Kinos vor dem Aus

„Das Risiko ist alleine untragbar“

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Der Kinochef in einem der roten Sessel, in denen sich schon so viele Langener zurückgelehnt haben. „Es tut mir in der Seele weh, wenn ich an meine Familie, meine Mitarbeiter und die Langener Kinokultur denke“, sagt Jürgen Seebacher. Aber nun sei ein Punkt erreicht, an dem der Verstand dem „Cineasten Seebacher“ ohne Wenn und Aber gebiete, auf den „Kaufmann Seebacher“ zu hören.

Langen - Die Nachricht, dass Langen Ende August ohne Kinos dastehen wird, kam aus heiterem Himmel– sie hat viele in der Stadt bestürzt. Von Holger Borchard

Am härtesten getroffen hat sie freilich jene Menschen selbst, die seit 17 Jahren Kino in Langen gelebt haben: Jürgen Seebacher und seine Frau Sandra Fuchs-Seebacher.

Im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert Jürgen Seebacher die Hintergründe einer Entscheidung, „die wir uns wahrlich nicht leicht gemacht haben“. Außerdem redet der 45-Jährige Tacheles, was die in seiner ersten Mitteilung vom Montag angedeuteten „unschönen Entwicklungen“ angeht.

„Am härtesten war es, als ich meiner Familie und den Angestellten die Entscheidung mitgeteilt habe, dass es nicht mehr weitergeht“, erzählt Jürgen Seebacher mit belegter Stimme. „Das ist in beiden Fällen nicht ohne Tränen abgegangen.“

Wie konnte es so weit kommen?

Wenn am 28. August, ein Mittwoch, die letzten Vorhänge in den Lichtburg Kinos in der Bahnstraße und dem Neuen UT in der Rheinstraße fallen, verlieren 20 Angestellte (die meisten von ihnen sind Teilzeit-Kräfte) den Job. Wie es mit ihm persönlich und seiner Familie weitergeht, weiß Seebacher auch noch nicht – „darüber werde ich mir vor Ende September kaum Gedanken machen können, denn bis dahin habe ich einen Kinobetrieb abzuwickeln ...“ Er hofft freilich, dass die Kunden bis zum letzten Tag die Treue halten, und verspricht, im Gegenzug das anspruchsvolle Filmprogramm bis Ende August aufrecht zu erhalten. Doch dazu später mehr.

Wie konnte es so weit kommen? Das ist die Frage, die alle interessiert. „An den Besucherzahlen liegt es gewiss nicht“, betont Seebacher. „Die haben uns, wie es in einem Stadtkino unserer Größenordnung nun mal an der Tagesordnung ist, nicht reich gemacht, aber sehr wohl ein Auskommen gegeben.“ Weder seien die Langener Kinos pleite, noch müsse man sich finanziell Sorgen machen, doch nun stehe eine Investition an, die „ein kaufmännisches Risiko am Rande des Selbstmords“ darstelle. Schätzungsweise 1,5 Millionen Euro müsste Seebacher in die unausweichliche Umrüstung auf digitale Technik und die in diesem Kontext fällige Modernisierung beider Lichtspielhäuser stecken – „und das in Immobilien, die uns nicht gehören“, merkt der Kinochef an.

„Ich bin kein Bettler!“

Ab September werden Kinos nicht mehr mit den analogen 35-Millimeter-Filmrollen beliefert – das ist die technische Komponente des Problems: „Die US-Produzenten stellen das Format bis Jahresende komplett ein, an der Investition von fast einer Million für drei Kinos führt insofern kein Weg vorbei“, sagt Seebacher. Mehr als 50 Prozent der Kosten für die Digitalisierung hätte er über Fördermittel erstattet bekommen, sofern er Mietverträge mit mindestens zehnjähriger Laufzeit für die Kinos vorlegen könnte. „Fakt ist: Wir haben gar keinen schriftlichen Mietvertrag und in 17 Jahren haben unsere Vermieter nicht einmal Geld in ihr Haus gesteckt“, findet der Kinochef deutliche Worte, die vornehmlich an die Adresse der Lichtburg-Eigentümer gehen.

Das Risiko alleine zu schultern und schlimmstenfalls seine Familie heillos zu überschulden, könne und werde er nicht eingehen – „da muss ich an uns denken und nicht an die Kinokultur in Langen“, stellt Seebacher klar. „Wer mich kennt, der weiß: Ich bin kein Bettler!“ Nun sei eine Grenze erreicht, die zu überschreiten der „Cineast Seebacher“ dem „Kaufmann Seebacher“ nicht mal ansatzweise schön reden könne. „Manch anderer hätte wohl schon früher die Reißleine gezogen“, sinniert er. „Aber ich habe nun mal eine ganz eigene Auffassung davon, was Kinokultur ausmacht.“ Am treffendsten verdeutlicht das wohl eine Tatsache: In 17 Betriebsjahren gab es nicht einen Tag, an dem die Langener Kinos geschlossen waren.

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Mehr für den Ausstieg als dagegen spreche im Übrigen das ambivalente Verhältnis zur Stadtverwaltung, merkt Seebacher an. „Wir haben immer gern und viel mit der Stadt gemacht – Sonder-, Jugend-, Seniorenveranstaltungen und Ähnliches – und immer war klar: Es durfte nur unser Geld kosten“, sagt Seebacher. Mit Leuten wie Ex-Stadtarchivar Herbert Bauch, Jugendpfleger Uwe Aldinger oder der Frauenbeauftragten Annerose Gebhardt habe er immer gerne und gut zusammengearbeitet, aber: „Kulturamtsleiter Joachim Kolbe ist für mich ein rotes Tuch“, erklärt Seebacher rundheraus. „Der hat uns verarscht und uns Steine in den Weg gelegt, wo er nur konnte – und deshalb habe ich auch gerade dieser Tage den städtischen Kulturpreis dankend abgelehnt, mit dem Kolbe & Co. mich demnächst auszeichnen wollten. Ich habe Bürgermeister Frieder Gebhardt in einem Antwortbrief geschrieben, dass es mich ehrt, aber das Thema leider durch ist.“

Bevor der letzte Vorhang fällt, will Jürgen Seebacher den Kinofans noch mal ein Bonbon bieten. Abgesehen von exklusiven Vorpremieren wie etwa am nächsten Mittwoch, 17. Juli, „Kindsköpfe 2“ und Streifen der „Auslese“-Reihe wird in den letzten beiden Augustwochen noch mal ein Sommer-Traum-Kino stattfinden, das unsere Zeitung exklusiv begleiten und den Kinospaß mit täglichen Gutscheinen noch ein bisschen günstiger machen wird.

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