„Keiner verlässt gerne die Heimat“

Junge Flüchtlinge erzählen Konfirmanden von Fluchtursachen

Langen - „Hattet ihr nicht furchtbare Angst?“ So lautet die erste Frage, die nach einer Phase des Zögerns eine Konfirmandin der Stadtkirchengemeinde stellt. Von Daniel Untch 

Gruppenbild mit Konfirmanden und Flüchtlingen: Maharena (rechts), Lorin (Zweite von links) und Teshome (dahinter) berichteten im Konfiunterricht über ihre Heimat, ihre Flucht, ihre Sorgen und Wünsche. Martina Hoffmann-Becker (rechts) und Pfarrerin Erdmuthe Jähnig-Diel (links) moderierten.  

Zu Gast im Konfiunterricht sind Maharena und Teshome, die aus Eritrea geflüchtet sind, sowie Lorin, die mit ihrer Familie aus Syrien fliehen musste. Sie erzählen den 13 Jugendlichen aus Langen von ihrem Schicksal, davon, wie es ihnen aktuell geht, und was sie sich für die Zukunft wünschen. „Uns war es wichtig, den Konfis einen Einblick in einzelne Schicksale der Flüchtlinge zu geben“, erklärt Martina Hoffmann-Becker, die in Langen in der Flüchtlingshilfe aktiv ist. Sie berichtet den Jugendlichen auch vom guten Miteinander, das in Langen herrscht: „Die Stadt, die Kirchen und viele Leute im Ehrenamt sorgen dafür, dass mit der Situation gut umgegangen wird.“ Teil der vielfältigen Flüchtlingsarbeit ist auch das Café Welcome, eine Kooperation von evangelischer und katholischer Kirche. Dort hat Hoffmann-Becker auch Lorin und ihre Familie kennengelernt. „Wir sind über die Türkei geflüchtet und seit acht Monaten in Deutschland“, berichtet das junge Mädchen von dem, was ihre Familie in den vergangenen Monaten durchgemacht hat. Ihre Familie, das sind Lorin, ihre Mutter und ihre Schwester. Sie hat außerdem zwei Brüder, der eine lebt seit einigen Jahren im Libanon und arbeitet dort als Journalist, der andere ist bereits seit drei Jahren in Deutschland. Ihr Vater starb bereits vor dem Krieg an einem Herzinfarkt. Eines stellt Lorin klar: „Wer es nicht selbst erlebt hat, der weiß nicht, was Krieg ist.“ Und auch, dass niemand gerne seine Heimat verlässt, ist ein Punkt, den sie besonders hervorhebt.

Am Anfang ihrer Zeit in Deutschland musste ihr Bruder noch für die Familie übersetzen. Lorin hat einen Dolmetscher mittlerweile aber nicht mehr nötig. Ihr Deutsch, das sie in den vergangenen acht Monaten gelernt hat, ist fast perfekt. „Ich habe Glück, denn ich bin erst 17 und darf in die Schule gehen“, erzählt sie. Weniger gut geht es ihrer Schwester. Sie ist bereits volljährig, darf nicht zur Schule und wartet seit Monaten auf einen Platz in einem Sprachkurs.

Auch von ihrer Zukunft hat Lorin eine klare Vorstellung: „Ich möchte Medizin studieren und Ärztin werden.“ Sie ist auf dem besten Weg dorthin, auch wenn sie gerade erst an ihrem Hauptschulabschluss arbeitet. So hat sie bereits ein Praktikum in einem Altenheim absolviert; und dass es Lorin nicht am nötigen Willen mangelt, das glaubt wahrscheinlich jeder, der sie kennenlernt.

Bilder: So helfen Sie Flüchtlingen in der Region

Auch Maharena und Teshome schildern die Gründe ihrer Flucht aus Eritrea. Maharena spricht gut Englisch und Italienisch, auf Deutsch traut er sich vor der großen Gruppe noch nicht so viel, daher übersetzt Teshome: „In Eritrea kann man nicht sagen, was man denkt, es gibt keine Meinungsfreiheit.“ Bei unpassenden Meinungen drohe Gefängnis. Zudem sei der lange Militärdienst, den viele junge Menschen leisten müssen, ein großes Problem. Denn durch den ständig schwelenden Konflikt mit dem Nachbarland Äthiopien sieht sich die Regierung Eritreas gezwungen, eine große Armee vorzuhalten. „Wer einmal Soldat ist, der kommt da nicht mehr raus“, erklären die beiden.

Die Erzählungen lösen unter den Konfis immer wieder ungläubiges Flüstern aus. Zunächst trauen sie sich gar nicht so recht, zu fragen. Doch die drei Gäste sind ebenfalls neugierig und fordern sie dazu auf. Dann meldet sich schließlich ein Mädchen und fragt nach, ob sie denn nicht unglaubliche Angst gehabt hätten. Teshome antwortet: „Natürlich, doch was hätten wir anderes tun sollen?“

Hier in Deutschland teilen die drei ähnliche Sorgen und Probleme. Die Suche nach einer geeigneten Wohnung, nach einem Job oder die Möglichkeiten einer Ausbildung. Die beiden jungen Männer interessieren sich für Autos und würden gerne in einer Werkstatt arbeiten. Da erwachen einige Konfis und schlagen verschiedene Werkstätten in Langen und Egelsbach vor, die sie kennen und bei denen sich eine Bewerbung lohnen könnte. So kommen sich die Langener Jugendlichen und die drei Flüchtlinge Stück für Stück näher und damit ist das Hauptanliegen dieses Besuchs bereits erfüllt.

Rubriklistenbild: © Untch

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion