Wurzeln der Gemeinde liegen sieben Jahrzehnte zurück

„Jeder kannte uns, die Mormonen, die jetzt in Langen wohnen“

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In einem Steinbruch holten sich die Mitglieder der Mormonengemeinde den Rohstoff zum Bau ihrer Siedlung – Frauen wie Männer leisteten Schwerstarbeit.

Langen - Heute vor 70 Jahren fand im Langener Wald die erste Mormonen-Versammlung statt. Sie darf als Geburtsstunde der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in der Stadt gelten. Drei Jahre später wurde in Langen die erste geschlossene Mormonen-Siedlung Europas eingeweiht. Von Herbert Bauch 

„Wir waren die ersten Mormonen in Langen“, schreibt Anna Moderegger in ihren Erinnerungen. Und weiter: „Es wurde die gefährlichste Reise meines Lebens. Es mag denkwürdig erscheinen, aber es bleibt eine Tatsache, dass wenn ich nicht mit dem Kind damals nach Bayern gegangen wäre, dann wären wir nie nach Frankfurt und von da nach Langen gekommen. Es hätte wahrscheinlich nie eine Gemeinde Langen gegeben. Wir waren die ersten Mitglieder aus dem Osten, die nach Westdeutschland kamen.“ Die Aufzeichnungen Modereggers skizzieren exemplarisch den Weg gläubiger Mormonen nach dem Krieg von den Ostgebieten Richtung Westen sowie die Ursprünge der Langener Gemeinde, die bis heute zahlreich und aktiv ist. Aufgebrochen war Anna Moderegger mit ihrem kleinen Sohn im Kriegsherbst 1944 in Ostpreußen, als sowjetische Truppen sich rasch der Memel näherten. Ihr Ehemann Paul Hermann musste zurückbleiben, die „Heimatfront“ verteidigen.

In Bayern findet die Familie nach zahlreichen Wirrnissen im Frühjahr 1945 wieder zusammen. Man beschließt, nach Frankfurt zu gehen, da sich dort bessere Arbeitsmöglichkeiten bieten. In einem Massenlager des Roten Kreuzes erhält die Familie Aufnahme. Sofort sucht sie Kontakt zu Mitgliedern der Kirche. Im Missionsbüro am Schaumainkai werden die Neuankömmlinge herzlich begrüßt und aufgenommen, sind sie doch die ersten Mormonen aus den ehemaligen Ostgebieten.

Auf dem Frankfurter Arbeitsamt erfährt Paul Moderegger, dass im benachbarten Langen ein Gartenbaubetrieb zu pachten sei. Der Besitzer ist verstorben und seine Witwe bereit, ihn an den Ostflüchtling zu verpachten. Der spezialisiert sich aufs Abräumen der Trümmerlandschaften und die Anlage von Parks und Gärten. Arbeitskräfte und Aufträge sind reichlich vorhanden, der Betrieb wächst. Sonntags besuchen Modereggers regelmäßig die Versammlungen der Kirche in Frankfurt.

Das Gemeindehaus der Langener Mormonen in der Birkenstraße 22. 165 Mitglieder zählt die Gemeinde aktuell, 60 Prozent von diesen sind sonntags in der Kirche. Der runde Geburtstag wird mit kleiner Verspätung von exakt einem Monat am 14. Mai gefeiert. -

Das Ehepaar hört von einer Bestimmung, die besagt, dass Flüchtlinge aus dem Osten in die Westzonen ausreisen dürfen, sofern sie Arbeitsplatz und Wohnung nachweisen können. Das Paar beschließt, zu handeln, um Kirchenmitgliedern des ehemaligen Königsberger Distriktes eine legale Ausreise zu ermöglichen. Der Gartenbaubetrieb bietet Arbeitsplätze, für ein Dach überm Kopf sorgen der Offenbacher Flüchtlingskommissar und die Stadt Langen. Im Laufe der Zeit treffen vor allem Familien aus den ehemaligen Gemeinden Tilsit, Königsberg und Danzig ein. Die Modereggers unterstützen die Neuankömmlinge, wo sie können, begleiten sie zur Stadtverwaltung, wo sie Lebensmittelkarten, Quartiere und etwas monetäre Zuwendung erhalten. Die Unterbringung ist schwierig; etliche Kirchenmitglieder finden eine erste Bleibe in den Baracken westlich der Bahnlinie Frankfurt-Darmstadt. Der erste Friedensfrühling ist ausgefüllt mit Arbeit, Verpflichtungen und neuer Hoffnung. Noch gehören die in Langen lebenden Gläubigen zur Frankfurter Gemeinde. Je mehr Mitglieder jedoch aus dem Osten kommen, desto drängender wird der Wunsch zur Gründung einer eigenständigen Gemeinde.

Am 14. April 1946 findet die erste Mormonen-Versammlung im Langener Wald unter Leitung von Glaubensbruder Otto Schulzke, dem letzten Leiter der Tilsiter Gemeinde, statt. Er wird erster Gemeindepräsident in Langen. Seine Einsetzung erfolgt am 21. April 1946 durch Handauflegen des Frankfurter Distriktspräsidenten. Ihm stehen Willy Horn und Werner Tegge als Ratgeber zur Seite. In den Folgewochen entstehen weitere kirchliche Einrichtungen, nur ein überdachter Versammlungsort fehlt. Letztlich gelingt es, einen kleinen Raum im „Frankfurter Hof“ zu mieten, der aber alles andere als ideal für innere Einkehr ist.

Die Stadtverwaltung ist der Glaubensgemeinschaft gegenüber wohlwollend. So überlässt sie ihr etwa das Freibad zur Taufe von sechs Kindern. Das Verhältnis zwischen Kirche und Kommune intensiviert sich noch, als Wilhelm Umbach Bürgermeister wird. Die Mormonen präsentieren sich den Alteingesessenen im Dezember 1947 mit einem Heimatabend. „Jeder in der Stadt kannte uns, die Mormonen, die jetzt in Langen wohnen“, notiert Anna Moderegger dazu.

Das größte Problem aber harrt noch der Lösung: Wohnraumbeschaffung. So beschließt man im September 1948 den Bau einer Siedlung; ein Bauausschuss mit Fritz Bollbach, Otto Schulzke und Erich Becker wird von den Kirchenmitgliedern anerkannt. Jetzt geht es daran, die nötigen Finanzmittel zu beschaffen, geeignetes Baugelände zu finden. Kirche, Staat und Stadt ziehen an einem Strang. Gebaut wird auf Freiflächen in der Birken- und Bürgerstraße. Der Bau ist schwierig, Maschinen sind rar, vieles wird in langwieriger Handarbeit erledigt. In den Reihen der Gemeindemitglieder finden sich zahlreiche Handwerker, die das Projekt tragen, auch die Frauen leisten Schwerstarbeit. Leiter und Motor der Baugruppe ist der gelernte Zimmermann Bollbach. Er stellt den einheimischen Fritz Bach an, um die Bauausführung zu überwachen.

Welche Bedeutung man dem Projekt innerhalb der Kirche beimisst, zeigt die Tatsache, dass im Juni 1949 hohe europäische Vertreter der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage die Baustelle besuchen. Schließlich entsteht in Langen die erste geschlossene Mormonen-Siedlung in Europa.

Am 13. August ist es soweit : das erste Doppelhaus ist fertiggestellt. Rasch folgen weitere Häuser, sodass am 25. November 1949 die komplette Siedlung Richtfest feiern kann. Fast 350 Personen sind dabei. Neben dem Präsidenten der westdeutschen Mission nehmen ranghohe Vertreter staatlicher Stellen, Architekt Stefan Blattner aus Frankfurt und weitere Persönlichkeiten teil. Aus allen Reden spricht der Stolz auf das Erreichte, schließlich sind binnen kürzester Zeit 21 Wohnungen und eine Werkstatt entstanden. Bürgermeister Umbach lobt Fleiß und Disziplin „seiner“ Mormonen. Zudem betont er das „gute Einvernehmen zwischen Neu- und Altbürgern“, wie seinerzeit der Chronist einer Tageszeitung festhält.

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