Kino-Geschichte in Langen

Als die Bilder laufen lernten

Langen - Die Geschichte der „bewegten Bilder“, des Films, ist eng verknüpft mit Namen wie Jean-Aimé LeRoy, den Brüdern Max und Emil Skladanowsky und den Franzosen Auguste und Louis Lumière. Von Herbert Bauch

Die wohl erste öffentliche Filmvorführung vor zahlendem Publikum fand am 1. November 1895 in Berlin durch die Erfinder und Geschäftsleute Skladanowsky statt. Doch es sollte noch fast ein Vierteljahrhundert dauern, bis die Kinematografie auch in Langen Einzug hält.

Die Ära des neuen Mediums beginnt in Langen nach dem Ersten Weltkrieg. Die Lokalpresse meldete am 25. April 1919: „Für Kinofreunde wird nunmehr in Langen reichlich Gelegenheit geboten sein, sich Unterhaltung zu bieten, denn zwei Lichtspieltheater werden in den nächsten Tagen hierselbst eröffnet. Das eine etabliert sich im Saale des Herrn J. Meckes, und das andere nimmt den Betrieb in der ehemaligen Wirtschaft ‚Zur Stadt New York‘ auf.“

Attraktion auf Rummelplätzen

Noch um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war die Kinematografie vor allem eine große Attraktion auf Rummelplätzen und Jahrmärkten, in Zirkussen, Varietés und Gastwirtschaften gewesen. Erst nach 1905 wird der Film sesshaft. In den Großstädten eröffnen feste, ganzjährig betriebene Lichtspieltheater. Im Frühjahr 1906 geht das erste Frankfurter Kino, die „Corso-Lichtspiele“ auf der Kaiserstraße, an den Start. Zwei weitere Filmtheater folgten im gleichen Jahr, auch sie im Umfeld des Hauptbahnhofs und damit in der Nähe der Pendlerströme gelegen. Die „bewegten Bilder“ stiegen rasch zur beliebtesten Vergnügung der Zeit auf und hielten Einzug in den Alltag von Arbeitern und Handwerkern, kleinen Angestellten und Beamten, Dienstmädchen und Bürofräuleins, während sich das Bürgertum vorerst abwartend bis ablehnend der Kinematografie gegenüber verhielt.

Zurück nach Langen: Jakob Meckes hatte in dem Kopf-an-Kopf-Rennen, wer es denn nun schaffen würde, im Ort das erste Kino zu eröffnen, knapp die Nase vorne. Stolz nannte er seinen Vorführungsort das „I. Langener Lichtspieltheater“. Dieses war in seinem Gasthaus „Zum Lindenfels“ in der Bahnstraße 25 untergebracht; die Filme wurden in einem Saal, der über dem Schankraum lag, gezeigt. Die „Germania-Lichtspiele“ befanden sich im Hinterhaus der Darmstädter Straße 19, die Direktion bestand aus Georg Josef Vogler und Georg Meyer.

Die örtlichen Kino-Pioniere hatten zuvor jedoch ein kompliziertes Genehmigungsverfahren zu durchlaufen. Galt es doch, eine Lizenz für den Vorführbetrieb von der französischen Militärbehörde zu erhalten, denn Langen stand zu dieser Zeit unter Kuratel der Franzosen. Diese hatten die Stadt – als Teil des Mainzer Brückenkopfes – kurz vor Weihnachten 1918 besetzt, als eine Folge des vom Wilhelminischen Kaiserreich verlorenen Krieges.

Am 26. April 1919 war es dann endlich so weit. Der Film feierte in Langens Erstem Lichtspieltheater seine Premiere mit dem Streifen „Mazappa, der Volksheld der Ukraine“. Das Drehbuch stammte von Martin Berger, der auch Regie führte. Von den Darstellern überlebten künstlerisch viele die Stummfilmzeit nicht; eine Ausnahme bildete Werner Krauß, der den Mazappa gab und auch noch in den 1950er-Jahren drehte.

„Germania-Lichtspiele“ zogen nach

Die „Germania-Lichtspiele“ zogen am 2. Mai nach. Ende Mai zeigten sie beispielsweise einen der damals beliebten Detektivfilme: „Der Tod des Baumeisters Ohlsen“, produziert von Richard Oswald, der in der Weimarer Republik als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent eine wichtige Rolle im deutschen Filmwesen spielte.

Beide Spielstätten zeigten in der Folge die gängigen Streifen der Zeit, meist leichte Unterhaltung, und boten auch Programme für Kinder und Jugendliche an.

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Hoffnung auf ein Kino

Bemerkenswert ist jedoch, dass bereits Ende Mai 1919 im „Germania“ der erste Teil einer Produktion zur Aufführung gelangte, deren inhaltliche Ausrichtung Zeitgenossen gerne mit der Bezeichnung „Sittenfilm“ belegten. Es handelte sich um den „großen Kulturfilm in zwei Teilen von je fünf Akten zur Bekämpfung des Mädchenhandels“. „Der Weg, der zur Verdammnis führt“, war nur für Erwachsene zugelassen und die Kinobetreiber machten einen „großen Kostenaufwand“ für „dieses großartige Filmwerk“ geltend, um „eine Preiserhöhung von 20 Pfennig pro Platz“ zu rechtfertigen. Im Herbst folgte der von Richard Oswald gedrehte aufklärerische Streifen „Es werde Licht“ – eine Produktion, die bereits 1917 während des Ersten Weltkriegs die Gefahren und Auswirkungen der Syphilis in den Fokus rückte und mit wissenschaftlicher Unterstützung der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten gedreht wurde. Um die Seriosität des Films zusätzlich zu unterstreichen, hatte der Betreiber des Ersten Hauses am Platze noch einen Referenten zur Aufführung eingeladen.

Jakob Meckes hatte zwar im Rennen um die Einrichtung der ersten Langener Spielstätte gesiegt, aber ihm ging auch schnell der Atem aus. Am 16. April 1921, nach gerade zwei Jahren fiel im „I. Langener Lichtspieltheater“ der vorläufig letzte Vorhang. Erst 1949 hieß es an gleicher Stelle wieder: „Vorhang auf“ – im legendären „Lili“, den „Lindenfels-Lichtspielen“.

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