Videokonferenz

Kommunalwahl in Langen: Kandidaten stellen sich Fragen von Erstwählern

Videokonferenz mit Erstwählern und Kommunalwahl-Kandidaten in Langen
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Online statt Stadthalle: Alle acht Parteien und Gruppierungen haben Vertreter entsandt, um mit den Erstwählern zu diskutieren.

Bei einer Videokonferenz der Initiative WählenGehen diskutieren Kommunalwahl-Kandidaten aus Langen über Fragen, die Erstwählern wichtig sind. Zum Thema Flüchtlinge herrscht Einigkeit, zu einer möglichen Herabsetzung des Wahlalters nicht.

Langen – Anna Sehring hat es an diesem Abend etwas schwerer, ihre Standpunkte zu vertreten als die politische Konkurrenz. Das liegt jedoch nicht daran, dass die Spitzenkandidatin der FWG-NEV für die Kommunalwahl am 14. März nichts zu sagen hätte. Es handelt sich schlichtweg um höhere Gewalt: Die Internetverbindung macht Probleme, immer wieder setzt bei ihr der Ton aus. Pfarrer Steffen Held nimmt es mit Humor: „Ein Aufruf an alle in der Kommunalpolitik, die Bandbreite zu erhöhen“, witzelt er.

Ein paar technische Schwierigkeiten gehören in diesen Zeiten eben dazu, wenn man sich in großer Runde versammeln will. Eigentlich hatte die Initiative WählenGehen – ein Zusammenschluss von evangelischer und katholischer Kirche, Deutschem Gewerkschaftsbund, Gewerbeverein und neuerdings auch dem Jugendforum – gehofft, in der Stadthalle eine Podiumsdiskussion für Erstwähler anbieten zu können. Doch Corona machte das unmöglich. Stattdessen können die jungen Langener nun den Kandidaten aller acht für die Wahl zugelassenen Parteien und Gruppierungen über die Videoplattform Zoom digital auf den Zahn fühlen – souverän moderiert von Jonathan Bari und Leonie Borst aus dem Vorstandsteam des Jugendforums.

Eröffnet wird die mehr als zwei Stunden lange Runde mit einem für viele junge Leute sehr wichtigen Thema: Die Politiker sollen ihre Ideen für den Klimaschutz vorstellen. „Modernen Umweltschutz statt Verbotspolitik“, fordert Christian Jaensch (FDP). Seine Partei setze auf Bürgerbeteiligung und eigenes Engagement. Man müsse die Menschen noch mehr aufklären, „zum Beispiel über die Möglichkeiten am eigenen Haus“. Jens Duffner (Grüne) ist Eigenverantwortung nicht genug, er verlangt einen hauptamtlichen Klimaschutzmanager für die Stadt Langen. Michael Kraus (Freie Wähler/UWFB) regt an, dass städtische Gebäude eine Dachbegrünung bekommen, die Stadtwerke auf E- oder Wasserstoffbusse umsteigen und die Einbahnstraßenregelung auf der Bahnstraße beibehalten wird, da sie fahrradfreundlicher sei. Sehring will „den Wald, der noch da ist, erhalten“ und den ÖPNV ausbauen. In die gleiche Kerbe schlägt Matthias Rohrbach (Linke). Er empfiehlt Marburg als Vorbild: Dort ist Busfahren seit kurzem am Wochenende kostenlos. Und wer keine weiteren Grünflächen kaputt mache, müsse auch „nicht hinterher viel Geld ausgeben, um neue zu schaffen“. Marina Götz (SPD) macht sich für das Anpflanzen von Bienenwiesen und kleine Hopper-Busse, wie sie im Ostkreis bereits fahren, stark. Christian Gött (CDU) ist wichtig, dass der Paddelteich saniert wird, „das ist kein guter Zustand“. Auch wolle sich die CDU für klimakompatible Vorgärten und Insektenhotels einsetzen. Joost Reinke (WiLa) verlangt einen „Klimavorbehalt für jede größere kommunalpolitische Entscheidung“. Die neugegründete Wählerinitiative stehe für das Motto: „Mehr Grün statt Beton“.

Ziemlich einig sind sich die Parteienvertreter dann beim Thema Flüchtlinge. Langen ist eine weltoffene Stadt und könnte durchaus noch mehr Migranten aufnehmen, so der einhellige Tenor. Götz, die selbst in Russland geboren und vor 20 Jahren nach Langen gezogen ist, bescheinigt der Stadt eine „gute Willkommenskultur“. Langen habe seit 2015 bewiesen, „dass wir eine Stadt der Vielfalt sind“, findet auch Gött. Mit Blick auf das griechische Flüchtlingslager Moria betont Duffner daher: „Ich wäre sehr dafür, dass Deutschland ein größeres Kontingent von dort aufnimmt. Langen würde bestimmt auch Flüchtlinge nehmen. Die Zustände dort sind einfach menschenunwürdig.“ Auf die Nachfrage, was man tun sollte, wenn einem dann doch mal fremdenfeindliche Parolen begegnen, rät der Grünen-Kandidat: „Einfach das Maul aufmachen, dass wir das nicht tolerieren – auch in den sozialen Netzwerken.“

Etwas kontroverser wird es beim nächsten Thema: Sollte das Wahlalter auf kommunaler Ebene auf 16 Jahre herabgesenkt werden? Auch wenn Gött richtigerweise anmerkt, dass dies nichts sei, was die Stadt beeinflussen könne, gibt es einige starke Meinungen dazu. In Richtung des Jugendparlaments sagt Jaensch: „Ihr alle seid genügend politisch engagiert und interessiert.“ Er gibt jedoch zu bedenken: „Verfügt jeder 16-Jährige über die nötige Reife, um sich nicht von sozialen Medien und Fake News verleiten zu lassen?“ Er habe da so seine Zweifel, sagt der FDP-Politiker. Reinke, der in Hanau als Gymnasiallehrer arbeitet, sagt, er erlebe „an der Schule sehr vernünftige 13- und 14-Jährige, die zum Teil reifer sind als mancher 30-Jährige“. Beeinflussbarkeit sei nicht vom Alter abhängig. Das sieht auch einer der jugendlichen Zuhörer so, der sich in die Diskussion einklinkt. „Wenn ich mir die Querdenker-Demos angucke“, sagt er, „sind das eher ältere Leute, die dort mitlaufen“. Und wenn er sehe, was seine Oma manchmal in die Whatsapp-Gruppe der Familie poste, „kommt es mir eher so vor, dass sie nicht zwischen echt und Fake News unterscheiden kann“.

Auch das rasante Wachstum der Stadt kommt zur Sprache. Eine „Phase des Zusammenwachsens“ sei nun nötig, findet Gött. Daher spreche sich die CDU dafür aus, über die bereits beschlossenen Areale hinaus in den nächsten Jahren keine weiteren Wohnbaugebiete mehr auszuweisen. Duffner rechtfertigt die vielen Bauprojekte: „Wir hatten einen Riesenbedarf an Wohnungen. Und wenn man Mangel hat, wird Wohnen extrem teuer.“ Aber auch er hält das Ganze nun für „ausgereizt“. Duffner: „Wir müssen gucken, dass wir nicht noch mehr Natur opfern.“

Zum Abschluss gibt es für die Erstwähler noch eine kleine Einführung ins Kumulieren und Panaschieren. Bliebe also nur noch eine Frage zu klären: Warum sollte man überhaupt wählen gehen? „Weil man bei der Kommunalwahl die Lebensbedingungen vor Ort wie bei keiner anderen Wahl mitbestimmen kann“, sagt Gött. Reinke erinnert daran, Wählen sei „ein großes Vorrecht, das sich Menschen vor uns mühsam erkämpft haben“. Und Sehring findet: „Wer nicht wählen geht, darf sich hinterher auch nicht beschweren.“ (Manuel Schubert)

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