„Jugend wird ernst genommen“

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Praktikantin Leonie Zincke (17) hat Bürgermeister Frieder Gebhardt einmal auf den Zahn gefühlt.

Langen ‐ Freizeitangebote, Klimaschutz, Gewalt, aber auch hohe Fahrpreise von Bussen und Bahnen – das sind Themen, die Jugendliche beschäftigen. Unsere Praktikantin Leonie Zincke (17) hat Bürgermeister Frieder Gebhardt einmal auf den Zahn gefühlt, welche Lösungsvorschläge die Kommunalpolitik zu bieten hat.

Wir Jugendlichen wissen oft nicht, was wir an den Wochenenden abends unternehmen sollen, denn aus unserer Sicht bietet Langen für Jugendliche im Alter von 15 bis 18 Jahren nicht genügend Möglichkeiten. Gibt es in diesem Bereich Planungen/Ideen für die Zukunft?

Ich weiß, dass in Langen gerade kommerzielle Angebote für Jugendliche gefragt sind, auf deren Ansiedlung wir wenig Einfluss haben. Unsere kommunalen Angebote können sich aber durchaus sehen lassen. Freitagabends wird im Sportzentrum Nord Mitternachtssport angeboten. Es gibt ein riesengroßes Angebot der Vereine für Jugendliche – von Billard bis Tauchen. Ausflugsfahrten sowie Veranstaltungen am Wochenende und in den Ferien gehören ebenfalls zum Angebot der Vereinsjugendarbeit.

Gerade für die Altersgruppe der 15- bis 18-Jährigen bietet unser Jugendzentrum am Wochenende Rockpartys und Discos. Eure Ideen und Vorstellungen sind dort gefragt, wenn es um weitere oder andere Angebote geht. Unsere Koordinationsstelle Jugendarbeit in der Bahnstraße ist ebenfalls sehr interessiert, Eure Anregungen und Wünsche kennenzulernen.

Ein großes Thema sind die Fortbewegungsmöglichkeiten der unter 18-Jährigen. Zusätzlich werden die Bahn- und Buspreise immer teurer. Sehen Sie Chancen, für Jugendliche Erleichterungen oder Vergünstigungen zu schaffen, um von A nach B zu kommen?

Auf kommunaler Ebene haben wir in dieser Frage wenig Einflussmöglichkeit. Unsere Stadtwerke sind in die Tarifstruktur des RMV eingebunden. Selbst die Planung der Buslinienführung ist einer Vielzahl von Sachzwängen unterworfen. In den Gremien der Kreisverkehrsgesellschaft ist der Schülerverkehr immer wieder Thema. Ich sehe allerdings keine Möglichkeit, dort auf über das übliche Maß hinausgehende Vergünstigungen hinzuwirken.

Wenn Jugendliche Ideen, Anregungen oder Vorschläge entwickeln, haben diese eine realistische Chance, umgesetzt zu werden?

Verbesserungs- und Änderungsvorschläge von Jugendlichen werden ernst genommen und haben auch eine realistische Chance, umgesetzt werden. Wir wünschen uns Jugendliche, die ihre Ideen einbringen und helfen, das Angebot zu verbessern. Wichtig dabei ist, sich nicht gleich frustriert abzuwenden, wenn etwas nicht sofort umgesetzt werden kann.

Wenn die Stadt ein Spielgerät aufstellt, unterliegt sie z.B. viel strengeren gesetzlichen Vorgaben als eine Privatperson, die das in ihrem Garten macht. Dadurch werden Dinge teurer und komplizierter, als sie dem ersten Anschein nach aussehen. Manche Projekte können nicht gleich von heute auf morgen umgesetzt werden, sondern brauchen langen Atem und langes Engagement. Da kann es durchaus passieren, dass die Früchte aller Bemühungen erst von der nachfolgenden Generation geerntet werden. Deshalb ist es besonders wichtig, dass in jeder Generation Jugendliche aktiv sind, sich für Verbesserungen stark machen und bei der Umsetzung mithelfen. Was kurzfristig möglich ist, wird so rasch wie möglich umgesetzt.

Immer wieder kommt es zu Gewalt unter Jugendlichen. Besonders Mädchen fühlen sich abends auf den Straßen nicht sicher genug. Was kann dagegen getan werden?

Diese Frage beschäftigt mich sehr. Gewalt unter Jugendlichen gab es auch zu meiner Zeit schon. Allerdings selten mit der Respekt- und Rücksichtslosigkeit, die manchmal heute zu beobachten ist. Jeder Vorfall, jede Belästigung, jede bedrohliche Situation sollte auf jeden Fall angezeigt und gemeldet werden. Nur so können Schutzmaßnahmen in die Wege geleitet werden. Kontrollen werden dann häufiger an bestimmten Orten veranlasst, mögliche Täter können identifiziert werden. Citystreife und Freiwilliger Polizeidienst sind entsprechend sensibilisiert. Ich würde gern einmal mit Jugendlichen gemeinsam beraten, wie man solchen Gewalttätigkeiten präventiv begegnen kann.

Das Thema Klimaschutz spielt zurzeit eine große Rolle. Besonders für Kinder und Jugendliche, die davon noch länger betroffen sind. Welche Maßnahmen könnte man in unserer Stadt umsetzen?

Das Thema Klimaschutz ist spätestens durch die Berichte des Club of Rome bereits in den 70er Jahren erschreckend deutlich in die Öffentlichkeit getragen worden. Wie in anderen Bereichen ist es auch hier: Mensch reagiert erst, wenn er/sie selbst betroffen oder eine Bedrohung nicht mehr abzuwenden ist. Da müssen vermutlich noch viele von uns umdenken.

Deswegen gehören Information und Aufklärung zu den wichtigsten Aufgaben unseres Umweltreferates. Ziel ist es, die Belastung unserer Umwelt so weit wie möglich zu reduzieren. Dies hat bei uns in Langen in den vergangenen Jahren bereits zu einer Reihe von Maßnahmen geführt. Aktuelle Beispiele sind die energetische Sanierung städtischer Einrichtungen, die Umrüstung der Straßenbeleuchtung und Verkehrsampeln auf energiesparende Systeme, aber auch der Ausbau unseres Radwegenetzes oder die seit Jahren praktizierte Umwelterziehung in den Kindertagesstätten. Das 2009 gegründete Energienetzwerk Langen soll Hausbesitzern die Möglichkeit der energetischen Sanierung von Gebäuden aufzeigen. Im November 2009 ist Langen dem Programm „100 klimaaktive Kommunen für Hessen“ beigetreten. Ferner soll in diesem Jahr von Fachleuten ein an der aktuellen Diskussion ausgerichtetes Klimaschutzkonzept für Langen entwickelt werden. Dazu gehört eine gründliche Bestandsaufnahme. Unter Einbeziehung aller Langener, ob jung oder alt, Geschäftsmann oder Schülerin, soll ein Maßnahmenkatalog erarbeitet werden, um gemeinsam Missständen zu begegnen. Die Auftaktveranstaltung der Klimakampagne ist öffentlich. Über viele junge Teilnehmer würde ich mich persönlich besonders freuen.

Kann man Sport auch außerhalb von Vereinen ermöglichen, zum Beispiel mit Fußballtoren, die man auf geeigneten Wiesen aufstellt?

Die Stadt Langen hat schon einiges getan, um sportliche Betätigung auch außerhalb der Sportvereine zu ermöglichen. Es gibt Bolzplätze in Oberlinden, auf dem Steinberg, im Mühltal und am Alpha-Hochhaus. Dort gibt es sogar ein Beachvolleyballfeld. Auf einigen Spielplätzen sind Basketballkörbe angebracht. Am Jugendzentrum gibt es ein Basketballfeld und eine Kletterwand. Auf der Kinder- und Jugendfarm stehen ebenfalls Fußballtore.

Bei der Einrichtung solcher Angebote müssen wir Nachbarschaftskonflikten vorbeugen und Sicherheitsvorschriften beachten. Deswegen lassen sie sich nicht beliebig im Stadtgebiet verteilen. Sportliches Engagement im Verein hat neben der Bereitstellung der Ausstattung und einem sportlichen Freundeskreis übrigens auch den großen Vorteil der Unfallversicherung.

Die meisten Jugendlichen haben kaum Bezug zur Politik, denn sie haben das Gefühl, dass Entscheidungen über ihren Kopf hinweg getroffen werden. Wie könnte man ihr Interesse an Politik wecken?

Voraussetzung dafür ist ein Interesse am Gemeinwesen und den Bedürfnissen unserer Gesellschaft. Wer sich dafür interessiert, wird auch merken, dass sich durchaus etwas verändern lässt und es Möglichkeiten der Mitgestaltung gibt. Jugendliche und Jugendbewegungen haben in allen Zeiten die Gesellschaft verändert. Bei Politik geht es immer auch um das Abwägen unterschiedlicher Interessen. Heraus kommt dann meistens ein Kompromiss. Wer unter Politik die Erfüllung von Einzelinteressen versteht, wird immer unzufrieden sein. Politisch Verantwortliche müssen aber auch bereit sein, die Jugend mit ihren Ideen und Wünschen ernst zu nehmen.

Jugendliche wissen oft nicht, dass ihre Hilfe wichtig sein kann. Welche Möglichkeiten sehen Sie, Jugendliche zu mehr ehrenamtlichem Engagement zu bewegen?

Es stimmt, dass viele Jugendliche nicht wissen, wie wichtig ihre Hilfe ist. Viele Projekte in der Jugendarbeit könnten einfacher, schneller und kostengünstiger realisiert werden, wenn sich mehr Jugendliche ehrenamtlich engagieren. Das würde dann wieder Zeit und Geld für andere Aufgaben freigeben.

Viele Jugendliche sind bereit, sich für etwas zu engagieren, von dem sie selbst profitieren. Nicht an allen Stellen ist es möglich, solche Mitwirkungsmöglichkeiten zu schaffen. Bei rechtlichen oder bautechnischen Fragen beispielsweise sind Fachleute gefragt. Doch die könnten sich einer Sache vielleicht eher er widmen, wenn an anderer Stelle Entlastung da wäre.

Positives Beispiel fürs ehrenamtliche Engagement von Jugendlichen ist die Mithilfe beim Sauberhalten von Spiel- und Freizeitflächen. So gesparte Mittel konnten schon direkt in neue Spielgeräte investiert werden. Ein weiteres Beispiel ist die Mitwirkung bei Spielangeboten für Kleinere, wie beim Spielmobil. Es ermöglicht den Fachkräften in der Jugendarbeit, sich stärker anderen Projekten zu widmen. Diese indirekte Mithilfe, die nicht gleich dem eigenen Anliegen zugutekommt, ist leider oft schwer zu vermitteln.

Was wir jedoch denen bieten, die sich bei uns ehrenamtlich engagieren, ist mehr als man auf den ersten Blick sieht. Es entsteht jedes Jahr ein Team junger Leute, das Spaß hat beim Planen und Umsetzen von Ideen. Es gibt Qualifizierungsangebote für Helfer in der Jugendarbeit, die ihnen auch über ihre Tätigkeit hinaus von Nutzen sind, sei es beim Studium oder bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

Welche Vision haben Sie von der Stadt im Jahr 2014, wenn Ihre jetzige Amtszeit endet?

Das Alltagsgeschäft lässt mir – ehrlich gestanden – wenig Zeit für Visionen. Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise und massiven Einnahmeverlusten sind die Gestaltungsspielräume stark eingeschränkt. Trotzdem werde ich alles daran setzen, Langen als lebens- und liebenswerte Stadt weiterzuentwickeln. Die Neugestaltung der oberen Bahnstraße und damit die Sicherstellung der innerstädtischen Nahversorgung sehe ich nach wie vor als große Herausforderung. Die Auswirkungen des demografischen Wandels werden vermutlich zum Dauerbrenner bei der Planung und Ausgestaltung unserer sozialen Infrastruktur. Das erwähnte Klimaschutzkonzept muss Eingang in unseren Alltag finden und einen ernsthaften Beitrag des lokalen Handelns liefern. Die Neukonzeption der Jugendarbeit soll vorhandene Strukturen hinterfragen und den veränderten Bedürfnissen unserer Jugendlichen anpassen. Bei alledem habe ich großes Interesse zu erfahren, mit welchen Vorstellungen Jugendliche solche Entwicklungen begleiten.

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