt.

Anfangstage: Die erste Halle im Neurott sollte eigentlich der Produktion von Gießharztransformatoren dienen.

Am 6. Mai 1971 wurde durch eine gemeinsame Presseerklärung vom Magistrat der Stadt Langen und der Firma Siemens die Öffentlichkeit informiert, dass die ambitionierten Planungen zur neuen Gewerbeansiedlung gescheitert seien. Für den Siemens-Konzern spielte der Gewerbestandort Langen keine Rolle mehr und sollte aufgegeben werden. Es wurde vereinbart, den Grundstückskauf mit der Stadt Langen rückgängig zu machen, und man präsentierte für die nun ungenutzte – allein auf weiter Flur stehende – Halle auch sofort eine Folgenutzung: Ein in Langen bereits ansässiges namhaftes Unternehmen beabsichtige, die vorhandene Immobilie zu erwerben. Dabei handelte es sich um das Maschinenbauunternehmen Pittler, das Erweiterungsflächen und Platz für die Schaltschrankmontage und eine Elektrowerkstatt suchte. Doch die hochtrabenden Entwicklungspläne für das Gesamtareal waren erst einmal geplatzt.

Doch auch bei dem Langener Traditionsunternehmen Pittler war zu Beginn der 1970er Jahre vieles im Umbruch und so stand die Halle erst einmal weitestgehend leer. Dennoch wurde das allein stehende Gebäude in der Langener Bevölkerung gerne als „Pittlerhalle“ bezeichnet, und dieser Name ist vielen Menschen in Langen heute noch ein markanter Begriff.

In dieser Zeit, in der sich auch der Flugverkehr kontinuierlich ausweitete, suchte man im damaligen Bonner Verkehrsministerium und bei der für die Abwicklung des Flugverkehrs zuständigen Bundesanstalt für Flugsicherung (BFS) händeringend ein Areal, um die Regionalkontrollstelle vom Frankfurter Flughafen zu verlagern, um diese dann auch mit einem eigenen modernen Ausbildungszentrum zu koppeln. Zunächst fasste man für dieses Vorhaben bei den Verantwortlichen ein Gelände in der Nähe des Egelsbacher Flugplatzes ins Auge. Aber durch passendere Rahmenbedingungen, geschicktes Verhandeln und wahrscheinlich auch etwas Glück setzte sich die Stadt Langen bei der Standortentscheidung durch. Zupass kam der Flugsicherung, dass ebenfalls ein Gebäude für ein Ersatzteillager und Räumlichkeiten für die Instandsetzung eines neuen technischen Systems benötigt wurden.

Am 17. Dezember 1974 schließlich erwarb die Bundesrepublik Deutschland das gesamte städtische Gewerbegrundstück und das Areal mit der „Pittlerhalle“. Die Absicht: Neben den Bauvorhaben für die Flugsicherung sollten dort weitere Bundeseinrichtungen (Paul-Ehrlich-Institut, Institut für Wasser-, Boden- und Lufthygiene, Wetterdienstschule) angesiedelt werden. Nach einigen Umbauten 1977/78 durch das Staatsbauamt Frankfurt nutzte die damalige Bundesanstalt für Flugsicherung (BFS) dann die Halle ab 1979 zur Unterbringung ihres Zentrallagers und für den Betrieb eines Reparaturzentrums.

Ein richtiger Glücksfall für die Stadt Langen, denn historisch gesehen wurde damit der „operationelle“ Grundstein zur Air-Traffic-City Langen (also der heutigen Konzernzentrale der Deutschen Flugsicherung) gelegt. Und auch die Ansiedlung des Paul-Ehrlich-Instituts war ein richtig „großer Wurf“ für die Stadt. Doch bis die Bauarbeiten an den Großbaustellen rund um das Zentrallager und die Zentrale Instandsetzung der BFS richtig in Gang kamen, dauerte es dann doch noch bis Mitte der 1980 Jahre.

Das Gebäude wurde einige Male umgebaut und von der Flugsicherung fast genau 40 Jahre lang, bis zum April 2019, als Logistikzentrum genutzt. Doch aufgrund von erheblichen baulichen Mängeln und veränderten Nutzungsansprüchen hat man bei der DFS nun entschieden, das älteste Gebäude des Langener Wirtschaftszentrums abzureißen und an gleicher Stelle ein neues modernes Funktionsgebäude für die Logistik und Instandsetzung der Flugsicherung zu errichten. Das neue Logistikzentrum soll 2021 fertiggestellt sein und rund 25 Millionen Euro kosten.

Mit dem fast angeschlossenen Abriss verschwindet somit auch einer der letzten baulichen Zeitzeugen aus einer Ära, in der in Langen tausende von Menschen bei namhaften Firmen wie Pittler, Nassovia, Voigt & Haeffner, Riegelhof & Gärtner und Rodehau in der industriellen Produktion beschäftigt waren. Von diesen Firmen ist jedoch kaum mehr als die stadtgeschichtliche Erinnerung und manchmal auch noch ein Straßenname geblieben…
VON KLAUS GÖBEL

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