Kindern eine gute Zukunft ermöglichen

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Die Musikschule spielte die Nationalhymnen, während die Bürgermeister der Partnerstädte ihre jeweiligen Landesfahnen hissten: Mit der offiziellen Begrüßung begann am Samstag das Städtetreffen, das morgen zu Ende geht.

Langen - Es sind Tage des Zusammenseins mit Freunden aus fremden Ländern, Tage gemeinsamer Unternehmungen, gemeinsamen Feierns: In Langen findet bis morgen das Städtetreffen statt; die Gäste kommen aus den Partnerstädten Romorantin, Long Eaton, Tarsus und Aranda de Duero. Von Markus Schaible

Aber bei all der Freude werden auch Probleme angesprochen. „Wir wollen bei alledem voneinander lernen“, sagt Bürgermeister Frieder Gebhardt. „Darin sehe ich einen tieferen Sinn unserer Partnerschaften. “.

Und so stand die offizielle Eröffnung unter dem Motto „Wie geht’s bei uns?“ Und dabei zeigte sich, dass Langen (was natürlich auch nicht zu erwarten war) im Kreise der Partnerstädte mit seinen aktuellen Problemen nicht allein dasteht. Im Gegenteil: Es geht sogar noch schlimmer. Wobei jeweils große Anstrengungen unternommen werden, die Krise zu bewältigen und sie auch zu positiven Veränderungen zu nutzen.

Im Jahr 2003 verlor Romorantin (rund 18 000 Einwohner) auf einen Schlag 2000 Arbeitsplätze durch die Schließung des Automobilwerks Matra, berichtete Bürgermeister Jeanny Lorgeoux. „An diesem Tag begann die Krise für unsere Stadt. Die negativen Effekte, die sich danach einstellten, wurden durch die Rezession der gesamten Wirtschaft noch verstärkt.“ Allerdings ergab sich auch die Möglichkeit, zwei Viertel in der französischen Stadt (darunter das Matra-Gelände) von Grund auf zu sanieren. Zudem gebe es Pläne, neue Betriebe anzusiedeln.

In Long Eaton (45 000 Einwohner) ist die über dem Landesdurchschnitt liegende Jugendarbeitslosigkeit ein Problem. Die Chancen für die jungen Leute seien dünn gestreut, erläuterte Bürgermeisterin Val Clare. Ein zweites Problem – das dürfte den Langenern vertraut vorkommen – sind die leeren Geschäfte im Zentrum der englischen Stadt.

Auch außerhalb der EU sind die Probleme groß, wie Burhanettin Kacamaz, Bürgermeister aus Tarsus, hervorhob. In der türkischen Stadt (mehr als 300 000 Einwohner), einst Tor zum Seehandel und wichtige Kreuzung der Seidenstraße, ist die Arbeitslosigkeit heute doppelt so hoch wie im Landesdurchschnitt. Noch vor 30 Jahren galt Tarsus als „Brotkorb“ der Türkei und zog Menschen aus Nord- und Ostanatolien wie ein Magnet an, so Kocamaz; sie wurde Heimat für viele Menschen mit niedrigem Einkommen. Folge heute: „Wenn die Türkei hustet, bekommt Tarsus die Grippe.“ Auf den fruchtbaren Böden gedeihen Weizen und Zitrusfrüchte; allerdings sei die Bedeutung der Landwirtschaft durch Fehler in der Innenpolitik und Druck der Außenwelt verloren gegangen, erklärte der Bürgermeister: „Heute können wir sagen, dass im Agrarbereich in Tarsus 32 000 Bauern kämpfen, um sich über Wasser zu halten.“ Agrarflächen wurden zu Industriebetrieben, aber auch dies brachte aufgrund des internationalen Wettbewerbs und stellenweise außenpolitischer Sanktionen keinen dauerhaften Erfolg. Allerdings setzt Tarsus weiter auf diesen Bereich: Eine erste organisierte Industriezone brachte laut Kocamaz positive Auswirkungen, eine zweite wurde kürzlich eröffnet, eine dritte soll folgen. Zudem gebe es Förderprogramme zur Unternehmensgründung für junge Menschen.

Und: Tarsus setzt „mit der aktiven jungen Bevölkerung“ auf den Fremdenverkehr. „Unsere Stadt, die Jahrtausende lang die Heimat verschiedener Zivilisationen und Kulturen war, ist besonders im Tourismusbereich nicht auf dem Platz, der ihr zusteht“, sagte der Bürgermeister. Deshalb und mit staatlicher Unterstützung werde gerade das größte Flughafenprojekt des Nahen Ostens umgesetzt, dazu sollen Unterkünfte mit einer Kapazität von 10 000 Betten geschaffen werden. Dabei setzt Tarsus sowohl auf Strandurlauber als auch auf die Bereiche Golf, Kultur und Historie. Mittelfristig sei 40 Kilometer entfernt im Taurusgebirge sogar ein Skizentrum geplant, berichtete Kocamaz.

Insofern ist klar: Die Krise hat die Partnerstädte mindestens so stark erfasst wie Langen und jede muss ihren eigenen Weg finden, wie sie herauskommt. Wobei Jeanny Lorgeoux dennoch einen Vorschlag für ein gemeinsames Vorgehen hat: „Lasst uns die Jugend zu unserer Speerspitze machen und es jedem Jugendlichen ermöglichen, der dieses wünscht, berufliche Erfahrungen in einer unserer Städte zu sammeln; lasst uns unsere Austauschmaßnahmen auf schulischer, kultureller und sportlicher Ebene intensivieren, sodass die Städtepartnerschaft den Rahmen abgibt für die Zusammenarbeit in allen möglichen Bereichen. Auf dass unsere Kinder das finden, was sie zu Recht von uns erwarten dürfen: Vertrauen in die Zukunft.“

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