Medizinstudenten üben bei Workshops chirurgische Techniken

Keine Angst vor dem Skalpell

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Der Patient unter den grünen OP-Tüchern ist ein totes Schwein – zuvor haben viele Medizinstudenten nur am Plastikmodell geübt. Im kleinen Bild führt der Langener Chefarzt Ernst Hanisch das Gerät vor, an dem die Teilnehmer trainieren können, mit Greifarmen zu nähen und zu knoten.

Langen - Die Chirurgie gilt als hartes Pflaster: Im OP herrscht Dauerstress und jeder Handgriff am Patienten muss sitzen. Mit dem Workshop „Nur Mut – Chirurgie zum Mitmachen“ will die Branche dem Medizinernachwuchs Ängste nehmen und für den Beruf begeistern. Von Manuel Schubert 

In der Langener Stadthalle durften die Teilnehmer probeweise das Skalpell in die Hand nehmen. Ein kurzer Ruck und die Schere ist bis zum Anschlag unter der Haut verschwunden. Patrick Spiegler zuckt zusammen. Genau das sollte nicht passieren. Zwei Minuten vorher war er noch gewarnt worden: Die Schere abstützen und nicht frei Hand in den Brustkorb rammen, hatte es geheißen – sonst landet sie irgendwo. Genau so ist es nun gekommen. Aber großen Schaden kann Spiegler zum Glück nicht anrichten – der Patient, der abgedeckt mit grünen OP-Tüchern vor ihm auf dem Tisch liegt, ist ein totes Schwein.

Fehler sind erlaubt beim Workshop „Nur Mut – Chirurgie zum Mitmachen“, der rund 35 Nachwuchsmedizinern im Kellergeschoss der Stadthalle einen praxisnahen Eindruck von der Arbeit mit Skalpell, Schere und Co. vermittelt. Schließlich erfordern Eingriffe wie die Thoraxdrainage, an der sich Spiegler versucht, viel Konzentration und noch mehr Übung. In acht Semestern Medizinstudium hat der 21-Jährige aus Mannheim bisher erst einmal einen solchen Zugang gelegt, der im Fall eines Lungenkollapses dafür sorgen soll, dass Flüssigkeit aus dem Brustkorb ablaufen kann. Allerdings nur am Modell aus Plastik. „Am Schwein ist das viel realitätsnäher“, findet Spiegler. „So etwas sollte im Studium viel öfter gemacht werden.“

Das sieht Professor Ernst Hanisch, Chefarzt an der Langener Asklepios Klinik, genauso. Der Chirurgennachwuchs liegt dem 63-Jährigen am Herzen, deshalb hat er den ganztägigen Workshop gemeinsam mit elf Kollegen aus insgesamt sechs verschiedenen Kliniken auf die Beine gestellt. Vor allem abseits der Großstädte gebe es mittlerweile durchaus einen Mangel an jungen Leuten, die in die Chirurgie drängen, weiß Hanisch. „Früher hatte ich so einen Stapel an Bewerbungen auf dem Tisch liegen“, sagt der Chefarzt für Viszeral- und Thoraxchirurgie und malt mit der Hand einen gigantischen Papierberg in die Luft. „Heute bewerben sich die Arbeitgeber um den Nachwuchs.“

Deswegen bieten die Ärzte in zwei großen Seminarräumen einiges an, das Lust auf die Chirurgie machen soll. Neben dem Aufschneiden und Zunähen von Schweinebäuchen können die Studierenden etwa ausprobieren, mit filigransten Werkzeugen Löcher, so dünn wie Spaghetti-Nudeln, in einen Knochen zu bohren. Oder wie schwierig es ist, mit zwei schmalen Greifarmen einen Knoten in eine Schnur zu fädeln, wenn man das Ganze nur auf einem Bildschirm sieht statt mit den eigenen Augen.

Archivbilder

Brand in Asklepios Klinik

Neben den Übungsstationen warten auch Vorträge auf die Besucher, in denen es um Themen wie die Ausbildung und den Arbeitsalltag eines Chirurgen geht. Hanisch ist es dabei wichtig, auch ein paar Werte zu vermitteln. „Wir sind keine Operationsroboter“, betont er. „Mit dem Patienten zu reden, ihm zuzuhören und ihn zu respektieren ist genauso wichtig.“

Um den Eifer von Lea Fritsch muss sich der Mediziner jedenfalls keine Sorgen machen. Die 15-Jährige geht im Gegensatz zu den meisten anderen Teilnehmern noch zur Schule, hat aber schon sehr konkrete Vorstellungen für die Zeit danach: auf jeden Fall Medizin studieren und auf jeden Fall Chirurgin werden. Andere Bereiche der Medizin reizen die Dreieicherin nur bedingt: „Da macht man ja nichts außer Tabletten verschreiben.“ Auch wenn ihr im Keller der Stadthalle manche Fachbegriffe noch etwas spanischer vorkommen als ihren studierenden Mitstreitern, hat Fritsch die Teilnahmegebühr von 25 Euro keineswegs bereut. „Von Leuten aus der Praxis zu lernen“, sagt sie, „ist sehr hilfreich.“

Am anderen Ende des Raumes ist Hanisch derweil damit beschäftigt, die Funktionsweise eines Ultraschallgeräts zu demonstrieren – am Bauch einer Teilnehmerin. Es soll ja schließlich praxisnah zugehen. Hanisch findet es „toll, dass die Studenten sich Zeit nehmen, um Informationen aus erster Hand zu bekommen“. Deswegen soll es die „Chirurgie zum Mitmachen“ künftig zweimal pro Jahr geben. „Chirurgie ist Teamwork und lebt von Supervision“, ist Hanisch überzeugt. „Wir brauchen ein Klima, in dem man angstfrei Fragen stellen kann.“

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