140 Jahre VVV

Ein Kosmopolit wird zum Glücksfall

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Friedrich Keßler in Soldatenuniform. Die Memoiren des VVV-Gründers lesen sich wie ein Abenteuerroman.

Langen - Zum 140-jährigen Bestehen hat der Verkehrs- und Verschönerungsverein sich und den Langenern ein literarisches Geburtstagsgeschenk gemacht: Das Buch „Von Bänken, Bäumen und Bembeln – 140 Jahre VVV von 1878 bis 2018“ skizziert die untrennbar mit der Stadthistorie verbundene Vereinsgeschichte von der Gründung bis in die Gegenwart. Von Holger Borchard 

Wir bieten Appetithäppchen aus dem höchst lesenswerten 224-Seiten-Werk im Rahmen einer kleinen Serie. Der Auftakt ist VVV-Gründer Friedrich Keßler gewidmet.

Die Lebenserinnerungen des Gründers und ersten Vorsitzenden des Langener Verkehrs- und Verschönerungsvereins sind im neuen Buch erstmals in voller Länge abgedruckt. Die Original- und Urschrift der „Memoiren“ Friedrich Keßlers bewahrt dessen Urenkel Manfred Weil im Familienarchiv auf, ebenso das historische Fotomaterial. All dies hat Weil den Machern des Jubiläumsbands zur Verfügung gestellt.

„Endstation Langen – das abenteuerliche Leben des Söldners, Eisenbahners und Vereinsgründers Friedrich Keßler, von ihm selbst erzählt“ ist der erste große Themenblock des Buchs überschrieben. Er bietet hoch spannende, in dieser Form und Fülle nie zuvor veröffentlichte Lektüre – und konfrontiert den Leser mit einer verblüffenden Erkenntnis. So fesselnd Keßler zu schreiben weiß, so frank und frei (zumindest für die damalige Zeit) seine Wortwahl auch ist, eines erwähnt er mit keinem Wort: Dass er nämlich 1878 den Verschönerungsverein gegründet hat – als einen der ersten Verkehrsvereine in Deutschland überhaupt. Dieser bürgerschaftliche Zusammenschluss hat seitdem wie kein anderer die Stadtentwicklung beeinflusst, dem „Präsidenten Keßler“ freilich ist’s keine Zeile wert.

Friedrich Keßler wird am 16. Januar 1843 in Hanau geboren, als Kind einer nordhessischen Soldatenfamilie. Er soll Lehrer werden, haut aber als 17-Jähriger von zuhause ab. Er stürzt sich in ein Söldner- und Abenteurerleben, das ihn nach Mexiko und in die USA führt. Keßler verdingt sich als Legionär, wechselt häufig die Seiten und desertiert fast ebenso oft; ein paar mal entkommt er nur knapp der Hinrichtung.

1870 macht er den Deutsch-Französischen Krieg mit, hängt danach den Soldatenrock an den Nagel. In den Staaten hat er den Beruf des Geometers erlernt – den übt er hier auch aus. Er arbeitet als Planer bei der Eisenbahn, kommt so nach Frankfurt, zieht 1874 nach Langen, gründet eine Familie, baut ein Haus und eröffnet darin 1882 eine Gastwirtschaft. Er stirbt am 7. September 1917.

Keßler heiratet drei Mal, zwei seiner Ehefrauen sterben. Die vier Kinder aus seiner ersten Ehe sterben noch zu seinen Lebzeiten. Er hat viel Pech: arbeitslos, schwer krank, die Gastronomie wirft nicht viel ab.

Keßler hat Memoiren verfasst. Den größten Part darin nehmen die Wander- und Abenteurerjahre in Mexiko und im Wilden Westen ein. Im Vorwort an „Meine lieben Kinder“ schickt er voraus: „Wenn ich Euch in nachstehendem einen Abriss meines wechselvollen Lebens hinterlasse, so hoffe ich, Euch in doppelter Hinsicht einen Dienst zu erweisen. Ihr werdet sowohl ein bei Euch voraussichtliches Interesse an der Vergangenheit Eures Vaters befriedigt finden, als auch durch ein aufmerksames Durchlesen dieser Zeilen in die Lage versetzt werden, die von ihm gemachten Fehler aufzufinden, um sie für Euch selbst zu vermeiden.“

Friedrich Keßler kommt anno 1874 als 31-jähriger, weit gereister Mann in das damals noch verschlafene Bauerndorf Langen, weil er in der Großstadt Frankfurt eine Anstellung als Eisenbahnplaner und -zeichner gefunden hat. Er tut sich das, so berichtet er in seinen Lebenserinnerungen, aus rein pragmatischen Gründen an. „Da zur Zeit die Wohnungen in Frankfurt sehr teuer waren und meine jüngste Schwester Christiane in dem nur drei Stunden entfernten Langen an einen Gastwirt verheiratet war, zog ich dahin.“

Die schönsten Orte in Langen: Leserbilder 

Fortan wohnt der Globetrotter, Kosmopolit und Geometer mit seiner Frau Gertraude (vom ihm liebevoll „Traudchen“ genannt) und den Söhnen Karl und Otto für Jahre im alten Ortskern von Langen – wohl bei seiner Schwester im Gasthaus „Zum Adler“ in der Fahrgasse 17, Ecke Wassergasse. Im Oktober 1879 bezieht die Familie ein neues am Bahnhof (heute Bahnhofsanlage 9). 1880 wird Keßler arbeitslos und die Familie richtet im Haus ein „Spezereigeschäft“ (Lebensmittelladen) ein, um etwas zu verdienen. Der Laden läuft schlecht, der Familie geht es schlecht. Keßlers Frau stirbt an einem Herzleiden; das nur ein halbes Jahr alte Töchterchen Ottilie an Diphterie. Keßler will zunächst das Haus verkaufen, eröffnet dann jedoch am 1. April 1882 zusätzlich zum Laden eine „Wirthschaft“.

Gesundheitliche und wirtschaftliche Nöte bleiben Keßlers Begleiter. „Der materielle Ruin vor Augen, von den Feinden und von den Freunden gemieden, (…) siechte ich, an Körper und Geist gebrochen dem erlösenden Tod entgegen“, schreibt er später in seinen Memoiren. Erst ab Herbst 1885 geht es ihm besser, er findet wieder Arbeit, auch die Gaststätte scheint zu laufen.

Im Langener Adressbuch von 1900 empfiehlt Keßler in seiner Gaststätte „Zum Taunus“: „gute Speisen kalt und warm, gute Getränke, schöner Garten, Colleg“. Der schöne Wirtsgarten war unter der Platane, die wohl Keßler selbst gepflanzt hat – erklärtermaßen als „Musterbaum“ für die Platanenallee in der Bahnstraße.

Nach dem Tod Friedrich Keßlers 1917 übernehmen seine Tochter Dora und sein Schwiegersohn Karl Roller das Lokal und betreiben es fortan beinahe 35 Jahre lang, ehe sie 1952 die seit 1882 im Familienbesitz befindliche Gastwirtschaft „Zum Taunus“ an Alois und Anni Ertel“ übergeben. Bis heute haben die Namen der Wirte und der Gaststätte munter gewechselt – was bleibt, sind die einzigartige Lage und der „Traum von einem Baum“.

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