Gezielte Tritte gegen den Kopf

Egelsbacher ins Koma geprügelt: Erster Verdächtiger vor Gericht

Langen/Egelsbach - Wochenlang lag ein 34-jähriger Egelsbacher im Koma, nachdem er vergangenen Sommer nach einer 90er-Jahre-Party in der Stadthalle Langen von einer siebenköpfigen Gruppe brutal zusammengeschlagen worden war. Von Sina Beck 

Wie knapp er dabei mit dem Leben davon kam, wird nun deutlich, da der Fall vor dem Jugendschöffengericht in Darmstadt zur Verhandlung kommt. In Handschellen wird ein 20-Jähriger in den Sitzungssaal geführt; ihm wird vorgeworfen, am 15. Juni 2017 an dem Übergriff in der Zimmerstraße beteiligt gewesen zu sein, bei dem der Egelsbacher fast sein Leben verlor. Seit neun Monaten sitzt der Angeklagte in der Justizvollzugsanstalt Wiesbaden ein, weil er dem Opfer in der Tatnacht gegen den Kopf getreten und ihn so zu Fall gebracht haben soll. Laut Anklageschrift habe er dann zusammen mit den anderen Beteiligten seiner Gruppe – die Staatsanwaltschaft geht noch gesondert gegen sechs weitere Personen vor – auf den Bewusstlosen eingetreten und erst von ihm abgelassen, als eine Zeugin die Polizei gerufen hatte.

Einsichtig und reuig zeigt sich der 20-Jährige, der einräumt, vor seiner Inhaftierung auf der schiefen Bahn und ohne festen Wohnsitz gewesen zu sein sowie täglich gekifft zu haben. Inzwischen habe er sich mit seinen Eltern ausgesöhnt und mit seinen Problemen auseinandergesetzt. Die Tat räumt er weitestgehend ein, wenngleich er nicht mitbekommen habe, was den Streit zwischen den beiden Gruppen – der Geschädigte war mit zwei Frauen und einem Mann unterwegs gewesen – ausgelöst hatte. Er sei zu diesem Zeitpunkt noch in der nahe gelegenen Sparkasse gewesen und habe beim Verlassen die Menschenansammlung vorgefunden.

Der Angeklagte gibt zu, dem Egelsbacher gegen den Kopf getreten zu haben, was die falsche Entscheidung gewesen sei, wie er heute wisse. Als der Geschädigte auf dem Boden lag, habe er jedoch nicht weiter auf ihn eingetreten, beteuert er. Sein Versuch, sich während der Verhandlung bei dem Opfer zu entschuldigen, blockt dieses jedoch ab. Zu schwerwiegend waren die Schäden, die der 34-Jährige erlitten hat. Der selbstständige Hausmeister weiß nur noch, wie er mit seinen Begleitern die Party in der Stadthalle verlassen hat, zu dem Vorfall selbst fehlt ihm jegliche Erinnerung. Die Beeinträchtigungen, die zurückgeblieben sind, spürt er dafür jeden Tag.

Alleine vier Wochen lag er im Koma, konnte weder richtig schlucken noch atmen, beide Frontallappen im Gehirn waren massiv beschädigt, von der Hüfte abwärts war er bewegungsunfähig. Mühsam habe er sich während der Reha-Maßnahmen vom Rollstuhl an den Rollator gekämpft und so gelernt, wieder zu laufen, schildert der Geschädigte eindrücklich. Heute befinde er sich etwa bei 50 Prozent seiner vorherigen Körperleistung, könne nur eingeschränkt seiner Arbeit wieder nachgehen, nehme Medikamente gegen die aus dem erlittenen Schädel-Hirn-Trauma resultierende Epilepsie und Psychopharmaka gegen Angstzustände. Neben den physischen und seelischen Folgen hat das Opfer bis heute auch erhebliche finanzielle Einbußen zu verzeichnen.

Dass der Mann überhaupt noch am Leben ist, ist vermutlich nur der schnell erfolgten medizinischen Versorgung zu verdanken. Die Zeugin, die Rettungswagen und Polizei verständigt hatte, ist selbst Zahnarzthelferin und musste den stark am Kopf blutenden Egelsbacher vor Ort reanimieren. Die 26-Jährige war gemeinsam mit dem Opfer auf der Party gewesen und schildert, dass sie und ihre Begleiter von der siebenköpfigen Gruppe angepöbelt worden seien. Der Geschädigte habe versucht, verbal deeskalierend auf die jungen Männer einzuwirken, dann sei alles ganz schnell gegangen. Die Zeugin ist sich aber sicher, dass alle Angreifer auf den Egelsbacher eingetreten haben, als dieser am Boden lag. Zudem seien die Tritte gezielt gegen den Kopf des 34-Jährigen erfolgt.

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Welche Rolle der Angeklagte konkret gespielt hat, weiß aus der Gruppe um den Geschädigten heute niemand mehr. Ihre Angaben stimmen aber im Tatablauf überein, bei dem der männliche Zeuge von zwei Männern festgehalten wurde, sodass er dem Opfer nicht zur Hilfe eilen konnte. Als Polizeisirenen zu hören waren, seien die Angreifer schnell getürmt.

Lautete der Vorwurf bislang nur auf gefährliche Körperverletzung, so sieht die Staatsanwaltschaft nach den Schilderungen der gravierenden Folgen für das Opfer diesen Tatbestand als erfüllt an. Darüber hinaus hätten die Zeugenaussagen aber gezeigt, dass es sich um ein versuchtes Tötungsdelikt handele, so der Staatsanwalt. Damit würde die Strafsache nicht in die Zuständigkeit des Jugendschöffengerichts, sondern des Landgerichts fallen. Über den entsprechenden Antrag wird erst in ein paar Tagen entschieden, dann wird klar, wie das Verfahren weitergeht.

Rubriklistenbild: © Symbolfoto: dpa

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