Opfern eine Stimme geben

Junge Autorin aus Langen: 15-jährige Jana Chen macht auf Gewalt an Kindern aufmerksam

Schreibt bereits seit ihrem siebten Lebensjahr: Jana Chen aus Langen.
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Schreibt bereits seit ihrem siebten Lebensjahr: Jana Chen aus Langen.

„Ich spürte den festen Druck seiner kühlen Hand an meinem linken Handgelenk. Es war schon dunkel-lila, etwa wie eine Weintraube…“ So beginnt die Kurzgeschichte aus der Feder von Jana Chen.

Langen – Die 15 Jahre alte Albert-Einstein-Schülerin hat den Text aus Sicht eines jugendlichen Gewaltopfers geschrieben. Die Protagonistin ist ein junges Mädchen, das von ihrem Vater schwer misshandelt wird und keine Unterstützung von der eigenen Mutter erfährt. Eine Geschichte, die den seelischen Schmerz der Opfer transportiert und die Tatsache aufzeigt, dass die Gesellschaft die Scham und die Angst der betroffenen Kinder oftmals nicht wahrnimmt.

Die Kurzgeschichte hat Jana Chen jetzt in einer DIN-A5-Klappkarte veröffentlicht. Mit den Worten „Lieber Papa…“ in ihrer Handschrift auf dem Cover finden die Leser auf der Innenseite neben der Kurzprosa Zahlen zur häuslichen Gewalt an Kindern aus dem Jahr 2019: 3 430 Kinder waren in Deutschland von Gewalt betroffen. 1737 von ihnen waren noch nicht einmal sechs Jahre alt – und das sind nur die Daten, die aktenkundig wurden. Die Dunkelziffer ist sicher um ein Vielfaches höher. Jana verweist in der Karte auf die „Nummer gegen Kummer“, z 116 117, unter der sich betroffene Kinder melden können, um Hilfe zu erfahren.

„Ich schreibe schon seit meinem siebten Lebensjahr Geschichten. Mit diesem speziellen Text möchte ich dazu beitragen, dass die Opfer von Gewalt gesehen und gehört werden. Ich will Kinder ermutigen, um Hilfe zu bitten, und ich möchte die Menschen darum bitten, nicht wegzusehen, wenn ihnen Gewalt an Kindern auffällt“, erläutert die Langenerin. Die Idee, die Geschichte zu einer solchen Karte zu verarbeiten und zu veröffentlichen, sei ihr in der Schule gekommen. „Sobald ich zu Hause war, habe ich angefangen, die Karte zu basteln“, berichtet Jana. 20 Exemplare sind so entstanden, 50 weitere hat sie mithilfe ihrer Mutter professionell drucken lassen.

„Ich war natürlich zunächst etwas nachdenklich, warum unsere Tochter solch düstere Geschichten schreibt. Denn eigentlich sind wir ganz lustig“, betont Mutter Birgit Heidemann-Chen lachend. Doch Jana habe von ihrer Familie schon immer die Möglichkeit bekommen, sich frei zu entfalten. „Sie hatte auch seit frühster Kindheit schon immer das Bedürfnis, Schwächeren zu helfen.“

Mit neun Jahren hat Jana zweimal eine Tombola zugunsten von Unicef organisiert und mit eigenen und gespendeten Spielsachen 800 Euro für Schulsachen für arme Kinder erwirtschaftet. Ihre Mutter hat sie auch schon ein paar Mal nach Frankfurt gefahren und dort gemeinsam mit ihr Brötchen und Seife an Obdachlose verteilt. Heute ist die Schülerin des gymnasialen Zweigs als Schulsanitäterin an der Langener Gesamtschule oftmals Ersthelferin bei kleinen Blessuren auf dem Schulhof.

Die Kurzgeschichte „Lieber Papa…“ ist nicht ihr einziges Werk. Ein erstes Buchmanuskript sei schon fertig, ein zweites in Arbeit. „Schreiben entspannt mich. Ich liebe es, meine Fantasie und meine Gedanken in Worte zu fassen“, erzählt Jana. In der Schule erfährt sie Unterstützung, ihre Mathe-Lehrerin korrigierte sogar ihre Manuskripte. Und in ihr stecken noch viele Ideen für Geschichten, die sich zu Hilfe-Karten verarbeiten lassen. Ihre Stichwortsammlung beinhaltet Themen wie Suizid, Mobbing, Trauer, psychische Krankheiten oder Sucht.

Janas Fokus liegt jetzt aber zunächst auf dem Projekt zur Gewalt an Kindern. Zu der Kurzgeschichte hat sie gemeinsam mit Freunden ein Video gedreht, dass auf ihrem Instagram-Account @jvna.ch veröffentlicht ist. „Eine junge Frau hat mich angeschrieben, wie sehr sie mein Text berührt. Sie habe selbst Gewalt in ihrer Kindheit erfahren. Da musste ich dann schon mal schlucken“, erzählt die Zehntklässlerin.

Wer die Karten einmal selbst anschauen und die ganze Geschichte lesen will, hat in der Buchhandlung Litera (Bahnstraße 32) oder im Lernzentrum Langen (Bahnstraße 86) Gelegenheit dazu. Dort liegen die Karten aus. Gegen eine kleine Spende, werden sie auch verkauft – das Geld wird zur Hälfte für die Druckkosten genutzt, die andere Hälfte kommt dem Kinderschutzbund Westkreis Offenbach zugute. (Von Nicole Jost)

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